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Saudi-Arabien Lotteriegewinn aus Riad

Trainer Pizzi treibt Saudi-Arabien nach vorn.

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Sprüht vor Zuversicht: Saudi-Trainer Juan Pizzi. Foto: AFP

Weder das eine noch das andere hielte Juan Antonio Pizzi für hilfreich. Schon im Vorlauf dieser am Donnerstag mit dem Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien (Donnerstag 17 Uhr MESZ/ ARD) beginnenden Weltmeisterschaft hatte der prinzipientreue Argentinier ausgeschlossen, das sagenhafte Solo von Saaed Al-Oweiran aus dem WM-Gruppenspiel 1994 gegen Belgien zu zeigen. Ein historischer Husarenstreich gegen Belgien, mit dem Saudi-Arabien erstmals das WM-Achtelfinale erreichte. Eine Sequenz, die am Persischen Golf so berühmt ist wie die Szene, in der Helmut Rahn Deutschland 1954 aus dem Hinterhalt zum WM-Titel schießt. 
„Alle kennen dieses Tor aus den glorreichen Tagen. Daran muss ich keinen erinnern“, betont Pizzi. Und erst recht braucht er keine bildhafte Reminiszenz an den WM-Auftakt 2002, als die saudischen Kicker gegen Deutschland mit 0:8 untergingen und im japanischen Sapporo mitleidig belächelt wurden. „Die Spieler wissen, dass es harte Zeiten gab.“ Die Ereignisse von damals könne man mit heute gar nicht vergleichen, meint auch Miroslav Klose, damals dreifacher Torschütze, heute im Trainerstab von Joachim Löw. Der Bundestrainer hat vergangenen Freitag beim 2:1-Arbeitssieg den großen Unbekannten ausdrücklich gelobt: „Sie haben enorme Fortschritte gemacht. Wenn sie so spielen, sind sie sehr unbequem. Weil sie fußballerisch gut sind, frech, klein, beweglich, flexibel, am Ball sehr gewandt.“ 

Kahn ist beeindruckt

Und auf einer Schwachstelle hilft der deutsche Fußball: Kein Geringerer als der ehemalige Welttorhüter Oliver Kahn kümmert sich über sein Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem Verband um die Torwartausbildung. Pizzi allerdings betont, dass Torwarttrainer Frans Hoek, eine Ikone auf diesem Gebiet, dann doch die Alltagsarbeit erledigt. Die Prachtleistung, die der 31 Jahre alte Abdullah Al-Muaiouf jüngst in Leverkusen bot, sprach Bände. „Ganz stark, fehlerlos“, befand der Torwartberater Kahn als beeindruckter Augenzeuge. 

Der Weltranglisten-67 – als nominell zweitschlechtester Teilnehmer in diesem Ranking drei Plätze vor Russland geführt – bringt im Luschniki-Stadion das Potenzial zum Stimmungskiller mit. Das Team stört gerne früh und schaltet schnell um. In dieser Hinsicht machten Pizzis Musterschüler („meine Spieler machen jeden Tag Fortschritte“) gegen den Weltmeister (fast) alles richtig. Nur beim Torabschluss haben der in der Qualifikation 16 Mal erfolgreiche Mohammed Al-Sahlawi und Kollegen noch gewaltig Luft nach oben.

Ansonsten ist die Handschrift eines Trainers erkennbar, der vergangenen Donnerstag seinen 50. Geburtstag feierte. In seiner Profikarriere selbst ein gefürchteter Torjäger, der bei CD Teneriffa so viel Aufsehen sorgte, dass ihn der FC Barcelona holte. Pizzi schaffte es 1998 auch zu einer WM-Teilnahme – allerdings im spanischen Trikot, wo er insgesamt 22 Einsätze hatte. Seine Vita als Spieler erklärt, warum er als Trainer in Argentinien und Spanien arbeitete. Die erfolgreichste Zeit erlebte er zuletzt als Coach der chilenischen Nationalmannschaft, die Pizzi mit seiner Pressing-Masche zum Gewinn der Copa America 2016 trieb. Löw imponierte diese Art des Überfallfußballs, für das Spielertypen wie Alexis Sanchez und an guten Tagen auch Arturo Vidal wie gemacht waren, so sehr, dass er seinen Chefscout Urs Siegenthaler nicht nur einmal nach Chile schickte. Beim Confed Cup 2017 standen sich Pizzi und Löw im Finale gegenüber, wo sich die deutsche B-Besetzung als cleverer erwies. 

„Jedes Spiel ist eine Chance“

Danach verpassten die alternden Leistungsträger prompt die WM-Qualifikation. Ihr Lehrmeister zog die Konsequenzen und trat im Oktober vergangenen Jahres zurück. Einen Monat später stellte sich Pizzi beim saudischen Verband als neuer Nationaltrainer vor. Sein Landsmann Edgardo Bauza war zuvor nur zwei Monate geblieben, der Niederländer Bert van Marwijk wollte seinen Vertrag nicht verlängern, weil er sich weigerte, seinen Wohnsitz nach Riad zu verlegen. 
Für die fußballbegeisterte Nation könnte Pizzis Inthronisierung wie ein Lotteriegewinn sein. Uruguay und Ägypten gelten in der Gruppe A auch nicht als Übermacht. Und mit dem Underdog-Status kann dieser Trainer mal gar nichts anfangen. „Das war noch nie mein Thema. An meiner Art der Spielvorbereitung oder auch der Spielweise ändert dies überhaupt nichts. Jedes Spiel bietet eine neue Chance.“ Für Juan Antonio Pizzi vielleicht sogar die größte seiner Karriere.

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