Lade Inhalte...

Saudi-Arabien Die WM-Bühne als Wegweiser

Eröffnungsspiel soll auch die gesellschaftliche Öffnung Saudi-Arabiens demonstrieren.

World Cup - Saudi Arabia Training
Traf 16 Mal in der WM-Qualifikation: Mohammed Al-Sahlawi. Foto: rtr

Auf der Klaviatur der digitalen Medien spielt der Fußballverband Saudi-Arabiens (SAFF) schon sehr gekonnt. Auf der Homepage verbergen sich hinter zwei verschleierten Frauen mit orientalischer Musik hinterlegte Szenen, die reichlich Mut für das heutige WM-Eröffnungsspiel beim Gastgeber Russland (17 Uhr/ARD) machen sollen. Vor allem die gelungenen Sequenzen aus der Generalprobe gegen Deutschland (1:2) nehmen eine zentrale Rolle eine. So manches Dribbling besaß vergangenen Freitag in Leverkusen wirklich Unterhaltungswert. Und damit im Moskauer Luschniki-Stadion auch der Sympathiefaktor nicht zu kurz kommt, haben die Fifa-Kanäle ein Video verbreitet, bei der Mohammed Al-Sahlawi und Kollegen noch vor dem öffentlichen Training am Montagabend im Petrovsky-Stadion von St. Petersburg zu den Rollstuhlfahrern gehen, um ihnen mitgebrachte Schals um die Hälse zu legen. „Champions!“ ruft ein behinderter Russe voller Glück.

Gewiss hätte es attraktivere Teams für den Auftakt gegeben als die zwei am schlechtesten in der Fifa-Weltrangliste platzierten, aber diese Konstellation bietet auch eine Chance: nämlich dem globalen Publikum neben dem fußballerischen Fortschritt auch die gesellschaftliche Öffnung Saudi-Arabiens zu demonstrieren. Die bereits viermal für eine WM qualifizierten Grünen Falken tauchen nach zwölf Jahren Abstinenz wieder auf dieser Bühne auf. Ein 0:1 gegen Spanien am 23. Juni 2006 im Fritz-Walter-Stadion von Kaiserslautern war der bislang letzte Auftritt.

Seitdem hat sich viel getan – im Land lange nicht zum Guten. Religiöser Extremismus, Unterdrückung der Frauen, Missachtung von Menschenrechten mitsamt Hinrichtungen warfen ein schlechtes Licht auf die absolute Monarchie. Nun sind zarte Gegenbewegungen im Gange, nachdem Kronprinz Mohammed bin Salman vor einigen Monaten verkündete, dass Land modernisieren zu wollen. Frauen dürfen Auto fahren oder ins Stadion gehen. Da passt es gut, wenn sich das 29-Millionen-Volk hinter der WM versammeln kann.

So ein Eröffnungsspiel wird zwangsläufig Teil der Historie. Speziell im Fall der Sensation, für die Nationaltrainer Juan Antonio Pizzi einen Plan ausgeklügelt hat. Fußballlehrer in Saudi-Arabien müssen indes jederzeit Rücksicht auf die religiösen Gepflogenheiten nehmen. Saudi-Arabien-Kenner Reinhard Stumpf erinnert sich daran, dass für die festen Gebetszeiten ganze Trainingseinheiten unterbrochen wurden.

Fußballer als Brückenbauer

Und während Nationen wie Ägypten, Marokko oder Tunesien ihre Besten im Ausland reifen ließen, wollte aus Saudi-Arabien lange kaum einer weg: Die Topklubs Al-Hilal in Riad und Al-Ahli in Dschidda, in denen 15 der 23 WM-Akteure unter Vertrag stehen, bezahlen die heimischen Kicker fürstlich. Im Zuge einer umstrittenen Kooperation mit dem spanischen Verband wechselten neun Profis im Januar leihweise in die erste und zweite spanische Liga. Das Projekt funktionierte nicht: Die Einsatzzeiten blieben überschaubar. Angreifer Mohammed Al-Sahlawi, dessen 16 Tore erst die Qualifikation sicherten, beschränkte sich im Rahmen einer angeblichen strategischen Partnerschaft mit Manchester United von vornherein auf drei Wochen Trainingsbetrieb.

Als Aufbauhelfer ist auch Oliver Kahn mit seiner Akademie in Riad tätig, um die Torhüter zu verbessern. Gegen ein Honorar versteht sich. Der ehemalige Welttorhüter sieht seinen Beitrag „als ein Mosaiksteinchen auf dem Weg zur angestrebten Modernisierung“. Auch ihm sind Symbole wichtig, die den Fußball als Brückenbauer ansehen, weshalb der Deutsche Fußball-Bund ja auch nur das Freundschaftsspiel mit Saudi-Arabien abgemacht haben wollte. Nichts ahnend, dass daraus reichlich Anschauungsmaterial für eine Überraschung zum WM-Start entstehen konnte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen