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Russland und die WM Schmerzhafte Verrenkung

In die sportlichen Erwartungen an die WM 2018 mischen sich die Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen in Russland.

Kazan
Herausgeputzt: In Kasan reifen manche Träume - nicht nur fußballerischer Art. Foto: rtr

Es ist nur bedingt hilfreich, wenn der bestellte Fahrer sich ungewollt inmitten drängelnder Fußballfans behaupten muss. Aibar, so sein Name, hatte jedenfalls am Dienstagabend größte Mühe, das Schild vom deutschen Ankömmling einigermaßen sichtbar in die Luft zu recken, denn in der Empfangsebene des Flughafens von Kasan war alles für das Eintreffen der kolumbianischen Nationalmannschaft vorbereitet. Jeden Moment könnte doch James Rodriguez durch die Pforte huschen – und so wurde jeder halbwegs sportlich wirkende Fluggast am Ausgang mit lautem Gekreische und einer wilden La-Ola empfangen. Wie die Japaner und Australier haben sich auch die Südamerikaner für ein Quartier in der Tartarenstadt entschieden, die das friedliche Zusammenleben der Kulturen verkörpert.

Kasan ist das tartarische Wort für Kessel – ein Schmelztiegel für 1,2 Millionen Menschen aus verschiedenen Völkern. Nirgendwo sonst sind sich Muslime, orthodoxe Christen und Atheisten so nah – prunkvolle Moscheen und prächtige Kirchen zeugen davon. Aibar ist in der „dritten Hauptstadt“ – den Namen hat sich Kasan schützen lassen – geboren, er studiert Zahnmedizin. Wenn er nicht über den Büchern hängt, fährt er Taxi. „Für mich ist das gutes Geld“, sagt er in einem ausbaufähigen Englisch.

Die WM als Verschnaufpause

Die insgesamt mehr als zehn Milliarden Euro teure WM verschafft auch ihm ein paar Rubel mehr, aber trotzdem weiß er nicht, wer in der halbautonomen Republik spielt. Geheimfavorit Frankreich am Samstag. Mitfavorit Spanien nächsten Mittwoch. „Wirklich? Interessant!“ sagt er höflichkeitshalber. Wenn heute im Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien im 825 Kilometer entfernten Moskau der Ball rollt, ist ihm etwas anderes viel wichtiger als der Sieg der Sbornaja: der Austausch mit anderen Menschen aus Europa.

Nicht mal jeder Zehnte der 142 Millionen Einwohnern Russlands besitzt überhaupt einen Reisepass, noch viel weniger waren überhaupt jemals im europäischen Ausland. Ein Punkt, an dem Wladimir Kaminer ansetzt. Der in Moskau geborene und seit 1990 in Berlin lebende Schriftsteller findet, dass die Russen mit der WM aus erster Hand erleben, dass die Welt ihr Land gar nicht unbedingt für das Reich des Bösen hält. Die Russen ständen unter großem Einfluss der Propaganda-Medien, die erzählen, wie schlecht die Welt auf sie zu sprechen ist. Und umgekehrt: „Die Menschen im Westen werden sehen, dass die Russen ganz normale Menschen sind.“

WM-Touristen müssen beinahe zwangsläufig mehr besuchen als den Roten Platz, weil die Teams eben auch in Jekaterinburg, Saransk oder Samara spielen. Mehr als die Hälfte der verkauften 2,4 Millionen Tickets sind ins Ausland gegangen, allein 88 825 in die USA, obwohl deren Auswahl sich nicht qualifiziert hat. Dahinter folgen Brasilien (72 512), Kolumbien (65 234) und Deutschland (62 541) als stärkste europäische Fraktion. Für Kaminer kommt die WM als Verschnaufpause gerade richtig, um die Demokratisierung voranzubringen: „Wenn die Politiker nicht miteinander können, dann wenigstens die Menschen. Das bringt Entspannung in die politische Lage.“

Staatskritik bleibt aus

Thomas Schönewolf, ein seit 13 Jahren in Russland lebender Dolmetscher, Reiseorganisator und Lebenskünstler, der nun in der Region Kranodar beheimatet ist, würde so weit in der Gegenwart nicht mehr gehen. Gewiss, der Russe sei extrem gastfreundlich, „viele freuen sich wirklich wie die kleinen Kinder auf ausländische Gäste.“ Aber: Die Unterdrückung hätte derart den Alltag durchsetzt, dass jegliche Form der Staatskritik ausbleibt. Zensur und Kontrolle gehen einher mit Gängelei und Korruption. „Ebenso wenig wie die Olympischen Spiele wird auch die WM die Lage nicht nachhaltig verändern: So etwas zu glauben, ist naiv.“

Kritiker machen dafür die zwei Männer verantwortlich, die sich in einem Werbedreh des Weltverbandes Fifa den Ball hin und her spielen: Fifa-Boss Gianni Infantino auf der einen und Staatspräsident Wladimir Putin auf der anderen Seite. Der inszenierte Doppelpass zweier machthungriger Despoten. Infantino findet, Russland sei der beste Gastgeber, den man sich wünschen kann – und Putin verspricht „ein Fest für Millionen Fußballfreunde voller Leidenschaft und Emotionen“. Eine WM als Propagandavehikel, um Macht und Einfluss abzusichern. Eine bessere Ablenkung von der Annexion der Krim, der Kriege in der Ukraine und Syrien gibt es kaum, wenn der Lichtkegel für mehr als vier Wochen auf ein Sportereignis mit solch Strahlkraft fällt.

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