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Russland Apparatschik des Mangels

Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow muss sich bei der WM im eigenen Land an einer fast unmöglichen Mission versuchen.

Stanislaw Tschertschessow
Hat das russische WM-Schicksal in den Händen: Stanislaw Tschertschessow. Foto: afp

Besucher im Dortmunder Fußballmuseum staunten am 15. Mai nicht schlecht, als auf einmal Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow auf einem schwarz illuminierten Podium erschien. Das musste er doch sein? Mächtiger Oberkörper, wenig Haupthaar, viel Schnauzbart. Aber die Figur war nicht echt, denn der russische Nationaltrainer hatte sich mittels digitaler Technik als Hologramm-Figur zuschalten lassen. Auch Bundestrainer Joachim Löw – leibhaftig anwesend – staunte, dass er sich mit seinem früheren Torwartroutinier vom FC Tirol Innsbruck unterhalten konnte, als sitze der wirklich neben ihm. Hockte in weiter Hose und weißem Hemd auf einem Sofa, als habe Mister Spock ihn persönlich aus einem Moskauer Büro auf die Dortmunder Museumsbühne gebeamt. Raumschiff Enterprise hätte es nicht besser hinbekommen.

Dann spielten zwei Nationaltrainer den gekonnten Doppelpass zur WM 2018. „Wie geht’s?“ fragte Löw. „Teilweise gut, teilweise sehr gut“, antwortete Tschertschessow. Die Unterschiede? „Jogi ist Weltmeister, ich nicht!“ Und sonst? „Die Fragen an einen Trainer sind immer dieselben. Nur: Weil unser Land 150 Millionen Einwohner hat, sind es zweimal mehr Fragen.“ Dieser Pragmatiker trägt die Hoffnungen des WM-Gastgebers, der gegen Saudi-Arabien das Eröffnungsspiel bestreitet (Donnerstag, 17 Uhr/ZDF).

Gegen den Fifa-Weltranglisten-67. zu dilettieren, wäre der Stimmungsdämpfer schlechthin, selbst wenn Russland noch schlechter gelistet ist - auf Rang 70. Kein Team steht bei dieser WM tiefer im Ranking, selbst WM-Neuling Panama nicht (Platz 55). Aber haben saudische Kicker nicht gerade gegen den Weltmeister gezeigt hat, dass dieser Außenseiter als Störenfried taugt? „Sie haben große Fortschritte gemacht, spielen frech und flexibel“, lobte Löw. Eine Mahnung für Tschertschessow.

Der 54-Jährige stammt aus dem nordkaukasischen Bergstädtchen Alagir, von dem er einmal scherzte, selbst die Adler würden sich dorthin nicht verfliegen. Jüngster Sohn eines Busfahrers, vier ältere Schwestern, vor denen der Junge sich in das Fußballtor rettete, ein Knirps mit Talent und Ehrgeiz, Absolvent der Fußballschule von Spartak Ordschonikidse, dann Torhüter der Reservemannschaft Spartak Moskaus. Einer, der bei dem Moskauer Kultklub anfangs noch viel danebengriff, dann aber glänzte, zum 50-fachen Nationaltorhüter aufstieg, mit seinem buschigen Schnauzbart im Strafraum das Charisma eines kernigen Zirkusdompteurs verbreitend.

1993 wechselte er zu Dynamo Dresden, wo er das Publikum in der Nach-Wende-Zeit mit Glanzparaden faszinierte, aber auch mit riskanten Kunststückchen. An seinem 31. Geburtstag begann er bei einem Auswärtsspiel in Mönchengladbach nach einem Rückpass, den Ball zu jonglieren, ein Gladbacher funkte dazwischen, schoss das Leder ins leere Tor. „Sehr gute Technik von Tschertschessow“, witzelte der Unglücksrabe noch Jahre später, der sich bis heute in sehr passablem Deutsch unterhalten kann.

In Dresden nannten sie den Helden mit den Aussetzern „Stan“, später in Innsbruck lieber „Stani“. Die Drähte dorthin sind noch so gut, dass Tschertschessow mit seinem Kader im Stubaital kürzlich das Trainingslager abhielt. Aus Österreich erzählte Löw auch die Episode, wie sich Tschertschessow auf der Zielgeraden seiner aktiven Karriere einen Kreuzbandriss zuzog, aber dem nur vier Jahre älteren Fußballlehrer ausrichtete: „In der Rückrunde spiele ich.“ So kam es. Löw erinnert sich: „Ich kam nicht umhin, ihn wieder ins Tor zu stellen. Er hatte eine unglaublich gute Einstellung.“ Nachdem Innsbruck 2002 Meister geworden war – das letzte Mal vor dem finanziellen Kollaps – trennten sich die Wege.

Tschertschessow machte noch in der Alpenrepublik die Trainerlizenz, coachte den Drittligisten FC Kufstein, dann Wacker Innsbruck, kehrte 2007 zu Spartak Moskau zurück. Dort geriet er in Konflikt mit mehreren Stammspielern, die er mangels Disziplin aus dem Kader genommen hatte. Immerhin gelang es ihm, Terek Grosny und Amkar Perm, eher schwache Erstligamannschaften, zu stabilisieren. Mit Legia Warschau gewann er 2016 in Polen das Double, wenig später bekam er den Posten als russischer Nationaltrainer.

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