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Glosse - Stillleben Die große Flatter

Der deutsche Fußball-Geist fehlt noch. Und wo soll der herkommen, wenn jetzt alle in Urlaub fahren?

Null zu eins gegen Mexiko, lange Gesichter, Durchhalteparolen – und jetzt fangen auch noch die Sommerferien an! Muss das denn sein? Jetzt fahren doch Tausende, ach was, Hunderttausende, Millionen in den Urlaub, nehmen ihre WM-Stimmung mit und vor allem: ihre Deutschlandfähnchen an den Autofenstern.

Schon vorige Woche war ja festzustellen, dass hier kaum noch Fähnchen an den Autos flattern. Und natürlich auch nicht mehr wegflattern, verloren werden und im Rinnstein vegetieren. Was war das noch vor vier Jahren ein riesengroßes Geflatter – und hat es uns etwa geschadet? Nein! Weltmeister sind wir geworden mit unseren Fähnchen, den stolzen flatternden und den verlorenen. 

Das ist der Geist! Dahin müssen wir wieder zurückkommen. Aber wie, wenn jetzt alle wegfahren? In Länder, die gar nicht mitkicken? Nach Holland, nach Italien strebt er doch, der deutsche Urlauber. Aber wenn er da ankommt – soll er etwa Schwarzrotgold im Winde wehen lassen? Soll er seinen Michelwimpel etwa in einer Amsterdamer Gracht verlieren, auf der neapolitanischen Piazza oder im Trevi-Brunnen zu Rom? Um die Ohren hauen werden sie uns doch das Teutonentextil, rechts und links! 

Gestern treffe ich Frau Querschmidt, die Älteren werden sich erinnern: meine Ex-Nachbarin. Und, Frau Querschmidt, sage ich, was halten Sie davon? Wovon, fragt sie. Na, von unseren Aussichten bei der WM, sage ich, wovon denn sonst! Was mit unseren Aussichten denn sei, fragt Frau Querschmidt. Man muss sie einfach liebhaben. 

Seit 2006 ist Frau Querschmidt dafür verantwortlich, ob wir gewinnen oder verlieren, weil sie durch ihr Verhalten, wenn auch unbewusst, 2006 Italien zum Weltmeister machte. Mit Lockenwicklern und einer Tüte Paprikachips lief sie damals durch den Hausflur, als … aber egal, das will ja heute sowieso niemand mehr wissen.

Unsere Aussichten, liebe Frau Querschmidt, sage ich, sind bescheiden, weil wir das erste Spiel verloren haben, und jetzt fahren doch alle in den Urlaub. Na und, sagt Frau Querschmidt, was hat das denn miteinander zu tun? Hallo?, sage ich. Die Mannschaft braucht uns doch! Eigentlich braucht sie uns in Russland, aber da fährt man natürlich nicht massenweise hin, aus verschiedenen Gründen, und wenn man sie schon nicht in Russland unterstützt, dann doch wohl am besten hier – in der Heimat!

Soso, sagt Frau Querschmidt, aber sie habe jetzt keine Zeit, sie müsse noch Sachen einkaufen und Koffer packen für die Reise. Frau Querschmidt!, sage ich, jetzt sagen Sie nicht, Sie fahren … – doch, sagt sie. Wohin, frage ich. Nach Schweden, sagt sie. 

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