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Claudia Neumann Zum Abschuss freigegeben

Nicht nur hierzulande werden Kommentatorinnen wie Claudia Neumann mit frauenfeindlichen Sprüchen bedacht.

06.07.2018 13:36
WM-Kommentatorin und WM-Kommentatoren
Oliver Schmidt, Bela Rethy, Claudia Neumann, Martin Schneider: Kritik bekommen alle ab, die die Fußball-WM kommentieren. Doch was sich Claudia Neumann anhören muss, ist unterirdisch. Foto: Imago

Wer ein Fußballspiel kommentiert, kann sich einer Sache sicher sein: Es gibt immer viele Zuschauer, die es besser wissen, anders sehen oder sich in ihrem persönlichen Fußballerlebnis gestört fühlen. Doch bei dieser WM geht es um mehr als Fachwissen der Kommentatoren – es geht auch um das Geschlecht. Dass ZDF-Reporterin Claudia Neumann Spiele kommentiert, passt manchem Fan so gar nicht. Regelmäßig brechen im Netz Häme und frauenfeindliche Kritik über sie herein – beim Spiel am Montagabend zwischen Portugal und Iran war es ähnlich.

Auch in anderen Ländern sind Kommentatorinnen heftiger Hetze im Netz ausgesetzt. Während der WM ist Neumann zwar die einzige deutsche Frau, die Spiele kommentiert, aber auch die ARD könnte sich eine Kommentatorin am Mikro vorstellen. „Man muss den Kollegen vom ZDF ein Kompliment machen, dass sie mit Claudia Neumann eine Kommentatorin aufgebaut haben, die heute sehr gut in der Lage ist, ein WM-Turnier zu kommentieren“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. Auch sein Sender suche: „Wir arbeiten daran, sehen aber an den zum Teil irrwitzigen und negativen Reaktionen, dass eine Frau als Kommentatorin sehr sicher sein muss, um mit dieser Situation umgehen zu können.“

Balkausky zeigte sich „zuversichtlich, dass wir diese Lücke mittelfristig schließen können“. Der Sportkoordinator schränkte indes ein: „Grundsätzlich muss ich allerdings feststellen, dass nicht sehr viele Frauen den Weg als Kommentatorin gehen wollen, auch nicht in der großen ARD.“

Es gibt auch viel Lob

Die Erfahrungen, die Neumann und Kolleginnen in anderen Ländern machen, könnten zumindest abschreckend wirken. So setzt der norwegische Rundfunk NRK auf Lise Klaveness als Kommentatorin. Die Arbeit der 37 Jahre alten Ex-Fußballerin wird in den sozialen Medien von anonymen Autoren teilweise giftig kommentiert.

Die Zeitung „Verdens Gang“ wirft die Frage auf, ob die „Hexenjagd“ auf Lise Klaveness real ist oder ob die traditionellen Medien den wenigen Hass-Kommentatoren einfach zu viel Raum geben. Richtig ist, dass die Norwegerin genau wie Neumann auch viel Lob und Unterstützung bekommen hat. Wie genau das Verhältnis ist, lässt sich kaum bewerten. Zumal sich das ZDF gezwungen sieht, besonders üble Kommentare aus seinen Kanälen zu löschen.

Nach Neumanns ersten WM-Einsätzen konnte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann seinen Ärger über den Hass im Netz nicht zurückhalten. „Wir akzeptieren natürlich Kritik, auch bei den Kommentatoren – was aber bei Claudia Neumann passiert, sprengt alle Grenzen“, sagte er. „Hier wird offensichtlich etwas Grundsätzliches berührt: Eine Frau kommentiert ein Spiel der Männer-WM. Manche drehen da im Netz völlig durch, das ist unterste Schublade.“ Ähnlich sieht es in den USA aus, wo mit Aly Wagner erstmals eine Frau WM-Spiele im Fernsehen kommentiert. Oder in Großbritannien, wo Vicki Sparks bei der BBC als erste WM-Reporterin hinter dem Mikrofon sitzt.

Neben Lob, dass sie „Geschichte geschrieben hat“, tauchten in den sozialen Medien nach dem Sparks-Debüt auch böse Kommentare auf. In einem der harmloseren hieß es, dass Journalistinnen ausschließlich Frauenspiele kommentieren sollten. Vor und nach den Spielen spielen Frauen übrigens durchaus eine Rolle in der Berichterstattung der deutschen Sender. Für die WM sind zum Beispiel wieder Jessy Wellmer (ARD) und Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) als Moderatorinnen im Einsatz.

Ähnlich ist es bei Bundesligaspielen bei den privaten Sendern: Etwa bei Sport1 sind Laura Wontorra und Daniela Fuß feste Größen. Esther Sedlaczek interviewt für Sky Fußballer. Im Radio ist es für viele Hörer übrigens inzwischen normal, wenn eine Frauenstimme ein Bundesligaspiel kommentiert – etwa Sabine Töpperwien, Sportchefin bei WDR2.

Am Dienstag schalteten sich auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Journalistinnenbund in die Debatte ein. „Frauen sind heute ganz selbstverständlich in allen Sportarten aktiv, und genau so normal sollten im Jahr 2018 Frauen als Expertinnen und Journalistinnen in wirklich allen Sportarten sein“, hieß es in einem gemeinsamen Statement der DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe und der Vorsitzenden des Journalistinnenbundes, Rebecca Beerheide. Sie fordern zudem mehr weibliche Stimmen im Fußball. 

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