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Kroatien - Russland Himmlischer Beistand für die Kroaten

Die kroatische Nationalmannschaft reizt zum zweiten Mal ihr Glück bis zum Anschlag aus. Russland trauert und ist gleichermaßen stolz auf seine Helden.

Russland gegen Kroatien
Der Moment der Entscheidung setzt Kräfte frei - zumindest bei den siegreichen, nun sprintenden Kroaten. Für Russland ist die WM vorbei. Foto: rtr

Luka Modric hatte tatsächlich die Puste für einen letzten Pass. Und für einen allerletzten. Okay, er musste dann noch einen spielen. Aber danach den wirklich allerallerletzten, ja? Natürlich waren alle wieder fußgerecht serviert. Natürlich konnte Papa Modric nicht aufhören zu passen.

Der kleine Iwano und die kleinere Ema hatten ja auch noch nicht genug von diesem Abend, von diesem für beide Mannschaften epischen Viertelfinalspiel, das Kroatien letztlich im Elfmeterschießen gegen Russland für sich entschied. Das jetzt aber wirklich allerallerallerletzte Tor, das am Sonntagabend fiel, war ein kindlich kraftloser Kullerball in die Ecke. Ein Tor, das in keiner Statistik auftauchen wird. Für Modric muss es trotzdem die schönste Familienebensache der Welt gewesen sein. Und das allein zählte im Olympiastadion von Sotschi, das sich so schnell geleert hatte wie eine Badewanne mit zwei Zusatzstöpseln. Der Abschied der russischen Spieler musste um die Hälfte aufgerundet werden, um als ganze Ehrenrunde zu gelten.

Eine halbe Stunde und einen flotten Duschgang später erschien der Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft zum Gespräch. Der Scheitel geteilt wie ein Fußballplatz. Modric war der Man of the Match, dazu darf es keine zwei Meinungen geben. Das sahen die kroatischen Kollegen genauso. Faustregel eins: Je größer die geographische Entfernung zu Deutschland, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Spieler oder Trainer mit Applaus begrüßt werden, wenn sie einen Medienraum betreten. „Hvala“, hauchte Modric ins Mikrofon. Danke.

Den Gesprächseinstieg hätten die Fußballkönige Ronaldo IV., Messi V. und die Nullnummer Neymar wahrscheinlich als Majestätsbeleidigung aufgefasst. Sollten sie sogar. Die berechtigte Einstiegsfrage lautete nämlich: „Luka, machst du dir jetzt Hoffnungen, den Ballon d’Or in diesem Jahr zu gewinnen?“ Faustregel zwei: Je weiter Deutschland entfernt ist, desto höher die Bereitschaft, sich gegenseitig zu duzen. „Nein“, sagte Modric. „Ich denke nicht darüber nach, das macht nur ihr.“ Pause. „Wir wollen als Mannschaft etwas Größeres erreichen. Das Halbfinale ist schon groß, aber wir wollen noch mehr.“ Iwano und Ema haben bestimmt nichts dagegen.

Luka Modric, der Weltfußballer des Jahres 2018? Na klar! Warum nicht? Mit Real Madrid hat er die Champions League gewonnen. Zum dritten Mal nacheinander. Gemeinsam mit Toni Kroos ist er die Kraft der zwei Mittelfeldherzen. In der Nationalmannschaft gehören ihm beide Herzkammern allein. Wo Modric ist, da pocht das Spiel, da schlagen die Zeiger aus, die Spielverständnis und Balleleganz messen. So wie in dieser einen Szene in der ersten Halbzeit der Verlängerung, als die Nummer zehn einen Eckballabpraller im eigenen Strafraum abfing.

In so einer bedrängten Lage sind die meisten Fußballer froh, wenn sie es schaffen, den Ball aus der Gefahrenzone zu prügeln. Die wenigsten checken erst mal die Lage, dribbeln zur Seitenauslinie, damit auch die Kollegen auf die Idee kommen, sich zu bewegen. Aber kaum einer hat dann den Wendekreis einer Ameise, schlägt einen Haken, dann noch einen, und während drei Gegenspieler und vier Schatten ins Leere liefen, segelt der Ball die Linie entlang und landet dort, wo er soll, eben fußgerecht serviert. Elfmeter muss Modric aber noch üben.

Durch seine schwarzen Handschuhe hatte Igor Akinfejew den Ball gespürt, dann musste er rechts unten einen Pfostentreffer gehört haben, bevor es links sanft im Netz zischte. Der russische Nationaltorwart, der im Achtelfinale gegen Spanien zweimal pariert hatte und damit Legendenstatus erreichte, blieb fassungslos am Boden liegen. Später, nach dem letzten Treffer von Ivan Rakitic, kniete er sekundenlang ohne Regung, während sich die Kroaten zu einem Jubelberg schichteten.

Der Elfmeter von Modric hatte mehr Wille als Zielstrebigkeit. Modric zitterte, hoffte, er betete ihn ins Tor. „Vielleicht stand es ja irgendwo in den Sternen, dass wir zweimal so etwas erleben müssen“, sagte er. Mit Sicherheit steht da oben jetzt, dass Kroatien die erste Mannschaft ist, die zwei Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft gewonnen hat. Russland ist das nur fast gelungen.

Auftritt Stanislaw Tschertschessow. Großer Applaus für den Nationaltrainer. „Guten Abend.“ Das Mikrofon ging gleich in die erste Reihe: „Ich habe zwei Fragen, wenn ich darf?“ Tschertschessow nickte. Er sah gefasst aus. Nicht wie Kollege Zlatko Dalic, dem später wieder Tränen in die Augen schossen wie zuvor am Spielfeldrand. Doch auf diese zwei Fragen, die mehr Dankbarkeit und Stolz ausdrücken als etwas wissen wollen, sagte Tschertschessow erst mal nichts. Knapp zehn Sekunden vergingen. Dann: „Kannst du das wiederholen. Ich habe es vergessen.“

Die russische Mannschaft war in vielen Fußballdingen unterlegen an diesem Abend. Die Ballannahme war oft schlampig, die Mitnahme keine spielerische Selbstverständlichkeit. Aber das Wenige, das die Spieler zeigten, das war sehr gut. Bestärkt von der Stimmung im Stadion und beseelt Ammoniakduft in der Nase wuchsen sie über sich hinaus. „Sie sind Helden“, ließ der Präsidentensprecher ausrichten. „Sie sind auf dem Feld gestorben.“ Eigentlich hatten sie nicht mal in der Nachspielzeit Krämpfe. Jedenfalls nicht sichtbar wie bei den Kroaten.

Vor allem in der ersten Halbzeit pressten die Russen höher als sonst, versperrten geschickt die Zwischenräume. Die langen Bälle im Spielaufbau waren zugeschnitten auf den Kopfballturm Artjom Dsjuba. Russland führte 1:0, glich sehr spät zum 2:2 aus. „Wir haben mehr erreicht, als viele gedacht hatten“, sagte Tschertschessow, nachdem er sich wieder gefangen hatte.

Schnell war dann auch sein spezieller Humor wieder da. Dem chinesischen Reporter, der schon mal einen Ausblick auf die kommende WM in Katar haben wollte, antworte er: „Ich denke nicht mal vier Tage in die Zukunft. Ich weiß, ihr habt noch Fünfjahrespläne, wie wir früher in der Sowjetunion.“

Man darf davon ausgehen, dass der Trainer sein Amt behalten wird. Er hat aus einer Mannschaft, die keine war, einen WM-Viertelfinalisten geformt. Das wird bleiben. Das gibt dem Fußballland Russland Zuversicht. Was es leider nicht geben wird, ist eine Münzsonderprägung, die für den Fall der Halbfinalfälle geplant war. Der Münzwert: ½ Rubel.

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