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Kroatien Nach dem Finalsieg zum Friseur

Die Kroaten denken nach dem 2:1-Sieg des Willens gegen England sogar schon über das WM-Finale gegen Frankreich hinaus.

Jubel
So sehen Sieger aus: Die kroatischen Spieler lassen sich von ihren Fans feiern. Foto: afp

Das Protokoll war Luka Modric herzlich egal, ebenso die üblichen Mahnungen, sich immer nur auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Euphorisiert vom 2:1-Halbfinalsieg des Willens gegen England am Mittwochabend im Moskauer Luschniki-Stadion dachte der Spielgestalter der Kroaten entgegen aller Fußballregeln sogar schon über das WM-Finale am Sonntag gegen Frankreich an selber Stelle hinaus.

„Ich werde mir die Haare färben. Ich und die ganze Mannschaft“, kündigte Modric für den Fall des Titelgewinns an. Und nein, das sei kein Scherz, „die ganze Mannschaft wird es wirklich tun“. Es klang weniger nach einem Vorhaben, sondern eher nach einem Versprechen. Nicht nur in Bezug auf die Haare, sondern vor allem für das Finale gegen den Favoriten aus Frankreich. Modric schien ebenso siegesgewiss wie Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic. „Wir werden am Sonntag gewinnen“, sagte sie am Rande des Nato-Gipfels in Brüssel.

Die Agenda steht also schon für das größte Fußballereignis in der Geschichte Kroatiens, mit 4,2 Millionen Einwohnern hinter Island, Uruguay und Panama das viertkleinste Teilnehmerland dieser WM. Und dass die französische Nationalmannschaft gut beraten scheint, die Vorhaben der Kroaten ernst zu nehmen, belegte das Husarenstück gegen die Engländer.

Durch den direkten Freistoß von Kieran Trippier waren die Three Lions schon in der fünften Minute in Führung gegangen und schienen auf dem besten Wege, ihre Sehnsucht stillen zu können, erstmals seit ihrem einzigen WM-Finale 1966 wieder um den Titel spielen zu dürfen. Lange hatte Gareth Southgates Mannschaft danach das Spiel im Griff. Kroatien wirkte nicht mehr frisch genug, um nach den beiden Verlängerungen samt Elfmeterschießen im Achtel- und Viertelfinale gegen Dänemark und Gastgeber Russland noch einmal ins Spiel zurückzufinden. Doch was von Mitte der zweiten Halbzeit an folgte, geht nun für immer in den Legendenschatz der kleinen Republik an der Adria ein. Zurück blieben die desillusionierten Engländer, 52 Jahre nach ihrem Titelgewinn. Den Engländern fehlte die Cleverness und vor allem der unbändige Willen der Kroaten.

Wie eine Initialzündung für Kroatiens erstaunliches Wendemanöver hatte zuvor ein abgeblockter Schuss des ehemaligen Dortmunders und Wolfsburgers Ivan Perisic gewirkt. Drei Minuten danach traf Perisic zum Ausgleich, als er eine Flanke von Sime Vrsaljko mit seinem hochschnellenden Fuß direkt ins Tor lenkte (68.). Und weitere vier Minuten später verhinderte nur der Pfosten, dass Perisic das Spiel im Alleingang drehte (72.). England taumelte in dieser Phase - und England fiel schließlich: In der zweiten Halbzeit der Verlängerung, als der herausragende Perisic einen Ball mit dem Kopf zu Mario Mandzukic brachte und der ehemalige Wolfsburger und Münchner gedankenschnell zum entscheidenden 2:1 einschoss (109.).

„Wir waren phänomenal. Wir haben immer geglaubt, dass wir zurückkommen. Eine unvergessliche Nacht. Wir haben es verdient, wir haben eine unfassbare Moral gezeigt“, sprudelte es später aus Modric heraus. Und Kroatiens Trainer Zlatko Dalic sagte gleichfalls beeindruckt über seine „Kerle“, wie er sie nannte: „Die sind nicht normal. Irre, wie sie gespielt haben, wie sie gerannt sind, wie sie gekämpft haben.“ Er kam zu einem Schluss, der für alles stand, was er und seine Mannschaft vollbracht hatten. „Das ist für die Geschichte“, sagte Dalic.

Erstmals steht Kroatien in einem WM-Finale. Nur 1998 war das kleine Land über die Gruppenphase hinausgekommen. Den dritten Platz von damals hat die aktuelle Generation nun schon übertroffen.

Geschichtsträchtig ist auch der diesmal zurückgelegte Weg. Drei Mal musste noch nie eine Mannschaft bei einer WM über 120 Minuten gehen, und dass die Kroaten jeweils als Sieger den Platz verließen, lässt diese Kraftakte noch mehr als Beleg für einen unbeugsamen Charakter erscheinen. Erst recht, weil Kroatien seit dem letzten Gruppenspiel gegen Island immer einen 0:1-Rückstand drehte, auch gegen Dänemark, Russland und nun zum vierten Mal hintereinander gegen England. Diesen offensichtlich ganz besonderen Willen, Widerstände zu überwinden, hob auch Dalic hervor. „Was wir für unser Land schaffen, ist fantastisch“, sagte er, „ich wollte auswechseln, aber keiner wollte runter. Zwei Spieler haben mit einem halben Bein gespielt.“

Ein Aufgeben scheint bei diesen Kroaten nicht vorgesehen zu sein, weshalb Perisic mit seinem unerschöpflichen Tatendrang zur prägenden Figur dieses Halbfinales aufstieg. Und es fügte sich ins Bild der nimmermüden Kroaten, dass Mandzukic, mit seinen 32 Jahren der zweitälteste Feldspieler seiner Mannschaft, den späten Siegtreffer erzielte. „Das ist ein Wunder. Wir waren wie Löwen“, sagte Mandzukic. Und das, obwohl er es auf immense 485 Einsatzminuten in sechs Spielen bei dieser WM bringt. So lange wie der Stürmer von Juventus Turin rackerte kein anderer Akteur aller teilnehmenden Teams beim Turnier in Russland. „Wir sind die Feurigen, wir sind nicht normal“, sagte Torhüter Danijel Subasic, „Kroatien brennt und wir sind noch nicht ausgebrannt. In uns steckt noch Kraft.“ Man kann nur hoffen, dass es dabei mit rechten Dingen zugeht.

Nun soll der ganz große Coup folgen, womit die bisher größten Fußballhelden Kroatiens wohl auch gut leben könnten. Als die Legenden vor 20 Jahren das Halbfinale in Paris absolvierten, mussten sie sich trotz Davor Sukers Führungstor geschlagen geben, weil WM-Gastgeber Frankreich durch zwei Treffer des Verteidigers Lilian Thuram mit einem 2:1 ins Finale einzog und dort auch den Titel gewann.

Viele Spieler der aktuellen Generation Kroatiens verfolgten das Halbfinale damals als Kinder im Trikot vor dem Fernseher. Wie Perisic, der als 17-Jähriger zudem zwei Jahre lang in Frankreich kickte, in Sochaux in der zweiten Mannschaft. Wie Dejan Lovren, der beim FC Liverpool angestellte Innenverteidiger. „Ich war neun, und meine Mutter schrie und weinte vor dem Fernseher“, erinnerte er sich. Doch auch Lovren glaubt fest daran, dass Kroatien noch eine weitere Überraschung im Repertoire hat, wenngleich auch er es unglaublich findet, „wie viele gute Sportler wir haben, egal ob im Fußball, im Basketball, im Tennis oder im Wasserball.“ Offenbar, so scherzte er, werde in Kroatien „gut Liebe gemacht“.

Und jetzt also das erneute Tête-à-tête mit den Franzosen, nach dem es zum Friseur gehen soll, nicht davor, wie sonst im Leben eher üblich. Der Friseur scheint bereits eingeweiht in die Pläne der Kroaten. Zumindest ahnt er, worauf sich der Favorit Frankreich gefasst machen muss. Es stehe ein Finale an, „das verspricht, spektakulär zu werden“, schrieb die französische Zeitung „Le Figaro“, denn Kroatien verfüge „über ein talentiertes und verführerisches Team, das in der Lage ist, den Franzosen Probleme zu bereiten“.

Wie sehr, werden danach die Haare der Kroaten verraten.

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