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Kroatien Eine Nacht zum Vergessen

Die Kroaten feiern ihr Team trotz Finalniederlage und schieben die Probleme des Landes erst einmal beiseite.

Kroatien
Inbrunst: Eine Frau leidet in Zagreb mit dem kroatischen Nationalteam. Foto: afp

Als der letzte Pfiff der Weltmeisterschaft ertönte, erhoben sich auf Zagrebs Hauptplatz sich grob geschätzt zweihunderttausend Hände in die Luft, und es brandete Jubel auf. Kroatien hatte das Weltmeisterschaftsfinale verloren, aber ein einzigartiges Glücksgefühl gewonnen. „Wir sind so stolz auf unsere Spieler, weil sie gezeigt habe, was für eine tolle Mannschaft sie sind“, versuchte eine junge Kroatin später eine Beschreibung der Freude. Und dann tanzten sie, die junge Kroatin und ihre Freundinnen, die Jungs mit Leuchtfeuern in der Hand, die Väter mit ihren Töchtern auf den Schultern, die Mütter mit ihren Söhnen – wenn sie nicht zu den Jungs mit den Leuchtfeuern gehörten.

Sie tanzten auf dem Ban-Jelacic-Platz, wo das größte Public Viewing (eigentlich das größte Man-sieht-die-Leinwand-vor-lauter-Menschen nicht) veranstaltet wurde, sie tanzten in den Gassen der mittelalterlichen Oberstadt, sie tanzten natürlich in all den Bars. In den vergangenen vier Wochen ist in Kroatien etwas entstanden, für das es keine Worte gibt. Tanzen, das war die einzige Ausdrucksmöglichkeit.

„Es ist eine einmalige Möglichkeit im Leben“, hatte Igor eine halbe Stunde vor Anpfiff gesagt. Weltmeister werden. Was ja auch bedeutet: Der ganzen Welt zeigen, welche Fähigkeiten man hat. Sport hat in Kroatien mit seinen nur gut vier Millionen Einwohnern auch deshalb eine so große Bedeutung, weil er auf eine gewisse Weise demokratisch ist, für jeden offen. Es zählt, was du kannst, nicht wen du kennst. Mehr als zwei Drittel der Kroaten sind laut einer Umfrage unzufrieden mit der Entwicklung ihrer Heimat. Vetternwirtschaft und Korruption gehen einher mit Jugendarbeitslosigkeit und Emigration. Keine Chance zu haben, ist ein bedrückendes Gefühl.

„Sie werden den Titel für uns alle holen“, war sich Igor auch sicher gewesen. Als Kroatien letztmals gezeigt hat, zu was die Fußballer imstande sind, war er ein Jahr alt. Zwanzig Jahre sind seither vergangen, Igor hat die alten Videos oft geschaut. In den Tagen vor dem Finale kamen bei seinen Eltern Erinnerungen hoch, sie unterhielten sich darüber, wo sie 1998 waren, als Kroatien bei der WM in Frankreich Dritter wurde. Seither war „Wir können was“ keine leere Phrase mehr, mehr eine belegbare Tatsache.

Die englische Zeitung „The Guardian“ hatte nach dem Viertelfinalsieg der Kroaten gegen Russland gemutmaßt, dass die vereinende Kraft des Fußballs in Kroatien aufgebraucht sei. Dass der Fußball im Vergleich zu 1998 sogar zum trennenden Faktor werde. Zu oft wurde der Patriotismus missbraucht, um von den Problemen des Landes und der Bereicherung der Herrschenden abzulenken.

Applaus für die Präsidentin

Regierungschef Andrej Plenkovic, der seine Kabinettssitzung nach dem Finaleinzug im rot-weißen Nationaltrikot abgehalten hatte, und Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic, die im Dress in Moskau Spieler an sich drückte, sind zuletzt nicht durch lösungsorientiertes Handeln aufgefallen, wenn es um gesellschaftliche Herausforderungen ging.

Unweit des Bana-Jelacica-Platzes hat ein Straßenkünstler an der Wand im ersten Stock über den Schirmen der Cafés eine Puppe angebracht. Im Nationaltrikot und mit einer Spraydose in der Hand: „Kruha i igara“, Brot und Spiele, steht da geschrieben. Ein stiller Protest. Aber von Misstrauen, dass der Erfolg von denen da oben vereinnahmt wird, war am Finaltag in Zagreb nichts zu spüren. Einen leisen Applaus bekam sogar die Staatspräsidentin, als sie auf der Leinwand zur Siegerehrung erschien. Als die Kamera dann auf Luka Modric schwenkte, rasteten alle aus, riefen seinen Namen. Den Namen eines Verlierers, der für alle auf dem Platz der Kapitän der größten Gewinner war, weil diese Fußballer nie aufgegeben haben.

„Der Stolz in dem Land ist so groß mit der ganzen Geschichte“, hatte Igor vorher erklärt. Er meinte auch den Krieg in den Neunzigerjahren, als er noch nicht geboren war, die Unabhängigkeit. Patriotismus kann gefährlich sein, wenn er zu Nationalismus wird. Wenn er trennt und Hass sät. „Das Herz schlägt einfach wie verrückt voller Liebe für Kroatien“, hat der junge Kroate noch gesagt. Und das Schöne ist: Liebe schließt erstmal niemanden aus.

Als drei Stunden nach dem verlorenen Finale in einer Gasse alle tanzten und sangen, näherte sich ein Junge mit rotem T-Shirt der Meute. Darauf der albanische Doppeladler. Stress? Nein, manche machten begeistert die Adlergeste. Andere klatschten ab. Der Erfolg, und das ist dieser zweite Platz, gehört in dieser Nacht allen Menschen in Zagreb.

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