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Kroatien Die Kinder des Kriegs

Eine traumatisierte Generation will im WM-Halbfinale kroatische Fußball-Geschichte schreiben.

11.07.2018 10:37
Luka Modric
Will ins Finale: Luka Modric. Foto: dpa

Der kroatische Fußballverband hat von Anfang an geplant, bis zum Ende zu bleiben. Doch selbst vor dem Halbfinale gegen England in Moskau weiß das kaum jemand. Sagt jedenfalls der gelangweilte Sicherheitsbeamte am Eingang und lacht mit goldenen Zähnen. Das bestätigen auch die russischen Betreiber dieses Fußballfestivals, das der Hrvatski Nogometni Savez (HNS) am Rande des Gorki Parks veranlasst hat. Eröffnungstag vor dem Eröffnungsspiel. War hier schon mal viel los? „Normal.“ Beim Viertelfinale gegen Russland? „Ein bisschen mehr.“

Auf der Bühne spielt gerade eine dreiköpfige Band vor zwei Zuhörern. Es ist aber nur ein Zuschauer, weil die Frau sich in ein rotweiß kariertes Sitzkissen verkrochen hat und konzentriert ein zweites Sommermützchen strickt. Im Hintergrund schießt Mario Mandzukic den Siegtreffer gegen Finnland. Oktober 2016, die WM-Qualifikation war gerade drei Spieltage alt. Und auf einer Fotoshopcollage, die Luka Modric und die Basiliuskathedrale im Mittelpunkt hat, prangt das kroatische WM-Motto: #budiponosan. Sei stolz.

Die Hauptattraktion des Fußballfestivals sind die zehn vernetzten Spielekonsolen, klar, Fifa 18, da sei immer jemand, sagt ein Mann im Hauptzelt, der hinter einem Laptop sitzt und offensichtlich immer unsicherer wird, ob er nicht etwas mehr Begeisterung zeigen sollte. Er lobt noch schnell irgendeine Band, die am Finalabend auftreten wird. Tja, räusper, dann führt das Gespräch in eine beklemmende Sackgasse. 

Feuer auf der Liebesinsel

An den sechs Tischkickern nebenan fallen ein paar Tore, auf dem Bolzplatz am Ausgang schießt nur einer allein. Keiner interessiert sich für die Badmintonschlägersets aus Holz, niemand steht Schlange vor den beiden Food Trucks. Neulich wurde auf Facebook das Gerücht gestreut, dass Davor Suker kommen wird. Ein Held der kroatischen Fußballklasse von 1998. An dem Tag, als er nicht kam, sei auch nicht mehr los gewesen, sagt der Goldzahn. „Aber besuchen Sie uns am Sonntag wieder.“

An diesem Nachmittag ist dieses Fußballfest in Moskau der denkbar schlechteste Ort, um zu beschreiben, welche emotionale Bedeutung das Halbfinalspiel gegen England für alle vier Millionen Kroaten hat. Auch für diejenigen, die es noch gar nicht wissen können.

Ein sehr guter Ort wäre Galesnjak gewesen. Auf Luftbildern erkennt man das Herz, versteht sofort den Namen Liebesinsel. Am Samstag vor dem Viertelfinale hätte man allerdings auch Rauch erkannt. Die kroatischen Pyrofreunde, die aus Versehen einen Brand verursachten und einhundert Bewohner zur Liebesinselflucht zwangen, sollen verhaftet worden sein. Hoffentlich wird der Richter Fußballeuphorie als mildernden Umstand werten. Ein Besuch der Münchener Leopoldstraße hätte sich stimmungsmäßig auch gelohnt. Dort feierten eintausend Kroaten den Sieg gegen Russland.

Die Epizentren des Jubels lagen aber natürlich in Zagreb und Split, wo der Halbfinaleinzug die Massen wie ein gewonnenes Finale berührte, beseelte und selbstverständlich auch erwärmte. Der erhöhte Einsatz von bengalischen Feuern ließ kurzzeitig den Verdacht aufkommen, Goran Ivanisevic hätte parallel Wimbledon gewonnen. Mit einer Wild Card. Nach Satzrückstand und zehn abgewehrten Matchbällen gegen Novak Djokovic.

Nietzsche auf dem Rücken

Djokovic ist bekanntlich Serbe, und das allein ist in Kroatien ein Grund, ihn nicht zu mögen. Wenn er dann auch noch auf Instagram seinem Freund Ivan Rakitic zum Sieg gratuliert, der sich dafür bedankt und das Wort „Legende“ anhängt, dann tobt ein Sturm der Entrüstung. Dann wird wieder deutlich, wie nah Fußball und Nationalismus zusammenliegen. Wie sehr auch die aktuelle Nationalmannschaft noch mit den Spätfolgen eines Bürgerkriegs zu kämpfen hat. 

Mandzukic hat sich erst vor drei Jahren und als Erinnerung an seine traumatisierende Kindheit ein Zitat von Friedrich Nietzsche auf den unteren Rücken stechen lassen. Die Übersetzung ins Hebräische ist leider fehlerhaft, der Schriftzug spiegelverkehrt: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Mit seiner Familie ist er Anfang der Neunziger nach Deutschland geflohen. Und vor kurzem erst sagte Dejan Lovren: „Es ist, als wäre der Krieg erst gestern gewesen – für mich, für meine Mutter, für die Menschen der Region – das ist alles noch so frisch.“ Auch er hatte eine Zwischenheimat in Deutschland gefunden. Sieben Jahre München, bis das Visum auslief und nicht mehr verlängert wurde.

Mit zwölf Jahren kehrte der im heutigen Bosnien geborene Lovren nach Kroatien zurück. Wegen seines deutschen Akzents wurde er gehänselt von den Mitschülern. Er hatte den Fußball. Auf die Unterseite seines Schreibtischs schrieb er trotzig: „Eines Tages werde ich einer der besten Verteidiger der Welt sein.“ Der Zeitung „The Independent“ sagte er: „Wenn Ihr glaubt, dass ich nicht gut genug bin, zeige ich Euch, dass ich es bin – so einfach ist das.“ Über solche Geschichten wiederum machten sich einige seiner Mitspieler vom FC Liverpool lustig.

Bei Medien und Fans war Lovren vor jeder neuen Saison ohnehin ein Wunschkandidat für den Weiterverkauf. Aber Jürgen Klopp sah etwas, das andere nicht sahen. Kopfballstärke, kompromisslose Tacklings. Es war sicherlich Lovrens besonderes Talent, den Trainer zu imitieren, das letztlich sein Ansehen in der Mannschaft steigerte.

In dieser Saison hörten die letzten Witze auf. Denn der sonst so luftlöchrige Ausputzarbeiter und für Fehler im Spielaufbau anfällige Lovren, 29, war ein stabiler Torverhinderer und spielte eine der besten Nebenrollen in der romantischsten Fußballtragödie des vergangenen Frühsommers. Das Finale der Champions League gewann trotzdem der Bösewicht Sergio Ramos mit Real Madrid.

Die Erfüllung eines Versprechens

Den Vergleich zwischen Klubleben und Nationalmannschaft hat Lovren selbst schon hergestellt. „Natürlich spielen wir ein ganz anderes Spiel als bei Liverpool“, sagte er. „Aber dennoch hatte ich von Beginn weg das Gefühl, dass wir viel erreichen können.“ Dieses Gefühl basiert auf einer teamchemikalisch verbesserten Rezeptur.

Und dann ist da doch noch die Glaube, dass sie tatsächlich etwas schaffen können, was ihnen vor jedem Turnier zugetraut worden war: die ganz große Überraschung, die Erfüllung des Versprechens, eine goldene Generation zu sein, die zumindest einen silbernen Platz belegt, also besser sein wird als der bronzene Jahrgang 1998. Lovren: „Dieses Mal sind wir alle in Höchstform, das ist unser Turnier.“ Wer nach Moskau will, aber kein Ticket hat, der weiß jetzt, wo es wahrscheinlich noch Plätze gibt.

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