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Kevin De Bruyne Die Schaltzentrale der belgischen Offensive

Der Dampfmacher Kevin De Bruyne bleibt eine Schlüsselfigur, wenn Belgien bei dieser WM wirklich noch drei Spiele bestreiten will.

Kevin De Bruyne
Belgischer Antreiber: Kevin De Bruyne. Foto: dpa

Mit Botschaften über die sozialen Netzwerke während einer WM ist das bei den Fußballern so eine Sache: Oft stecken Banalitäten dahinter, häufig geht es um Belanglosigkeiten. Mitunter verbirgt sich dahinter jedoch auch eine tiefe Sehnsucht. Wie zuletzt bei Kevin De Bruyne, der seinen 6,1 Millionen Instagram-Abonnenten ein Bild hinterließ, auf dem der belgische Nationalspieler mit aufgerissenem Mund den Mitspielern Marouane Fellaini und Alex Witsel um den Hals fällt. Und dazu schreibt: „Three more games“. Dahinter ein Bizeps und die belgische Flagge. Zwei Emojis für drei weitere Spiele: Treffender hätte kaum auf den Punkt gebracht werden können, was die Roten Teufel antreibt. Auch im Viertelfinale gegen Brasilien (Freitag 20 Uhr) in der Kasan-Arena wollen sie sich nicht aufhalten lassen.

Belgien muss den Rekordweltmeister aus dem Turnier werfen, damit sich das Instagram-Vermächtnis erfüllt. Das Spiel um Platz drei ist für den 65-fachen Nationalspieler übrigens keine echte Option, hat er wissen lassen: „Brasilien ist einer der Turnierfavoriten, aber wir müssen nur auf uns schauen und unseren Job machen. Wenn du ein Turnier gewinnen willst, musst du jede Mannschaft schlagen.“ Der 27-Jährige weiß, welch wegweisende Bedeutung für seine vermeintlich goldene Generation das zweite WM-Viertelfinale seiner Karriere besitzt.

Vor vier Jahren wirkte ja auch De Bruyne ziemlich rat- und hinterher sprachlos, dass es gegen Argentinien (0:1) nicht gereicht hatte. Nicht, dass der Gegner in Brasilia damals besser war, aber mit dem stimmgewaltigen Anhang entstand im brasilianischen Nationalstadion eine energetische Symbiose, der die Auswahl der vielen jungen Flamen und Wallonen letztlich nicht gewachsen war. Sie brachten schlicht zu wenig Widerstand auf, um das argentinische Bollwerk zu bezwingen. Auch ihr hoch veranlagter Taktgeber drang mit seinem Tempo und seiner Torgefahr nicht durch.

Für seinen damaligen Arbeitgeber, den VfL Wolfsburg, war das Ausscheiden später noch ein Segen: De Bruyne blies die ganze nächste Saison die Backen auf und führte den Werksklub 2015 zu Pokalsieg und Vizemeisterschaft. Im selben Sommer landete der sogar zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählte Profi für eine Ablöse von 80 Millionen Euro bei Manchester City. Dort steht der in Drongen geborene und im Osten von Flandern sozialisierte Offensivmann seit einer Vertragsverlängerung inklusive Gehaltsaufstockung auf kolportierte zwölf Millionen Pfund (14 Millionen Euro) noch bis 2023 unter Vertrag.

Auf der Insel hat er es sich auch privat gemütlich gemacht. Verheiratet mit Michèle und stolzer Vater seines zweijährigen Sohnes Masan Miliane. Die Geburt stellte in seinem Leben noch einmal vieles auf den Kopf, aber dass die kleine Familie glücklich ist, zeigen die vielen Fotos, die De Bruynes Frau unter ihrem Mädchennamen Michèle Lacroix via Instagram preisgibt. Selbst die Traumhochzeit im Juni vergangenen Jahres ist auf diesem Weg ausführlich dokumentiert. Es gibt Stars auf diesem Niveau, die halten ihr Privatleben mehr unter Verschluss.

Allerdings ist der junge Mann auch keine Plaudertasche. Interviews mit ihm verlaufen mitunter zäh, ja beinahe langweilig, was damit zusammenhängen kann, dass er bereits in jungen Jahre beim FC Chelsea landete, wo jungen Profis vor allem beigebracht wird, der Öffentlichkeit wenig Angriffsfläche zu bieten. Am besten redet man mit ihm abseits des Fußballs übers Essen: Er ist ein leidenschaftlicher Hobbykoch, soll bei den Citizens sogar mal selbst gemachten Kuchen und Gebäck aufgefahren haben.

Über allem steht bei De Bruyne der sportliche Ehrgeiz. Der mittlerweile mit einem Marktwert von 150 Millionen veranschlagte Ausnahmekönner weiß auch, dass er nicht mehr unendliche viele Chancen auf der WM-Bühne hat, wo seine Heimat den zweiten Halbfinaleinzug seit der WM 1986 verlangt. Das aber wird gegen Brasilien wohl eine historische Herausforderung. Denn die vom Taktiker Tite errichteten Sperrzonen zu durchbrechen, wird die eine Aufgabe sein. Die andere ist es, analog zu 2014 nun auch in der russischen Tatarenmetropole der Übermacht auf den Rängen zu trotzen.

Seit Tagen haben brasilianische Anhänger die Baumannstraße als Anlaufpunkt aller Fußballhorden fest im Griff, und ihre Hohngesänge auf den ausgeschiedenen Lionel Messi und den verhassten Nachbarn sind von einer Inbrunst, die eine Steigerung schwer vorstellbar macht. Auch die Brasilianer wollen das schöne Kasan nur als Durchgangsstation begreifen, um über St. Petersburg bis nach Moskau zu kommen, wo übernächsten Sonntag im Luschniki das Finale steigt.

Die belgische Nummer sieben wird etwas dagegen haben, zumal seine Auftritte noch Luft nach oben lassen. In drei Spielen über die volle Distanz eingesetzt – gegen England (1:0) schonte Trainer Roberto Martinez den gesamten Stamm – hat De Bruyne zwar beachtliche 31,5 Laufkilometer, fünf Torschussversuche, 180 Pässe (145 angekommen), 16 Spielverlagerungen (zehn angekommen) und eine Gelbe Karte in der Statistik stehen, aber noch kein Tor. Und nur eine Torvorlage. Da geht noch mehr. Dass seine Bilanz noch 27 verlorene Bälle ausweist, gehört übrigens zu seinem risikobehafteten Spielstil.

Eine Eigenschaft, die in der Spielzeit 2012/2013 sofort bei Werder Bremen auffiel, als das vom renommierten Guru José Mourinho beim FC Chelsea links liegen gelassene Talent in der Bundesliga erstmals breiteren Raum zur Entfaltung bekam. Schon damals zeigte sich, dass der in seinen Anfangszeiten gerne mit Prinz Harry verglichene Rotschopf jederzeit ein Unterschiedsspieler sein kann.

Weil er einfach nicht aufgibt. Und wenn er fünfmal vergeblich angerannt ist, schaltet er auch im sechsten Anlauf seinen Turbo an. Wer war denn am vergangenen Montag beim Achtelfinal-Thriller gegen Japan derjenige, der nach einem schnellen Abwurf von Torwart Thibaut Courtois den Ball in Windeseile nach vorne trieb, um mit einem öffnenden Pass die 3:2-Erlösung in der Nachspielzeit einzuleiten? Eben, Kevin De Bruyne. Der Dampfmacher, der unbedingt noch drei Spiele in Russland machen will.

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