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England Warme Gefühle in der Heimat

Im WM-Halbfinale gegen Kroatien ist Schluss für England. Trotz des Scheiterns eint der englische Sommernachtstraum in Brexit-Zeiten ein ganzes Land.

Jordan Pickford
Lange sah es nach einem Sieg der Engländer aus, doch am Ende waren Jordan Pickford und die Three Lions traurige Verlierer. Foto: afp

Als feststand, dass der Fußball wider Erwarten nicht auf die Insel heimkehren würde, beschlossen die englischen Fans, auch erst einmal vor Ort zu bleiben. Mehr als eine Stunde nach Spielschluss sangen sie „We’re not going home“, und in den Augen der russischen Stadionwärter sah man zunehmend die Sorge, dass die vielen Männer in Weiß und Rot – soweit noch bekleidet – diese Drohung wörtlich meinen könnten.

Doch dann erschien Gareth Southgate zum zweiten Mal auf dem Rasen, um sich zum zweiten Mal Ovationen und Dank abzuholen. Der emotionale Abschied des 47-Jährigen markierte den offiziellen Schlusspunkt der Vorstellung. Das Spiel um Platz drei gegen Belgien am Samstag dürfte trotz gegenteiliger Bekundungen („Wir greifen wieder an“, versprach der traurige Kapitän Harry Kane) nur zur ungewollten Zugabe werden. Deswegen richtete sich im Lager der „Three Lions“ der Blick schon kurz nach der 1:2-Niederlage gegen Kroatien weit nach vorne – und auf die Frage, was letztlich von diesem englischen Sommernachtstraum übrigbleiben wird.

Die vordergründige Antwort lautet: Liebe. „Southgate, du bist einzigartig, du machst mich an“, intonierte die Anhängerschaft zur Melodie von Atomic Kittens „Whole Again“. Das Lied handelt davon, dass ein Mann eine Frau mit seiner Hingabe „wieder ganz macht“. Southgate wird nach dem überraschenden Glück der vergangenen Wochen tatsächlich als großer Versöhnungstrainer in die Geschichte eingehen: Er hat nach Jahren der gegenseitigen Entfremdung Medien und Mannschaft, Mannschaft und Fans wieder zusammengeführt. Seine Demut und sein Enthusiasmus übertrugen sich auf ein Team, das aus sehr wenig sehr viel machte, sich mit Glück und Geschick in ungewohnte Turniergefilde kämpfte und das seit Jahrzehnten gebeutelte Land das protzige Gehabe und die stümperhaften Leistungen ihrer Vorgänger vergessen ließ. „Es tut weh, aber wir sind alle sehr stolz auf uns“, tröstete sich Kane. „Vor allem ist es schön zu sehen, dass die Fans das England-Trikot wieder mit Stolz tragen können.“

„Danke Boss: Du hast den Glauben und die Liebe zum Fußball zurückgebracht“, teilte Marcus Rashford (Manchester United) am Donnerstagmittag rührend auf Twitter mit, dem 20-Jährigen waren beide Dinge unter dem freudlosen Ergebnisfetischisten José Mourinho im Verein zuletzt etwas abhandengekommen. Kollege Kyle Walker befand in Anspielung an die täglich schlimmer werdenden Brexit-Wirrungen sogar, die warmen Gefühle in der Heimat hätten nicht nur die Mannschaft, sondern das ganze Land vereint. „Lasst uns diese Gemeinsamkeit weiter leben“ gelobte der Manchester-City-Verteidiger: „England, I love you.“

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