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Deutschland ausgeschieden Weit entfernt von der Weltklasse

Nach dem ersten WM-Aus in der Vorrunde stellt sich vor allem eine Frage: Bleibt Joachim Löw Bundestrainer? Gespräche darüber wird es geben. Unser Kommentar.

Joachim Löw
Ist Löw noch der richtige für den Job? Foto: rtr

Nun, da klar ist, dass die besten deutschen Fußballer diesmal nicht die besten der Welt sind, noch nicht mal, wie in diesem Jahrtausend zuvor immer, die Zweit- oder Drittbesten, dürfte die Wucht des  ungewohnte Unglücksgefühls im DFB, bei Fans und Medien umso heftigere Wirkung erzielen. Eine große Frage schwebt zunächst über allem: Bleibt Joachim Löw nach dem größten anzunehmenden Unfall dennoch Bundestrainer?

Die Gespräche darüber wird es geben, wiewohl der Vertrag des 58-Jährigen just vor der WM öffentlichkeitswirksam von einem stolzen Präsidenten Reinhard Grindel am Tag der Kaderbekanntgabe verlängert wurde. Und zwar bis Ende des Jahres 2022, wenn kurz vor Weihnachten die Weltfußballspiele von Katar beendet sein werden. Was dieser Vertrag wirklich wert ist, werden alle Beteiligten in den nächsten Tagen zu dokumentieren haben.  Grindel hat schon wissen lassen, dass er trotz des enttäuschenden Abschneidens zu seinem Autogramm steht. Aber was tut Löw?

Bekannt ist, dass der 58-Jährige in dem Bundestrainer-Job nicht nur einen Beruf, sondern eine Berufung gefunden hat. Eine Berufung, die zudem mit kolportierten rund vier Millionen Euro pro Jahr ordentlich dotiert ist, erst Recht in Relation zum Arbeitsaufwand. Vertragsinhalte und mögliche Abfindungen und Ausstiegsklauseln unterliegen der Geheimhaltung. Im Grunde spielen sie aber auch nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, ob Löw in dieser völlig neuen Situation noch die Kraft hat und  Autorität besitzt, eine neue Mannschaft aufzubauen. Vor der WM äußerte er, dass er sich darauf freue, die „Generation Kimmich“ anzuleiten. Aber da war ein frühes Aus noch so fern.

Sucht man nach Alternativen für Löw, landet man am Ende wieder bei Löw. Jürgen Klopp, die zweifellos beste Wahl,  sollte Löw hinschmeißen, dürfte beim FC Liverpool unabkömmlich sein. Jupp Heynckes bei Frau und Hund ebenso. Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel, die schon 2004 nach Rudi Völlers Rücktritt absagten, haben den Zenit ihrer Trainerkarrieren knapp überschritten. Arsene Wenger, der 2004 ebenfalls erfolglos vom damaligen DFB-Präsidenten, dem 2015 verstorbenen Gerhard Mayer-Vorfelder, angesprochen wurde, hätte nach 22 Jahren beim FC Arsenal Kapazität und spricht gut deutsch. Aber der Franzose ist bereits 68 Jahre alt. Markus Weinzierl? Peter Stöger? Hmm. Überzeugend klingt anders. Ralph Hasenhüttl, wenngleich Österreicher? Schon eher.

Jürgen Klinsmann? Sucht einen Job, müsste aber umziehen und hat nach seinem missglückten Gastspiel beim FC Bayern wenig Rückendeckung im deutschen Profifußball. Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann, zwei Topleute, wären in der Reihenfolge nach Klopp die Ideallösungen, haben aber just frische Verträge in Paris und Leipzig unterzeichnet. Löws Assistenten Marcus Sorg und Thomas Schneider gehören mit dem Bundestrainer zu den großen Verlierern dieses WM-Turniers. So sind beide nicht für eine Beförderung vermittelbar. Miro Klose befindet sich noch am Beginn seiner Ausbildung, kommt also auch nicht in Frage. 

Im eigenen Stall gibt es noch U21-Trainer Stefan Kuntz, der mal ein guter Stürmer war. U-20-Trainer Frank Kramer ist ein Mann mit viel Sachverstand und guter Ausstrahlung, aber vermutlich kein designierter Bundestrainer. Bei Meikel Schönweitz, dem sportlichen Leiter der U-Teams, und U18-Trainer Guido Streichsbier verhält es sich ähnlich. Fachlich top, aber dort draußen im Gegenwind als Bundestrainer? Nahezu illusorisch.

Frauen-Bundestrainer Horst Hrubesch? Hätte jedenfalls bald Zeit und ist eine erprobte Allzweckwaffe im DFB, aber eher ein Nothelfer und kein Mann für Übermorgen. Hannes Wolf, zuletzt VfB Stuttgart, aktuell ARD-WM-Fachmann, fehlt noch ein gutes Stück Erfahrung, Ausstrahlung und Akzeptanz.  Aber ein Typ wie Wolf, der über den Tag weit hinausblickt, die Strukturen im Nachwuchsbereich aus langjähriger Erfahrung kennt, pfiffig und intelligent und fleißig ist, könnte zukunftsweisend sein. Der 37-Jährige wäre eine extrem mutige Entscheidung. Immer vorausgesetzt, Löw mag nicht mehr.

Am Ende wird DFB-Elitedirektor Oliver Bierhoff gemeinsam mit DFB-Sportchef Joti Chatzialexiou einen Vorschlag im DFB-Präsidium einbringen. Beide haben zwar eine Faible für mutige Entscheidungen. Aber auch für zweckmäßige. Ergo: Wenn Joachim Löw bereit ist, weiter mit Joachim Löw. Aber nicht weiter so.

Denn tatsächlich gegen die Probleme des deutschen Profifußballs ja weit über dieses eine Turnier hinaus, das maue Abschneiden der Klubs dokumentiert das seit Jahren. Bierhoff und Chatzialexiou haben deshalb längst angefangen, vehement gegenzusteuern. Sie planen, die Nachwuchsarbeit auf links zu drehen. Weil dort die Quelle nicht so sprudelt wie noch vor einigen Jahren, weil vielerorts nicht kindgerecht trainiert wird. Weil Individualität nicht genug gefördert wird. Weil der deutsche Fußball nicht mehr Weltklasse ist.

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