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WM 2018 Marco Reus soll es richten

Um dem deutschen Angriffsspiel gegen ultra-defensive Schweden mehr Tiefe zu geben, wird der einzige Dortmunder im Kader dringend in der Startelf gebraucht.

WM 2018
Den Turbo angeworfen: Marco Reus im Spiel gegen Mexiko. Foto: afp

Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten nach einer deutschen Niederlage bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, dass hinterher schubkarrenweise Experten herbeigekarrt werden, um ihre für den Bundestrainer unbedeutende Meinung kundzutun. WM-Niederlagen passieren der Nationalmannschaft so selten, deshalb diskutiert Deutschland danach besonders aufgeregt. Es kann an dieser Stelle getrost darauf verzichtet werden, die Helden von einst allesamt zu zitieren.

Die Gurus und Obergurus, die schon Rudi Völler in den Halbwahnsinn getrieben haben, arbeiten sich an einer Personalie ganz besonders ab: Der Bundestrainer, so der allgemeine Tenor, habe in einer groben Pflichtverletzung darauf verzichtet, Marco Reus in die Startelf gegen Mexiko zu hieven und müsse dies nun verspätet im Zitterspiel gegen Schweden nachholen. Samstag, 20 Uhr, Fischt-Arena, Sotschi. 

Die Expertisen der Fachleute aus der Heimat hat Reus inzwischen vernommen. „Das bekommt man natürlich mit“, berichtet er. Tatsächlich hatte der menschgewordene Quirl zu den auffälligeren Spielern in der Südtiroler Vorbereitung und beim letzten Test gegen Saudi-Arabien gehört, vor allem aber hatte er sich nicht – wie 2014 vor der WM und 2016 vor der EM – wieder kurzfristig verletzungsbedingt abmelden müssen, was republikweit mit allgemeinem Aufatmen registriert wurde. Sein Talent, seine Technik und sein Tempo hätten dem schmalen Burschen eine ganze Menge mehr als seine bisherigen 32 Länderspiele geschenkt, wenn nur die Gesundheit ihn nicht so oft im Stich gelassen hätte.

Diese offenkundige Verletzungsanfälligkeit galt es auch aus Sicht des Bundestrainers nicht zu ignorieren. Also hat Joachim Löw zunächst darauf verzichtet, den Mann, den er neulich als „Rakete“ bezeichnete, im Auftaktspiel von Anfang an zu bringen. Reus hat sich hinterher im Gespräch mit der Presse ein bisschen verplappert, als er einräumte, das sei schon lange so abgesprochen gewesen. Löw habe ihm diesen Plan schon im Trainingslager eröffnet, „weil wir davon ausgehen, dass das Turnier sehr lang geht, und ich vor allem in den wichtigen Spielen ...“. Da war es schon zu spät, Reus konnte noch so dick verbal unterstreichen, dass Mexiko natürlich auch „wichtig“ gewesen sei. Umso mehr Saures bekam Löw dann an den Internet-Stammtischen zu hören. 

Dem Bundestrainer nun plump Blödheit oder Naivität zu unterstellen, trifft es aber nicht. Natürlich spricht ein Trainer mit einem Spieler immer auch so, dass dieser eine Nichtberücksichtigung hoffentlich nachvollziehen kann. Wenn Löw also Reus mitteilte, er brauche ihn für die „wichtigen Spiele“, heißt das nicht automatisch, er habe das Spiel gegen Mexiko in die Rubrik „unwichtig“ kategorisiert. 

Es ging schließlich auch um einen behutsamen Aufbau des hochsensiblen Körpers. Reus hatte lange mit einem Kreuzbandriss pausieren müssen in der abgelaufenen Saison. Im Grunde hat Löw dem 29-Jährigen also nur seine Wertschätzung mitteilen wollen und gleichzeitig darauf gesetzt, dass der Irrwisch als Joker helfen kann, wenn die Partie einen unguten Ausgang zu nehmen drohte. Genauso ist es dann ja auch gekommen, allerdings ohne dass der Joker stach. 

Reus wurde in der 60. Minute für Sami Khedira eingewechselt und machte ordentlich Betrieb – was auch deshalb leichter fiel, weil den Gegnern sichtbar die Kräfte schwanden. „Zu meinen Stärken zählt, Chancen zu kreieren, Läufe in die Tiefe zu machen und den Torabschluss zu suchen“, sagt der einzige Dortmunder im Kader. Es ist auch ohne den Druck der Expertenmeinungen davon auszugehen, dass Löw genauso wahrscheinlich nicht noch einmal freiwillig auf seine Geheimwaffe verzichten wird wie auf seinen Espresso am Morgen. 

Gegen tief stehende Schweden dürfte ein flinker, dribbel- und schussstarker Mann wie Reus, entweder als zweite Spitze hinter Timo Werner oder Linksaußen auf der Draxler-Position, besonders hilfreich sein. Speedy Reus kann das fußlahme deutsche Spiel auf Trab bringen. Er selber sagt: „Es gibt gegen Schweden kein Vielleicht. Ich habe so was von Vertrauen in die Mannschaft, dass wir es einfach besser machen müssen.“

Mit dem Vertrauen des Bundestrainers in Marco Reus ist das hingegen so eine Sache. Bei der EM 2012 hockte der Dortmunder über die gesamte Vorrunde hinweg nutzlos auf der Bank herum und schob, gemeinsam mit Mario Götze und Toni Kroos, entsprechend Frust. Im Viertelfinale gegen Griechenland durfte er dann unverhofft mitspielen, ballerte sich die Miesepetrigkeit vom Leib und krönte seine Glanzleistung mit seinem Tor zum 4:1 unters Dach des griechischen Tores. Für einen Startplatz in der Halbfinalelf gegen Italien reichte es dennoch nicht, was bis heute kein Mensch außer dem Bundestrainer kapiert. Bald stellte sich beim Spiel in Warschau heraus: Löw hatte sich verzockt.

Vor dem ersten Spiel der WM-Endrunde 2018 hatte Marco Reus sich noch so angehört, als wüssten sie alle miteinander, worauf es als Titelverteidiger ankommt: „Wir wissen, dass wir eine Turniermannschaft sind, die sich von Spiel zu Spiel verbessern kann. Es geht nicht darum, Hacke-Spitze-eins-zwei-drei zu spielen, sondern jedes Spiel einfach zu gewinnen.“ Jetzt ist genau das passiert, jetzt haben sie gegen Mexiko sogar bis sechs oder sieben Hacke-Spitze gespielt und sich vor der ganzen Welt blamiert. Marco Reus, übernehmen Sie! 

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