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WM 2018 Letzte Ausfahrt Schweden

Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht es um viel mehr als nur das mögliche WM-Aus, es geht um einen Trainer und seine Spielergeneration.

Löw
Am Samstag ist der Praktiker gefragt: Joachim Löw. Foto: afp

An den brütenden Tagen am Schwarzen Meer ist der Reporter Johan Flick vom „Aftonbladet“ aus Helsingborg in Sotschi erschienen und hat die deutschen Medienleute gefragt, welcher schwedische Spieler gut genug sein könnte für die erste Elf von Joachim Löw. Johan Flick, ein stattlicher Mann von bestimmt 1,90, schaute in Gesichter herab, die wie Fragezeichen aussahen, Er bekam dann manchmal den Namen „Emil Forsberg“ in seinen Block diktiert. Aber meistens noch nicht mal den.

Jetzt muss Joachim Löw es nur noch hinkriegen, die trotz des wahrscheinlichen Ausfalls von Mats Hummels wegen Nackenbeschwerden auf zehneinhalb Positionen besser besetzte Mannschaft zum Sieg zu coachen. Wenn es nur so einfach wäre und das Einmaleins des Weltfußballs die Arithmetik für die Partie am Samstagabend (20 Uhr/ARD) im Fischt-Stadion sicher bestimmen würde. Es ist eine Drucksituation, die alle Spieler und ihr Bundestrainer in dieser Dimension noch nie erlebt haben. Wenn sie das Momentum wieder nicht zu packen kriegen, dann droht die größte Enttäuschung der deutschen Weltmeisterschaftshistorie. Sie haben sich alle miteinander ein bleischweres Backpack aufgesetzt. Aber, und das muss hier auch einmal gesagt werden: Es ist nur Fußball.

Löw wirkte am frühen Freitagabend bei der internationalen Pressekonferenz sehr konzentriert. Die Botschaften, die er mitbrachte. Erstens: „Die wichtigsten Waffen sind Energie und eine andere Körpersprache.“ Zweitens: „Wir haben die Fehler, und es waren viele Fehler, alle aufgearbeitet.“ Drittens: „Wir stellen unsere Idee, Fußball zu spielen, nicht in Frage. Wenn wir nur noch hohe Flanken schlagen, sagen die Schweden danke.“ Viertens: „Das Vertrauen zu meinen Führungsspielern wird nicht wegen eines schlechten Spiels in die Brüche gehen.“ Fünftens: „Wir müssen liefern.“ Seine Ansagen im Abschlusstraining, bei dem Hummels fehlte, waren dann bis oben auf die Tribüne zu hören. Der Ton ist eindringlicher geworden. 

Vielleicht ist es gut, dass die Angelegenheit in Sotschi geregelt werden muss. An einem Standort, in dem die Spieler sich nicht auf DFB-Marschbefehl vom normalen Leben verabschieden mussten, sondern bisweilen sogar sehr bewusst eingetaucht sind ins flirrende Treiben an der Strandpromenade. Eine Gruppe um Mario Gomez und Joshua Kimmich begab sich mit Segways auf Erkundungstour – und landete zum Kaffeetrinken ausgerechnet im Pressehotel. Sie wurden dort in Ruhe gelassen.

Joachim Löw ist nicht in Ruhe gelassen worden bei seinen kultartigen morgendlichen Ausflügen. Die Bilder eines besonders cool daherkommenden 58-Jährigen, lässig an einer Laterne gelehnt, wurden in die Heimat übermittelt und haben für Irritationen gesorgt. Man könne sich „schon fragen“, schrieb etwa die „FAZ“, „ob das wirklich die Signale sind, die man senden sollte in so einem Moment“.

Löw hat sich geärgert über manche Interpretation, besonders auch die garstige Überzeichnung in der FR, es handele sich hier doch noch immer um „eine Fußball-Weltmeisterschaft“ und nicht um „eine Gaukler-Veranstaltung für ältere Herren mit vollem Haar“. Der Bundestrainer hatte bloß freundlich sein wollen am Tor zu seiner Herberge und mit den dort harrenden TV-Leute und Fotoreportern ein Schwätzchen gehalten. Dort stand halt eine Laterne, da lehnt man sich schon mal dran beim Smalltalk. Und dann das Resultat. Schöne Bilder, die unschön ausgewertet werden.

Dazu die sich ballende Kritik, er habe mit seinem Trainerteam im Coaching gegen Mexiko versagt. Nach vier Jahren des gemächlichen Gleit- und Steigflugs als Weltmeistertrainer mit der entsprechenden Selbstwahrnehmung waren das heftige Tage für den Fußballlehrer. Er ist mit dieser Spielergeneration, nennen wir sie die „Generation Khedira“, gewachsen. Er ist mit ihr zum Monument geworden. Und jetzt soll dieses Monument bröckeln nach nur einer schwachen Halbzeit gegen Mexiko? Das verstehe, wer will. Löw versteht es nicht. Aber eine WM kennt wenig Gnade: Am Samstagabend, 22.55 Uhr Ortszeit am Schwarzen Meer, könnte schon alles vorbei sein.

Der DFB mit seinem Präsidenten Reinhard Grindel an der Spitze würde den Bundestrainer bestimmt nicht drängen, den Bettel hinzuwerfen, wenn der Super-Gau tatsächlich passierte. So viel ist aus dem DFB schon durchgesickert. Aber es würde eine mediale Lawine auf Verband und Bundestrainer zurasen, deren Kraft man erstmal widerstehen muss. 2012, nach dem Aus gegen Italien, hat Löw das unter großen Anstrengungen geschafft. Doch damals war es das Halbfinale und nur eine EM. Und die Generation Khedira war seinerzeit noch über viele Jahre hinweg zukunftsträchtig. Jetzt müsste ein Neuanfang her. Aber ginge das gut mit einem Trainer, der Deutschland erstmals in der stolzen Historie aus der Vorrunde gecoacht hätte? Es ist wohl eher eine rhetorische Frage. 

Vor ein paar Tagen ist Oliver Bierhoff eine konkrete Frage gestellt worden, sie war ein wenig ungeschickt formuliert: „Steht jetzt das gesamte Projekt der letzten 14 Jahre auf dem Spiel?“ Der Manager, seit kurzem als Direktor der DFB-Elite  mit noch mehr Verantwortung versehen, hat unwirsch reagiert und gesagt, er verstehe diese Frage nicht: „Sind wir dann nicht mehr Weltmeister oder wie?“ Der Reporter entgegnete, er habe die Frage „in die Zukunft gerichtet“ gemeint. Bierhoff sagte dann routiniert, „Stillstand“ sei „nicht mein Ding“. Niemand fragte weiter nach.

Ohnehin gibt es keine Anzeichen, dass Löw plötzlich fundamental nicht mehr der Richtige sein sollte für diese Mannschaft. Vor dem Turnier hat er sich selbst in einem Kicker“-Interview als „Visionär“ bezeichnet, es ging mehr um die großen Linien als das kleine Coaching am Spielfeldrand. Aber das kleine Coaching, die stimmige Varianz des Plans A, den Löw mit seinen Männern über fast ein Jahrzehnt entwickelt hat, ist Samstagabend von Bedeutung. Es braucht den Praktiker Löw, nicht den Visionär.

Die Spieler erwarten von ihrem Vorgesetzten, dass er zeitig eingreift und Systemausfälle nicht erst zur Pause beseitigt. Gegen Mexiko war es da schon zu spät.Löw beherrscht das Tagwerk eines Toptrainers. Das hat er im WM-Finale 2014 bewiesen, als er die Matchwinner Schürrle und Götze brachte und so die Balance des Spiels entscheidend beeinflusste. Es ist genau dieser Impulstrainer, den Deutschland jetzt braucht. Das ist die Messlatte, die gerade so bedenklich wackelt. So bedenklich wie noch nie.

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