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WM 2018 DFB auf Fehlersuche

Gemeinschaftsgefühl, Bundestrainer, Nationalmannschafts-Manager, Betreuerstab – es liegt einiges im Argen beim Deutschen Fußball-Bund.

Toni Kroos
Hat er das Zeug zu einem Anführer mit Empathie? Toni Kroos nach dem WM-Aus gegen Südkorea. Foto: afp

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen zweifeln lassen, ob die da oben sich nicht schon derart weit aus dem gewöhnlichen Leben verabschiedet haben, dass sie dringend mal wieder geerdet werden müssten. Nach der – passend zur allgemeinen Stimmungslage von heftigen Turbulenzen begleiteten – Landung in Frankfurt mussten zwei junge weibliche Kulis das schwere Gepäck vom Kofferband wuchten, auch jenes der in Frankfurt beheimateten Herren aus der Führung. Die Herren waren anderweitig beschäftigt. Es galt, am Tor 13 des Airports die Scherben zusammenzukehren. Natürlich nur verbal, bücken mussten sich derweil nur die zarten Reisebüro-Mitarbeiterinnen im Bauch des Flughafens. 

Ehe der Bundestrainer in einer schwarzen Limousine entfleuchte, kam er nicht umhin, den Knockout von Kasan noch einmal angemessen öffentlich und selbstkritisch Revue passieren zu lassen. Joachim Löw kündigte eine Aufarbeitung ohne Wenn und Aber an: „Es braucht tiefgreifende Maßnahmen, es braucht klare Veränderungen, und das müssen wir jetzt besprechen, wie wir das tun.“ Dazu gehöre es auch, sich „als Trainer zu hinterfragen“. Er räumte ein: „Wir sind am Boden.“ 

Das Aufstehen, der dringende Verdacht liegt nahe, dürfte verdammt schwerfallen. „Die Fans erwarten tiefgreifende Veränderungen“, befand DFB-Präsident Reinhard Grindel mit dem Mienenspiel eines Trauerredners. Oliver Bierhoff, der Manager, kündigte „tägliche Kontakte“ der beteiligten Verantwortlichen an, schloss überstürzte, aus der tiefen Enttäuschung möglicherweise übereilig motivierte Entscheidungen aber aus. Das ist ein guter Ansatz zur Krisenbewältigung. Es ist nicht angeraten, sich von einer aufgewühlten Atmosphäre in Aktionismus treiben zu lassen. Erst gegen Ende der nächsten Woche werde man dann auch physisch wieder zusammenkommen „und dann knallhart intern weiterdiskutieren“, so Bierhoff. Das kann angesichts des sportlichen und atmosphärischen Desasters nun umso konsequenter stattfinden. Dabei sollte auch die Personalie Bierhoff auf den Tisch kommen. 

Der 50-Jährige firmiert seit einiger Zeit nicht mehr nur als Manager der Nationalmannschaft, sondern auch als für den gesamten Elitebereich sowie den Aufbau der neuen Akademie an der Galopprennbahn verantwortlicher DFB-Direktor mit 120 Mitarbeitern in der Frankfurter Verbandszentrale. Es bleibt schleierhaft, wie er diese drei Aufgaben selbst bei perfektem Zeitmanagement in der notwendigen Seriosität, noch dazu mit erstem Wohnsitz am Starnberger See und entsprechend unvollständiger Anwesenheit, stemmen kann. Aber hat Generalsekretär Friedrich Curtius als direkter Vorgesetzter von Bierhoff den Mut, dieses Thema zielorientiert anzusprechen? Oder sieht es Bierhoff von sich aus ein, dass es so nicht funktionieren kann? Bei der Nationalmannschaft haben sie für jedes Fitnessgerät einen eigenen Athletiktrainer, derweil der Manager seinen Job nur in Teilzeitfunktionen im persönlichen Jobsharing absolvieren kann. Ein Unding.

Auch Bierhoff und Löw sollten im persönlichen Gespräch in die Tiefe gehen und ehrlich zueinander sein, ob sie ihre Zusammenarbeit, die dem Vernehmen nach zuletzt gelitten hat, wieder auf ein vollends vertrauensvolles Verhältnis hochgepäppelt bekommen. Wenn denn Bierhoff überhaupt so nah an der Mannschaft bleiben sollte. Und wenn Löw zu dem Entschluss käme, mit frischer Energie Kurs auf die EM 2020 zu nehmen. Der 58-Jährige hat im Rückblick auf die völlig verkorkste WM von „Selbstherrlichkeit“ gesprochen und allen Anlass, diese richtige Analyse auch auf sich selbst zu beziehen. 

Gemeint haben dürfte er aber in ganz besonderem Maße auch Toni Kroos, der als vierfacher Champions-League-Sieger mit dem Habitus eines Weltstars auftrat, statt mit der dafür notwendigen Empathie und Demut Führungsaufgaben zu übernehmen. Egal, ob Löw Trainer bleibt oder ein Nachfolger gefunden wird – es ist ein sehr ernstes Gespräch vor allem mit Kroos notwendig. Sein Können wird gebraucht, aber nur verbunden mit einer Ausstrahlung, die nicht negativ auf Teamkollegen und Öffentlichkeit abstrahlt. Dass diese Mannschaft als Gruppe überhaupt funktioniert hat, ist in erster Linie in der Verantwortung der etablierten Spieler zu suchen. 

Auf den Prüfstand gehören auch die immer umfangreicheren Marketingmaßnahmen, die in den internen Abläufen von vielen Spielern als zunehmend störend empfunden werden. Und vom Publikum übrigens auch. Manch einer im Verband hat das jetzt, mit großer Verspätung allerdings erst, zumindest mal reflektiert. 

Betreuerstab als Panoptikum

Ebenfalls einer kritischen Überprüfung sollte der aufgeblähte Betreuerstab unterzogen werden, der in Teilen einem Panoptikum gleicht. Alle in die Jahre gekommenen Beteiligten sollten dahingehend hinterfragt werden, ob sie auf dieser Position noch zukunftsträchtig eingesetzt sind. Aus Kreisen des Verbands ist zu vernehmen, dass dieser Prozess bereits in Gang gesetzt wird. 
Personaldebatten über einzelne Spieler sind derzeit nicht geboten. Eher muss es darum gehen, sich auf eine Richtung zu einigen. Was will man? Ein paar alte Zöpfe abschneiden oder gleich eine ganz neue Frisur? Die EM 2020 nur als Übergangsturnier betrachten und entsprechend jungem Personal Entwicklungschancen bieten? Das augenfällige Problem: Die Zahl derjenigen Profis, die bis zur WM 2022 in Katar Weltklasseniveau erreichen dürften, ist sehr überschaubar. Frankreich, England und Spanien verfügen längst über eine größeres Reservoir an Toptalenten. Die Aufgabe für Löw oder seinen Nachfolger wird kompliziert. 

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