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Trainingscamp Seelenmassage im Sanatorium

Zu Gast beim Weltmeister in Watutinki, wo sogar Gündogan und Özil bejubelt werden.

Ankunft Deutsche Mannschaft in Watutinki
Die Ankunft der Deutschen Mannschaft in Watutinki. Foto: dpa

Die Kinder der Deutschen Schule Moskau sind dem Anlass entsprechend aufgeregt. Die Schule hat die Klassensprecher ausgewählt, um den Weltmeister zu dessen einzigem öffentlichen Training zu begrüßen. In Zweierreihen marschieren die Kleinen auf ihre roten Sitzplätze der Tribüne des Trainingsplatzes, den der Armeeklub ZSKA Moskau den deutschen Gästen zur Vorbereitung auf die WM-Auftaktpartie am Sonntag gegen Mexiko freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Ordner in orangen Jacken trennen die Schüler mit grimmigem Blick und ausgebreiteten Armen vor der Presse. Durchgang verboten. Fragen nicht erlaubt, bestimmt auch der Lehrer mit verbalem Ausrufezeichen. Zwei Jungs unterwandern die Anweisungen und geben Interviews. Später dürfen plötzlich alle sprechen. Sogar mit dem Fernsehen. 

Mit knapper Verspätung erscheint die deutsche Mannschaft und wird mit kurzem Jubel empfangen. Zu übertriebener Enthemmung neigt hier in Watutinki, 40 Kilometer vor den Toren der russischen Hauptstadt, niemand. Ehe es losgeht, schleppen die vier Assistenztrainer Köpke, Schneider, Sorg und Klose unter Beaufsichtigung ihres vorgesetzten Bundestrainers ein Tor aufs Feld. Gut, dass Joachim Löw ein so zuverlässiges Quartett an seiner Seite hat. So entsteht beim Tragen keine Unwucht. Am Platzrand beobachten auch Jens Nowotny und Arne Friedrich, zwei Helden von einst, das Treiben. Sie sind fürs chinesische Fernsehen als Experten da und werden, so heißt es, fürstlich entlohnt. 

Dann im Trainingsspiel erzielt Ilkay Gündogan das erste Tor und wird bejubelt wie ein Zar, ein ungewohntes Gefühl für den zuletzt so arg gerupften Kumpel von Erdogan. Auch Mesut Özil wirkt, als hätte er Shitstorm, Rückenweh und Knieschmerzen heil überstanden. Bei seinem zweitem langen Pass genau in den Fuß gibt es Aahs und Oohs. Vieles sieht verdächtig nach einem Neuanfang in Russland aus: Seelenmassage im einstigen Sowjet-Sanatorium. Löw sagt so mittel-optimistisch: „Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass beide wieder zu ihrer Leistung finden.“ Zwischen den Zeilen: Der Job ist längst nicht erledigt.

Flair einer Jugendherberge

Als der Bundestrainer vor zwei Wochen gefragt worden ist, was er im Basiscamp für die WM im Hotel Watutinki Spa erwarte, hat er geantwortet: „Keine Ahnung.“ Die Ahnung hat Löw inzwischen. Die Vorahnungen scheinen bestätigt. Am Mittwoch bei seiner ersten Pressekonferenz vor Journalisten, die in roten Plüschsitzen wie in einem Kinosaal lauschten, bezeichnet er das hinter einer drei Meter hohen grünen Blechwand versteckte Zweckgebäude als „gute, schöne Sportschule“. Klingt verdächtig nach Jugendherbergsflair. Irgendwann hat Löw sich in Gedanken umgedreht, zurück nach Brasilien 2014: „Campo Bahia war eine Oase der Ruhe und Ausgeglichenheit, aber am Anfang war die Stimmung auch nicht so riesengroß.“ Da sucht sich einer wohl zu trösten.

Jetzt hofft der Bundestrainer, dass in Russland wenigstens das Wetter mitspielt, „vier Tagen Regen würden vielleicht aufs Gemüt drücken“, das Wichtigste sei ein „guter Trainingsplatz“. Der ist laut Rasenpapst Rainer Ernst nicht top, sondern „top, top, top“ – was Löw noch nicht ganz bestätigen mag: „Der Rasen ist ein paar Millimeter zu hoch. Das werden wir korrigieren.“ Und sowieso: „Jammern gilt nicht. Vielleicht wird das eine oder andere auch mal nicht zu unserer Zufriedenheit sein. Vielleicht stecken wir auch mal im Verkehr fest.“ 

Der den DFB konsequent verfolgende Pressekorps erreicht Watutinki über eine vierspurige Ausfallstraße, vorbei an vielstöckigen Mietskasernen. Im 25 000-Einwohner-Städtchen gibt es sogar recht liebliche Eckchen. Man muss sich nur konsequent verfahren, um sie zu finden. Die angesiedelte zentrale Funkaufklärung des russischen Militärgeheimdienstes fällt nicht weiter auf. Löw hätte lieber im sonnigen Schwarzmeerkurort Sotschi logiert, sich aber den Argumenten von Manager Oliver Bierhoff nicht verschließen wollen. Bierhoff argumentiert, anders als noch in Brasilien, als er den Romantiker gegeben hatte, vier Jahre später wie ein Logistiker. Als möglicher Gruppensieger müsste das DFB-Team Halbfinale und Finale in Moskau austragen und hätte so keine Reisestrapazen. Watutinki ist eine Entscheidung des Hirns, nicht des Herzens. 

Daran habe auch die russische Regierung gedreht, hört man. Das Verteidigungsministerium sei interessiert daran gewesen, den Weltmeister in Watutinki willkommen zu heißen. Durch die bereits begonnenen Bauarbeiten, noch ehe der DFB sich entschieden hatte, seien Fakten geschaffen worden. Wie dem auch sei, Nationalspieler Thomas Müller will sich nicht beschweren: „Auch wenn es keine Eisdiele um die Ecke gibt, wird wenig Langeweile aufkommen. Wir haben alle paar Tage ein Spiel, und zwischendurch gucken wir die anderen Spiele im Hotel.“ 

Um den Bundestrainer vollends zu überzeugen, hat Bierhoff sich eine List ersonnen. Da die zweite Partie der Deutschen am Samstag gegen Schweden in einer Woche in Sotschi stattfindet, greift Bierhoffs Masterplan: Schon am Dienstag düst der Tross an die Schwarzmeerküste, um dort fünf Nächte zu verbringen. Löw darf dann ein bisschen Campo-Bahia-Atmosphäre inhalieren. Mit einem Unterschied: Joggen am Beach, wie es der Bundestrainer in Brasilien zu tun pflegte, ist in Sotschi unmöglich: Dort liegen dicke Kieselsteine am Strand. Löw kennt das, er ist 2017 beim Confed-Cup ohne Murren auf die Promenade ausgewichen. 

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