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Toni Kroos gegen Schweden Nehmt das!

Der WM-Auftakt war schmerzhaft für Toni Kroos. Mit einem spektakulären Tor gegen Schweden zeigt er seine Qualität als Führungsspieler und rechnet mit den Kritikern ab.

Deutschland - Schweden
Am Ende ist Toni Kroos der Held des Abends. Foto: dpa

Es ist spät geworden im Spiel gegen Schweden, als die deutsche Mannschaft einen letzten Freistoß halblinks an der Strafraumkante zugesprochen bekommt. Toni Kroos und Marco Reus, die beiden mit dem härtesten und präzisesten Schuss, stehen beisammen, die Schweden stellen bang eine Zwei-Mann-Mauer genau hinter das Freistoßspray. Hektisch drehen sie sich ein-, zweimal um, um zu gucken, ob sie gut positioniert sind.

Das kurze Eck muss zu sein. Aber das lange Eck kriegen sie natürlich nicht dicht. „Wir haben hin und herüberlegt, was wir machen“, wird Kroos später berichten, „dann haben wir entschieden zu schießen, weil die Schweden vorher unsere Flanken so gut abgewehrt haben.“ Also tippt Kroos kurz an, Reus stoppt den Ball, der Winkel ist nun besser. Und dann schießt Kroos Deutschland ins Glück. Stark angeschnitten und trotzdem mit Wucht. Rechts oben Nähe Winkel. Ein Kunstschuss und doch auch Routine für diesen Spieler.

Die Tage vor dem Spiel waren keine ganz einfachen für Toni Kroos. Der 28-Jährige ist es seit sehr geraumer Zeit gewohnt, gebührendes öffentliches Lob am Fließband zu bekommen. Wenn er die Zeitungen aufschlägt, bekommt er zu lesen, wie blöde die Bayern gewesen sind, so einen fast kampflos zu Real Madrid gehen zu lassen, wie souverän er dort Spiele genau dahin lenkt, wo er sie haben will. Dann werden seine Passquoten und Ballkontakte mit dem Rest der Welt verglichen. Kroos ist immer besser als der Rest der Welt.  Aber es brauchte dann nur 90 Minuten gegen Mexiko, um aus einem Mann, an dem niemand zweifelte, eine zentrale Figur der Kritik werden zu lassen. Das ist ungewohnt für Toni Kroos, dem vierfachen Gewinner der Champions League.

Ihm wird nachgesagt, er würde sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn plötzlich ein Lastwagen durch sein Wohnzimmer führe. Aber dieses Ding gegen Mexiko war ein Wirkungstreffer. Zumal offenbar nicht nur die bösen Medien, sondern auch die lieben Teamkollegen etwas auszusetzen hatten am Mitspieler. Die dringende Bitte: Sich wieder mehr einzubringen in die Schmutzarbeit gegen den Ball, Läufe nach hinten erst dann abbrechen, wenn die Angelegenheit geklärt ist, das Divenhafte in der Zweikampfführung und in der Körpersprache umgehend ablegen.

Toni Kroos hat sich eine Woche später gegen Schweden alle Mühe gegeben, dieses berechtigte Anspruchsdenken zu erfüllen. Aber er hat den Druck diesmal an sich rangelassen. Anfangs ist sein Spiel daran fast zerbrochen. Kroos war bald der schlechteste Deutsche auf dem Feld.  Erst hat er Sebastian Rudy mit einem Pass aus dem Repertoire eines Rumpelfußballers in einen Zweikampf geschickt, aus dem Rudy mit einem Nasenbeinbruch herausging. Dann hat er erfolglos versucht, den für Rudy eingewechselten Ilkay Gündogan am Mittelkreis zu finden. Der Ball landete beim Gegner und wenige Sekunden später im deutschen Tor. Kroos war schuld.

 

Aber am Ende war er der Held des Abends. Er hatte kaum noch Ballkontakte gehabt nach seinem doppelten Fauxpas. Zur Pause raunten sich die Presseleute zu, der Bannstrahl könnte jetzt Kroos treffen. Mario Gomez lief sich warm, würde Löw die Balance nach vorn verschieben? Gomez rein, Kroos raus? Löw entschied sich für Draxler, und Toni Kroos zog sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf, in dem er feststeckte. Das muss man erst mal schaffen: erste Halbzeit Note sechs, zweite Halbzeit, bis auf einen Fehlpass, eine glatte eins.

Wenn es überhaupt mal sanfte Kritik gab an Toni Kroos, dann deshalb, weil er nicht den typischen Charakter eines Führungsspielers besitze. Weil er das Spiel zwar hübsch am Fluss halte, die entscheidende Dinge aber gerne anderen überlasse. Am Samstagabend ist aus dem Flowspieler Kroos ein Führungsspieler geworden, der selbst die allergrößten Widerstände zu überwinden weiß. Und vor allem: Der mit einem Schuss ein Spiel entscheidet.          

Als es Nacht wurde in Sotschi und Deutschland durch dieses fantastisches Tor  in der fünften Minute der Nachspielzeit die schon fast geschlossene Tür zum Achtelfinale plötzlich wieder aufgestoßen hatte, ist etwas passiert mit dem Torschützen. Es ist all das hochgekommen, was sich in den vergangenen Tagen  aufgestaut hatte. Und es musste raus. „Wenn du im Spiel 400 Pässe spielst, kommen zwei auch mal nicht an. Du musst dann aber auch die Eier haben und so eine zweite Halbzeit spielen. Das sehen dann aber wieder die Wenigsten.“ Da war verdächtig was von beleidigter Leberwurst zu riechen. Natürlich hatten es alle gesehen.  

Und weil er gerade so schön in Fahrt war, gab es gleich noch Saures für die Medien:  „Ich habe das Gefühl, dass es einige Leute gefreut hätte, wenn wir heute rausgegangen wären, aber den Gefallen tun wir denen nicht.“  

Die Fans, konkretisierte Kroos, seien damit nicht gemeint, sondern allein die Presseleute: „Es macht viel mehr Spaß, schlecht über uns zu schreiben, zu reden oder zu analysieren. Es wird uns keiner zum Titel schreiben, wir müssen das selbst machen, das muss von uns kommen.“

Das klingt erstens realistisch und zweitens verdächtig nach dem Neuaufbau der Wagenburg. Eine Maßnahme, die vor vier Jahren hilfreich war und aus der sie gemeinsam Kraft geschöpft haben. Im Sommer 2018 glaubt Kroos, sein Tor habe „eine Wirkung für die Mannschaft – so wie wir gefeiert haben.“ Er hoffe, „dass wir daraus auch emotional viel Positives ziehen“. Offenbar war das für diese Truppe dringend überfällig. Sie lag, wie Toni Kroos, ja schon fast wie ein Käfer auf dem Rücken am Boden. Aber wie ein deutscher Käfer.

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