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Thomas Müller Ausgemüllert

Der kluge Thomas Müller hadert mit sich und der Konteranfälligkeit des gesamten Teams.

Thomas Müller
Gegen Mexiko einer der Schwächsten: Thomas Müller. Foto: afp

Thomas Müller gehört zu den wenigen Spielern im deutschen WM-Aufgebot, die keinen stramm gezogenen Seitenscheitel mitsamt Undercut tragen, wie es derzeit in Mode ist. Das macht den 28-Jährigen im Kreis der Fußballkumpels auffällig. Auf dem Fußballplatz bewegt sich der Ur-Bayer derzeit aber so unauffällig, dass sich Freunde seines Schleichspiels ernsthaft sorgen sollten.

Es ist nämlich Weltmeisterschaft, Müllers dritte. Bei den beiden ersten Turnieren in Südafrika und Brasilien gehörte er zu den Topacts. Nun wächst die Befürchtung, dass ihm das im Sommer 2018 in Russland nicht gelingen könnte. Müller hängt durch.

Neulich verriet er, dass es ihm nach schwachen Spielen „eindeutig“ schwerer falle, einzuschlafen. „Wenn es nicht gut lief, gehe ich in die Analyse.“ Er schaue sich dann auf der individuell von den Scouts gespeisten Spieler-App auf seinem Handy „die signifikanten Szenen noch einmal genau an“. In der Nacht zum Montag hatte Müller allen Anlass, viel zu analysieren, ehe das leidige Ritual den Schlaf raubte: „Ich bin müde, liege im Bett, dann gehen die Augen zu und das Kopfkino geht los.“ 

Kein schöner Film lief da ab. Eher einer aus dem Horrorgenre. Thomas Müller wusste ja, dass fast nichts funktioniert hatte gegen Mexiko auf seiner Seite. Vielleicht war sein 92. Länderspiel sein schwächstes. Die Abstimmung mit Partner Joshua Kimmich passte nicht, kein Raum öffnete sich für ihn, nie kam er zum Torschuss, und auch in der Defensive hatte er sich mehrfach übertölpen lassen, zudem viel zu oft lamentiert und protestiert und sich am Ende noch eine berechtigte Gelbe Karte eingehandelt. Kein böses Foul, so etwas macht Müller nicht, er ist ein fairer Sportsmann, aber ein taktisches wegen Trikotzerrens.

Als er hinterher aus der Milchglastür von der Kabine Richtung Bus stapfte, ist er bald aufgehalten worden von den wartenden Reportern in der dampfenden Interviewzone. Müller ist keiner, der sich davonschleicht, jedenfalls dann nicht, wenn er den Rasen verlassen hat. Er sprach davon, dass es sich „extrem schlecht“ anfühle, dass dieses Gefühl „ungewohnt“ sei und sie sich alle miteinander nun einen „extremen Druck für die nächsten beiden Spiele“ auferlegt hätten.

Und er ordnete die Schwierigkeiten ein: „Unsere Konteranfälligkeit ist offensichtlich.“ Sie hätten die Problematik schon im Vorfeld erkannt. „Wir sind die letzten zwei Wochen nicht rumgelegen, sondern haben versucht, daran zu arbeiten.“ Dass sie es dennoch „nicht geschafft“ hätten, „kontrolliert aufzubauen und bei der Kontervermeidung besser zu stehen“, bereitet ihm Sorge: „Das ist nicht unser Anspruch.“ 

„Harte Nummer für uns“

Als erfahrener Mann weiß der beste und zweitbeste Torjäger der Turniere 2010 und 2014 natürlich, wie so eine Vorstellung bewertet wird in der Heimat. Viele Fans sind nachvollziehbar schockiert angesichts der fahrigen deutschen Spielweise. Müller selbst offenbar auch: „Es ist schwer, die Worte zu finden, die alle Gemüter beruhigt und dennoch das Spiel angemessen analysieren. Das ist auch für uns eine harte Nummer.“

Müller ist schon lange keiner mehr, der sich nur mit seiner eigenen Leistung auseinandersetzt. Schon vor einer guten Woche, zum Abschluss des Vorbereitungscamps in Südtirol, beschlich ihn diese Ahnung, die davon zeugt, wie klug er das eigene Spiel lesen kann: „Wenn ich ein Problem sehe, sehe ich es in unserer defensiven Stabilität. Und das meint nicht die Abwehr allein. Oft geht ein Konter ja auch bei der falschen Risikoabschätzung eines Offensivspielers los.“ Eine Voraussage für die Partie gegen Mexiko, die präziser nicht hätte sein können.

Was seine persönliche Messlatte angeht, wehrt sich der Instinktspieler mit einiger Berechtigung dagegen, allein an Toren gemessen zu werden: „Ich verlange von mir, dass ich die Wege in den Strafraum mache. Aber ich bin ja keiner, der nur fürs Toreschießen auf dem Platz ist. Auch für den vorletzten Pass oder für einen Assist. Deshalb setze ich mich nicht unter Druck, wieder fünf Tore bei einem WM-Endturnier zu machen.“ Im Moment gelingt von alledem: nichts!

Im Ernstfall abgetaucht

Für einen Offensivmann, der auch viele defensive Pflichten zu erfüllen hat, ist die Bundesligasaison mit dem FC Bayern so schlecht nicht gewesen, wie sie mitunter gemacht wurde. 29 Spiele, acht Tore und 16 Vorlagen sind eine Bilanz, auf die die meisten Bundesligaspieler stolz sein dürften. Aber in den entscheidenden Spielen der Champions League beim Aus gegen Real Madrid war Müller kein Faktor. Es gibt Fachleute, die glauben, er werde nie mehr so gut, wie er mal war. Es liegt nun an Thomas Müller selbst, diesen Kritikern das Gegenteil zu beweisen. 

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