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Testspiel gegen Saudi-Arabien Das nächste Politikum

Das Freundschaftsspiel gegen Saudi-Arabien zeigt, auf welch schmalem Grat die deutsche Nationalmannschaft wandelt - Mesut Özil wird in Leverkusen verletzt fehlen.

MIrsolav Klose
Jung, hungrig, gut: Miroslav Klose (links) trifft beim 8:0-Kantersieg gegen Saudi-Arabien gleich dreimal, das war 2002. Foto: imago

Seit Donnerstag sind die Menschenansammlungen am Lammweg von Girlan in der Südtiroler Gemeinde Eppan schon wieder Geschichte. Dann wird auch das idyllische Sträßchen, das auf frisch geteerter Strecke zum Kleinen und Großen Montiggler See führt, für den Autoverkehr wieder freigegeben.

Gefühlt zu jeder Tageszeit haben hier seit dem 23. Mai die Menschen an Absperrgittern gegenüber dem Hotel Weinegg ausgeharrt, um Einblicke ins Fünf-Sterne-Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu erhalten. Was sich wegen der Sichtschutzplane schwierig gestaltete. Der DFB hat die Schotten dicht gemacht. Immerhin sind Trainer und Spieler häufiger mal für Autogramme oder Selfies durch die Pforte gekommen.

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff leistete in der Sportzone Rungg auf der letzten Pressekonferenz Abbitte, dass mehr Zugeständnisse wie ein weiteres öffentliches Training nicht möglich gewesen seien. Nach mehr als zwei Wochen Trainingslager reiche es auch. „Jetzt möchte jeder, dass es endlich losgeht.“ Vor der WM steht am heutigen Freitag (19.30 Uhr/ARD) in Leverkusen indes erst noch die Generalprobe gegen Saudi-Arabien an.

Himmelsstürmer Klose

„Wir brauchen nicht den absoluten Topgegner“, erläuterte Bierhoff, während Bundestrainer Joachim Löw erklärte, der Gegner verkörpere eine „Mentalität und Spielweise, die wir nicht so gut kennen“. Gleichwohl bleibt der Weltranglisten-67. auf dem Papier der mit Abstand schwächste aller WM-Teilnehmer, und so steht die Konstellation unter dem Bayer-Kreuz für den schwierigen sportpolitischen Kontext, im dem sich die Nationalmannschaft bewegt.

Und solange Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Besuch beim Weltmeister wie vergangenen Sonntag neben einem vor Stolz platzenden Verbandspräsidenten Reinhard Grindel zu beidseitigen PR-Zwecken nutzt, sind Sport und Politik nicht sauber zu trennen.

Das heutige Länderspiel führt wieder nahe an einer Konfliktlinie entlang, denn Saudi-Arabien ist Deutschlands zweitwichtigster arabischer Handelspartner. Deutschland seinerseits tritt als drittgrößter Lieferant in ein Land auf, in dem freie Meinungsäußerung nur teilweise möglich, öffentliche Religionsausübung für Nicht-Muslime verboten ist. Frauen dürfen erst seit diesem Jahr überhaupt den Fuß in ein Fußballstadion setzen, was schon als bemerkenswerter Fortschritt gilt.

Auch für DFB-Direktor Bierhoff. Der 50-Jährige argumentiert, dass die Botschaft in Riad und das Auswärtige Amt letztlich zu dieser Partie zugeraten hätten und verweist auf einen „Öffnungsprozess“ im Königreich, „den wir mit Bildern aus einem Familienstadion fördern wollen“. Keine grundsätzlichen Einwände erhob übrigens auch Sylvia Schenk, Leiterin von Transparency International. Und Grindel beteuerte kürzlich, Saudi-Arabien befände sich in einem „bemerkenswerten Prozess der Öffnung“.

Deren Nationalteam steht zwangsläufig im Fokus der Fußball-Welt, weil es am kommenden Donnerstag das WM-Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber Russland bestreitet. Womit sich wiederum der Bogen zur deutschen Mannschaft spannt, die 2002 zum WM-Auftakt den „Grünen Falken“ gleich zwei blaue Augen verpasste. Beim 8:0-Kantersieg machte der junge Himmelsstürmer Miroslav Klose mit drei Toren inklusive Salto auf sich aufmerksam.

Noch größer war das Raunen unter dem geschlossenen Dach von Sapporo ansonsten nur beim hünenhaften Glatzkopf Carsten Jancker, den das japanische Publikum wie ein Wesen von einem anderen Planeten bestaunte. Bierhoff steuerte übrigens nach seiner Einwechslung auch noch einen Treffer bei.

Bierhoff hat genug

Für die Gegenwart gebe die Vergangenheit jedoch keine Fingerzeige. „Nicht mit 2002 zu vergleichen: Das ist jetzt eine ganz andere Mannschaft“, warnte Zeitzeuge Klose. Der WM-Rekordtorschütze erzählte als Löws Assistent am Donnerstag noch, dass beim saudischen Team seit der Amtsübernahme von Juan Antonio Pizzi – der Spanier kam nach der gescheiterten WM-Quali mit Chile – ein „chilenischer Einfluss“ erkennbar sei.

Mesut Özil wird solche Erfahrungen in Leverkusen nicht machen. Zu den Rückenproblemen hat sich eine Knieprellung gesellt. Es besteht zwar „keine Gefahr für die WM“, sagte Bierhoff, aber ein Einsatz ist nicht ratsam. So umgeht der Deutsch-Türke womöglich das nächste Pfeifkonzert, nachdem der 29-Jährige am Medientag im Gegensatz zu Ilkay Gündogan nichts zur Klarstellung wegen der umstrittenen Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan unternehmen wollte.

Bierhoff findet, es sei in diesem Fall genug unternommen worden. „Was ich den beiden Spielern sage, ist, hakt es ab, beschäftigt euch damit nicht.“ Stattdessen müsse der Teamgedanke in den Vordergrund rücken: „Auch wenn irgendetwas verkehrt gelaufen ist. Wir werden nichts mehr machen. Außer gut Fußball spielen.“ Kein schlechter Ansatz, damit zur WM wirklich alle wieder zusammenzukommen.

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