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NIls Petersen Spezialist mit Sozialkompetenz

Am Beispiel Nils Petersen dokumentiert Bundestrainer Joachim Löw die weichen Kriterien für eine WM-Nominierung.

Nils Petersen
Ein Mann für Kurzeinsätze: Nils Petersen bewies schon häufiger seine Qualitäten als Joker. Foto: Imago

You Wu ist eigens mit Kameramann Ming Xing für das chinesische Staatsfernsehen nach Eppan geschickt worden, um dem Geheimnis des noch mindestens bis Mitte Juli amtierenden Fußball-Weltmeisters auf die Spur zu kommen. Die Korrespondentin gerät unter ihrem voluminösen Hut ein wenig ins Schwitzen im überhitzten Pressezelt am Trainingsplatz der deutschen Nationalmannschaft. Am Nachmittag schaut sie mit geladenen DFB-Sponsoren noch beim Training zu, danach weiß sie manches besser: „Die deutschen Spieler sind vielleicht etwas langweiliger als die aus Brasilien, Portugal und Argentinien mit Neymar, Ronaldo und Messi, aber sie sind eine Mannschaft.“ Die Botschaft wird in diesen Tagen auch in China ankommen. You Wu wird dafür Sorge tragen.

Es ist eine Nachricht, die ganz im Sinne der deutschen Teamverantwortlichen nach Fernost übermittelt wird. Nie zuvor hat der Bundestrainer die weichen Faktoren so sehr als bedeutend beschrieben wie in diesen Tagen von Südtirol. Joachim Löw erinnerte eigens deshalb an den im doppelten Sinne großen Per Mertesacker, der nach dem WM-Achtelfinale 2014 aus der Startelf verbannt worden war „und seine Kameraden danach dennoch immer unterstützt hat“. 

Soziale Kompetenz als Nominierungskriterium dürfte auch dem Freiburger Nils Petersen geholfen haben, den Löw dem mitunter zur Großspurigkeit neigenden Münchner Sandro Wagner vorzog. Petersen befand sich mit Freiburger Teamkollegen gerade auf Männertour auf Mallorca, als ihn der unverhoffte Anruf des Bundestrainers erreichte. Eilig kontaktierte der Mittelstürmer die Freundin, damit diese umgehend den gemeinsam geplanten Sommerurlaub stornieren möge. „Es war kein plötzlicher Geistesblitz von Jogi“, berichtete Manager Oliver Bierhoff am Freitag. Sondern wohlüberlegt. 

Petersen soll seine Fähigkeiten als Joker einbringen

Denn von Petersen, einem auffällig intelligenten Kerl, erhofft sich Löw Spezialitäten, die er ansonsten im Kader nicht vorfindet. Der 29-Jährige soll bei Bedarf seine Fähigkeiten als Joker einbringen. Konkurrent Wagner hatte in der Vergangenheit schon mal darauf hingewiesen, dass genau diese Aufgabe nicht auf ihn maßgeschneidert ist. Petersen deutete bei seinem Auftritt vor Presse und Sponsoren dagegen an: Einen solchen Job wird er niemals ablehnen. 

Mario Gomez, zu dessen großer Enttäuschung nicht für die WM 2014 nominiert, hat mehrfach bekundet, dass er ähnlich denkt. Sinngemäß sagte er wiederholt: „Mir reichen auch drei Minuten, um glücklich zu sein.“ Aber der 32-Jährige kommt gemeinhin nicht so schnell auf Betriebstemperatur wie Spezialkraft Petersen. 

Vor vier Jahren erledigte André Schürrle den Arbeitsauftrag eines Jokers zur allseitigen Zufriedenheit. Am Ende standen drei Tore und die Vorlage zum finalen Treffer von Mario Götze. „Du kannst dich am Ende mit wenigen Minuten in die Geschichte einschreiben“, sagte Bierhoff am Freitag und schaute dabei rüber zu Petersen. Bierhoff weiß das selbst am besten: Sein Golden Goal als Einwechselspieler bei der EM 1996 eröffnete ihm im recht fortgeschrittenen Alter von 28 noch eine Weltkarriere. Ähnlich wie Petersen hatte auch Bierhoff es erst auf dem zweiten Bildungsweg in die Nationalmannschaft geschafft. 

Jetzt warnt der 50-Jährige, der noch immer fast so aussieht wie beim Karriereende mit 35, vehement vor den Gefahren, denen ein Weltmeister ausgesetzt ist: „Wir werden gejagt sein. Es wird die schwierigste WM. Alle werden Spaß daran haben, uns ein Bein zu stellen.“ Gerade erst hat er von Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann noch einmal detailliert in Erfahrung gebracht, dass das 1994 in den USA bereits im Viertelfinale gescheiterte deutsche Weltmeisterteam „eigentlich besser war als beim Titel 1990, aber dann haben sie es weggeschmissen“. Der damalige Bundestrainer Berti Vogts spricht noch heute geradezu angewidert davon, dass sie 1994 „keine Mannschaft“ waren, sondern eine groteske Ansammlung von Einzelinteressen.

Das soll sich 24 Jahre später keinesfalls ähnlich wiederholen. „Jeder Spieler muss wissen: Wie sieht meine Rolle für die Mannschaft aus?“, unterstrich Joachim Löw unter der Woche mit einer ganz dicken Linie, „dafür, dass die Spieler das erkennen, muss natürlich auch ich sorgen.“ Den Prozess, dass „jeder Spieler das große Ganze im Blick behält und sein Ego dafür auch mal zurücknimmt“ könne man „nicht verordnen, muss es aber vorleben.“ Jeder müsse wissen, „dass er nur ein Puzzleteil ist“. Löw nannte ein Beispiel: Christoph Kramer hätte im WM-Finale nach der Verletzung von Sami Khedira plötzlich auf dem Platz gestanden, „weil er im Training nie nachgelassen hat“.

Nils Petersen sagte am Freitag, er habe die Worte des Bundestrainers vom Tag zuvor im Teamhotel „natürlich“ verfolgt. Es hörte sich verdächtig so an wie: „Ich habe natürlich auch verstanden.“ 

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