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Nationalmannschaft Ein Kader der Harmonie

Mit seinem vorläufigen Aufgebot für die WM in Russland hat Bundestrainer Joachim Löw für Überraschungen gesorgt – mal wieder.

Pressekonferenz
Graue Eminenz: Löw (Dritter von links) und Bierhoff (rechts) mit DFB-Spitzenfunktionären. Foto: rtr

Joachim Löw hatte sich wieder ganz in Schwarz gekleidet. Eine Modefarbe, die der Genussmensch aus dem sonnigen Südbaden überaus schätzt, und die sich auch in das Bühnenbild fügte, das an diesem milden Frühlingstag am Dortmunder Fußballmuseum aufgebaut war. Zur Mittagszeit flimmerten über eine Videotafel dann jene 27 Namen, die der Bundestrainer für sein vorläufiges Aufgebot für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland auserkoren hatte. Der 58-Jährige wirkte hernach noch ein bisschen entspannter als ohnehin, weil kurz zuvor DFB-Präsident Reinhard Grindel die Vertragsverlängerung mit dem populärsten Verbandsangestellten bis 2022 – und damit bis zur umstrittenen WM in Katar – verkündet hatte.

Dass solch eine weitreichende Personalie – inklusive der Ausdehnung des Arbeitsverhältnisses mit Nationalmannschaftsmanager und DFB-Direktor Oliver Bierhof bis 2024 – beinahe zur Randnotiz verkam, dafür sorgte Löw quasi selbst: indem er entgegen allen Ankündigungen mit einer faustdicken Überraschung in seinem Personaltableau aufwartete: Die Berufung von Nils Petersen war der Paukenschlag beim Weltmeister. Für den noch nie in der A-Nationalmannschaft eingesetzten Torjäger des SC Freiburg bleibt der in acht Länderspielen fünfmal erfolgreiche Sandro Wagner zu Hause, was Löw eher nonchalant kommentierte: „Mein Job ist es leider auch, Träume platzen zu lassen und harte Entscheidungen zu treffen.“

In der Causa Wagner sei die Entscheidung eben „zugunsten anderer“ gefallen und die Nichtnominierung des 30-Jährigen vom Branchenprimus FC Bayern München habe an „Kleinigkeiten“ gelegen. Und Löw glaubt, dass der Leisetreter Petersen etwas besser in sein WM-Puzzle passt als der Lautsprecher Wagner, der sein überbordendes Selbstbewusstsein womöglich zu selbstgefällig und zu häufig nach außen kehrt. „Eine Mannschaft muss nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb funktionieren“, betonte Löw bezeichnenderweise, der dem Vernehmen nach zwischenmenschlich nicht unbedingt auf einer Wellenlänge mit dem in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Angreifer Wagner funken soll. Ganz bewusst fällte der Bundestrainer seinen Entschluss, den am Rücken lädierten Emre Can oder auch Mario Götze daheim zu lassen. Der 25-Jährige sei bei Borussia Dortmund „wahrlich nicht in der Form“ gewesen, die eine Nominierung rechtfertige – dann verblasst eben auch eine Heldentat aus dem WM-Finale 2014.

Dafür erwartet Löw vier Jahre später endlich etwas von Kumpel und Klubkollege Marco Reus („Hat was ganz Besonderes, ist eine besondere Waffe“), wobei er dessen Nominierung mit der Hoffnung verknüpft, dass der begabte wie anfällige Dortmunder keinen Verletzungsrückschlag erleidet.

Daumendrücken in Sachen Gesundheit ist auch bei Manuel Neuer angesagt. Dass Löw den seit Mitte September nicht mehr eingesetzten Torwart vom FC Bayern neben Bernd Leno, Marc-André ter Stegen und Kevin Trapp berufen würde, hatte sich abgezeichnet. „Wir wollen uns bei voller Belastung selbst ein Bild machen“, sagte der Bundestrainer und erklärte ausführlich, dass alle „um die Verantwortung in der Gesamtsituation“ wüssten. Er habe gerade erst vorgestern wieder ein längeres Gespräch mit seinem Kapitän geführt. Er möchte ab kommender Woche im Trainingscamp in Südtirol einfach „von Tag zu Tag sehen“.

Es solle auch keine „Wenn-dann-Szenarien“ geben, diese würden niemandem weiterhelfen. In einem sind sich der Trainer Löw und der Torwart Neuer einig: „Ohne Spielpraxis in eine WM zu gehen, ist schier unmöglich.“ Der 32-Jährige wisse selbst, was an „Konzentration, Schnellkraft und Reaktionsvermögen“ auf diesem Niveau verlangt werde, erklärte Löw. Ende Mai oder Anfang Juni solle es im Trainingslager ein „ehrliches Gespräch“ geben. Heißt also: Nur wenn Neuer im Härtetest gegen Österreich am 2. Juni in Klagenfurt überzeugen kann, wird er zur WM nach Russland reisen. Sonst gehört der Welttorhüter zu jenen vier Protagonisten, die am 4. Juni bei der endgültigen Besetzung des 23-köpfigen WM-Kaders noch durchs Rüttelsieb rauschen.

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