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Nationalmannschaft Die Vorstellung der Titelverteidigung

Unser Autor richtet sich mit einem Brief an Bundestrainer Joachim Löw.

Joachim Löw
Joachim Löw muss eine neue Mannschaft aufbau. Foto: imago

Sehr geehrter Herr Löw,

ich schreibe Ihnen aus dem 5 642, Sie wissen schon. Das ist das Café mit Meerblick, in dem Sie  gerne gefrühstückt haben, als Sie in Russland waren, auch hier in Sotschi, wo Toni Kroos gegen Schweden ... ach, egal.

Rührei, dazu ein Americano – das haben Sie bestellt, sagt die Barista mit der lustigen Hasenohrenmütze. Sie kann sich an Sie erinnern, als ich ihr dieses Foto zeige. „Ja, das ist der Mann, die Sonnenbrille hat er nie abgesetzt.“ Dass Sie der deutsche Bundestrainer sind, nein, das wusste sie nicht. Und wenn sie es gewusst hätte? „Hätte ich ihn um ein Foto gebeten, aber dann nicht mit dieser blöden Mütze.“

In einem Interview mit dem Playboy wurden Sie einmal nach dem schönsten Kompliment gefragt, das Sie je von einer Frau bekommen haben. Sie antworteten: „Beim Urlaub in Baiersbronn sagte eine Frau zu mir: Ich kenne Sie aus dem Fernsehen. Sie sind doch der Herr Magath. Da wusste ich zumindest, dass ich am richtigen Ort zum Urlauben bin.“ Sotschi muss wie ein zweites Baiersbronn für Sie sein. Und Magath ist längst keine Vergleichsgröße mehr. The sky is the limit, oder?

Der Berliner Ästhet in Ihnen

Der Kilimandscharo ragt 5 895 Meter hoch in den Himmel, 2003 waren Sie ganz oben. Der Funke-Mediengruppe erzählen Sie vor zwei Jahren, dass Sie „bei plus vierzig Grad im Tropenwald“ losgegangen sind, „ich habe Affen gesehen und Papageien“ und „am Ende kamen wir im ewigen Eis an“, Sie waren „körperlich und geistig am Limit“. Trotzdem erklommen Sie 2014 in Rio den allerhöchsten Gipfel der Fußballwelt.

Danach fühlten Sie sich vielleicht größer, als die Zugspitze hoch ist. Sie erinnern sich bestimmt noch, wie Sie dort  in einer Panoramalounge Ihren ersten EM-Kader vorstellten. „Bergtour“ war das passende Turniermotto. Und Mottomann Oliver Bierhoff sagte: „Auf dem höchsten Berg Deutschlands verläuft die Grenze zu Österreich und man kann bei gutem Wetter zahlreiche Gipfel der Schweiz erblicken.“ Der Aufstieg begann. Niemand wusste, was ein Hashtag ist. Und bis zum Absturz, bis zu dieser Kasanstrophe, war es noch sehr weit ... ach,  vergessen wir das. Bis Sonntagabend sind Sie ja noch ein amtierender Weltmeistertrainer. Halb so wild, dass vorher und erstmals seit Ihrem Amtsantritt ein WM-Halbfinale ohne deutsche Beteiligung stattfindet.

5 642, und Sie, Herr Löw, als Bezwinger des Kilimandscharo, werden das wissen, steht für den Elbrus, für den höchsten Berg des Kaukasus, von Sotschi ist er gut 200 Kilometer Luftlinie entfernt. Ihnen ist sicherlich der weiße Gipfel im Cafélogo aufgefallen. Ich kann gut verstehen, warum Sie jeden Morgen hierhergekommen sind, es sind ja nur wenige Schritte vom Teamhotel: die vielen Menschen, die Streichelaffen, Papageien, eine bunte  Strandpromenadenmischung, alle zwanzig Meter eine Laterne zum Innehalten – und der Kaffee schmeckt auch toll. Vor einem Jahr waren Sie schon mal hier, wohnten dauerhaft unter den hundert Sonnen Sotschis, nicht in Moskau, wo … ach, lassen wir auch das.

In der Antike hieß der Elbrus  Strobilus, Prometheus soll im Krater eingesperrt worden sein, nachdem er den Menschen das Feuer gebracht hatte. Fun Fact: Die Arche Noah soll hier kurzfristig gestrandet sein.

Der Berliner Ästhet in Ihnen wird das 5 642 als Ort der architektonischen Kühle schätzen. Sie wundern sich wahrscheinlich nicht darüber, wenn die Deckenbeleuchtung in Tellerkonstruktionen versenkt wird oder aus verkürzten Treppengeländern in den Raum baumelt. Der Freiburger Umweltaktivist in Ihnen mag sich allerdings darüber geärgert haben, dass der Kaffee immer in Pappbechern serviert wird, es nur Plastikbesteck gibt.

Sehr geehrter Herr Löw, lieber Joachim, vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass wir uns nicht kennen. Als ich Sie vor drei Monaten in Berlin treffen wollte, da war das Länderspiel gegen Brasilien, erhielt ich von ihrem Pressesprecher ein freundliches Nein, „denn Jogi Löw erreichen unglaublich viele Interview-Anfragen, nicht nur aus Deutschland, sondern eben auch aus dem Ausland. Nicht nur von Sportmedien, sondern quer durch sämtliche Mediengattungen“.

Ich las nach der Absage ein Interview bei Welt-Online: „Jogi Löw über seine Ehefrau, Körperpflege, Nacktsein und seine Frisur“. Ich erfuhr, welches Parfüm Sie damals trugen. „Lagerfeld. Oder auch Armani manchmal. Aber: Der Duft verfliegt, der Eindruck bleibt.“ Eine Frage (?) lautete: „Sie sehen einfach seriös und verdammt gut aus. Das liegt auch an Ihrem Haarschnitt, so als ob die Beatles nie gegangen wären. Ihre Antwort: „Meine Haare wachsen, was mich etwas stört, nach vorne.“

Antworten auf das WM-Aus

Vielleicht versuche ich es noch einmal mit dem Interview. Ich würde ja gerne wissen, warum ich zwanzig Jahre jünger bin als Sie, aber um ein Vielfaches ergrauter. Sie könnten mir auch erklären, warum die hipsten Berliner wieder Filterkaffee trinken und wo mich meine French Press um den Geschmack bringt im Vergleich zu einer Aeropress. Nur am Ende würde ich Sie fragen, was eigentlich schiefgelaufen ist in Russland.

In Deutschland gibt es bereits erste Antworten. Und das WM-Aus hat wohl etwas mit Ihrem Aussehen zu tun. „Kraftvolle Oberarme sind das, mit Turnermuskeln, in engen T-Shirts mit Ärmelchen, welche die Oberarme kamerafreundlich betonen“, stand im Spiegel. Im Leitartikel schrieb der Chefredakteur: „Wenn ein 58-jähriger Mann so aussieht, verrät er etwas über sich, das er vermutlich nicht verraten will.“

Darüber muss ich jetzt nachdenken, Moment mal.

Da bin ich wieder. Vom 5 642 ist es nicht weit zur Strandpromenadenlaterne Nummer 221. Sie steht vor dem ehemaligen Teamhotel, sie sieht nicht anders aus als die anderen. Nummer 221 ist aber auf ewig mit Ihnen verbunden, Herr Löw, denn hier lehnten sie lässig und sonnenbebrillt und blickten in eine ungefähre WM-Zukunft. In der gegenwärtigen WM-Deutung gilt diese Aufnahme als Ikone des Scheiterns, als Beweis für Hochmut und weltmeisterliche Überheblichkeit. Der Welt erzählten sie mal: „Es wird ja immer behauptet, während eines Turniers sei der Druck besonders groß – aber das spüre ich nicht so sehr. Da bewege ich mich in meiner eigenen Welt.“

Fußballdeutschland entdeckt die Moral

Ich spüre noch den Druck der Laterne im Rücken, auch ich lehne eben an ihr. Ich habe mir vorher sogar eine (gefälschte) Ray Ban gekauft. Für die 300 Rubel hätte ich  mehrere Makis für eine Stunde ausleihen können. Ich stand also an der Nummer 221 und dachte mir: Das ein schöner Ort. Ein Ort, an dem Urlaubsbilder entstehen. Bilder, die eine WM wie Urlaub erscheinen lassen. Aber erst danach, wenn man Weltmeister geworden ist.

Ich glaube, dass Sie Ihren Titel verteidigen wollten, und ich vermute, dass Sie es sich leichter vorgestellt haben, während Sie noch  in Sotschi waren, in das Sie sich ein wenig verguckt haben, als die Fußballwelt noch in Ordnung war. Als Fußballdeutschland noch nicht die Moral für sich entdeckt hatte – und diese gleich in doppelter Ausführung.

Im 5 642 läuft immer sanfte Hintergrundmusik, jetzt: „Smooth Operator“ von Sade. Der Song erzählt von einem gut aussehenden Mann mit ausgeprägtem Modebewusstsein, einem Herzensbrecher, der ein Jetsetleben führt. Es ist ein geschmeidiges, aber auch undurchsichtiges Leben. Mit diesen Zeilen geht es los: „Diamond life, lover boy, he move in space with minimum waste an maximium joy“. Später heißt es: „No need to ask, he’s a smooth operator“ – ein was? Ein aalglatter typ? Oder ein raffinierter Kerl? Welcher von beiden sind Sie eigentlich, Herr Löw? Verraten Sie es doch wenigstens dem Männernachrichtenmagazin Spiegel.

Ich weiß nicht, ob Sie noch der Beste sind für den Bundestrainerjob, aber sie scheinen mir derzeit der Bestmögliche zu sein. Sie haben den Deutschen ein smoothes Gefühl für ihr Land gegeben. Sie haben das Feuer des Fußballpatriotismus gebracht. Sie wären wahrscheinlich ein guter Heimatminister und könnten sich alle paar Wochen noch dem Sport widmen, so wie Sie es in den vergangenen vierzehn Jahren ja  schon gemacht haben. Ein repräsentativer Bundespräsident wären Sie auch. Andererseits verstehe ich, dass Sie nicht von einem Verband entlassen werden wollen, den Sie zum Weltmeister gemacht haben.

Neuaufbau der Mannschaft

Sie haben eine ehrliche Analyse versprochen, das ist gut. Aber ich weiß nicht, was dieses Versprechen für die vorherigen Analysen bedeutet. Wenn Sie mich fragen, fehlte dem #ZSMMN ein U wie die Unberechenbarkeit eines Leroy Sané, ein A wie der Anstand im Umgang mit Mesut Özil und ein E wie die Einsicht, dass Sotschi nur einen kleinen Teil der Realität abbildet. Auch der russischen. Auf Ihre Antworten müssen wir leider noch warten. Sie machen ja erst mal Urlaub. Sind Sie bald wieder im 5 642? Grüßen Sie die Barista mit den Hasenohren von mir.

Noch also sprechen die anderen. Und wenn ich das lese, stelle ich mir vor, wie Sie den Herrn #BRHFF, diesen neoliberalen Oliver Zwist, in seinem Elitedirektorenbüro aufsuchen und ihm erklären, dass Integration keine Marketingkampagne ist und gesellschaftlicher Zusammenhalt keine Social-Media-Strategie. Mit der Überzeugungskraft all Ihrer Turnermuskeln könnten Sie ihn dazu zwingen, diesen Satz zu sagen: „Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf mich verzichtet.“ Vor der Veröffentlichung müssten drei quer durch sämtliche Mediengattungen erprobte DFB-Pressesprecher die Aussage autorisieren.

Weltschmerz ist ein deutsches Lehnwort, ein Germanismus. Es wird in vielen Sprachen gebraucht, auch in Russland, wenn Trauer oder Melancholie schier die Stufe der Unerklärbarkeit erreichen. Weltmeisterschmerz muss das sein, was nicht nur Sie empfinden, lieber Herr Löw. Es ist ein in Deutschland millionenfach geteiltes Gefühl, weil die Besten in Russland nur noch die Reste ihres brasilianischen Selbst waren.

Ihre Aufgabe ist es nun, wieder das Beste aus den verunsicherten Resten herausholen. Dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg und Mesut Özil.

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