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Nationalelf und Politik „Es ist eine Selbstherrlichkeit und Bräsigkeit zu spüren“

Der Soziologe Norbert Seitz spricht im FR-Interview über die Zusammenhänge von deutschem Fußball und deutscher Politik.

Merkel und Löw
Seitz über Merkel und Löw: „Was dem widerfahren ist, wird mir nicht passieren.“ (Archivbild) Foto: imago sportfotodienst

Der Soziologe, Publizist und Fußballfan Norbert Seitz war von 1989 bis 2005 Leitender Redakteur der „Frankfurter Hefte“, von 2007 bis 2013 Kulturredakteur beim Deutschlandfunk und ist seither freier Mitarbeiter dort. 1998 veröffentlichte er das Buch „Doppelpässe. Fußball und Politik“. Hier äußert sich Seitz über mutmaßliche und tatsächliche Parallelen zwischen Deutschland und der Nationalelf sowie zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer Jogi Löw.

Herr Seitz, das letzte deutsche Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft strahlte vor allem eines aus: Angst. Das ist verdammt typisch für die deutsche Gemütslage, oder?
Normalerweise halte ich nichts davon, unter dem polemischen Titel „German Angst“ die hiesige Bevölkerung auf die Couch zu legen, wenn nachvollziehbare Ängste vor Terroranschlägen aufkommen. Jogis Teamversagen gründete sich aber nicht nur auf Ängste vor Misserfolgen, Medienschelten oder Kurswertverlusten. Es hatte auch was mit mangelndem Teamgeist zu tun, für den gerade die Politik mit schlechten Beispielen vorangeht.

Aus lauter Sorge, hinten ein Tor zu kassieren, entwickelte die Mannschaft nach vorne keine Schlagkraft. Verhält es sich angesichts der globalen Krisen in der deutschen Politik nicht ähnlich?
Ja, fehlender Mut und ein Mangel an kreativer Risikobereitschaft – das Gerede von der Alternativlosigkeit bei schwachen Lösungen – kennzeichnet gerade auch die mehltaubehangene Politik in Berlin.

Anders als beim Sommermärchen spielte jetzt plötzlich auch das Nationale eine Rolle – und zwar im negativen Sinne, entbrannt an der Debatte um Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Hat das dem Teamgeist geschadet? Und war das ein Grund für das Ausscheiden?
Eindeutig ja. Wer einerseits mit seinem Konterfei in den aufwändigen Werbespots des DFB für progressive Werte wie Vielfalt und Offenheit wirbt, kann sich nicht gleichzeitig von einem Autokraten  wie Erdogan einspannen lassen, der sein Land in rasendem Tempo in einen Schurkenstaat  verwandelt hat. Das passt nicht zusammen. Dieser Integrationsgau war Gift für die Turniervorbereitung.   

Eine Parallele zwischen Deutschland und seiner Nationalmannschaft ist auf jeden Fall, dass beide aus dem Vollen schöpfen können und trotzdem Krisenstimmung herrscht. Ich finde das ziemlich verrückt.
In beiden Sphären ist eine Selbstherrlichkeit und Bräsigkeit zu spüren, mit der Übermüdung und Ideenlosigkeit kompensiert werden sollen. In der Tat korrespondieren die Erfolgsdaten in der Wirtschaft oder nach dem Confed-Cup nicht mit dem Geist der Truppe.      

Möglicherweise tritt Jogi Löw jetzt zurück. Stabilisiert das die Kanzlerin? Oder beschleunigt das ihren Niedergang?
Ich schätze Merkel eher so ein, dass sie eine Demission Löws als abschreckendes Beispiel ansehen würde. Getreu der Devise: Was dem widerfahren ist, wird mir nicht passieren.

Sollten im Sinne eines Neuanfangs vielleicht beide gehen?
Unbedingt. Sie sollten aber nicht durch Senioren wie Wolfgang Schäuble oder Jupp Heynckes ersetzt werden.

Eine letzte Frage: Der Sportminister heißt Horst Seehofer. Hat das in diesem Zusammenhang etwas zu sagen? Oder taugt die Frage nur als Kalauer?
Horst Seehofer erinnert mich in seiner Kampfesweise immer an den Bayern-Abwehrrecken Klaus Augenthaler. Er holte Mitte der 80er-Jahre den schnellen Rudi Völler von Werder Bremen grob von den Beinen, verletzte ihn dabei schwer und entschied damit die deutsche Meisterschaft vor.

Das Gespräch führte Markus Decker.

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