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Mesut Özil Der Schuldige ist gefunden

Manche Medien und auch Politiker machen sich mit Spott und Hass über Mesut Özil her.

Mesut Özil
Im Zentrum der Kritik: Mesut Özil. Foto: dpa

Es war nicht der schöne Mats, nicht der lustige Müller, nicht der lässige Laternenjogi, und am hundertarmigen Torwartkraken Neuer lag es auch nicht. Es war der Mesut, der Özil ist schuld, ganz allein. Dieser höchstens Halbdeutsche, der die Hymne nicht mitsingt, der lieber ganz Türke wäre, der Moslem, der einen Präsidenten zu viel hat, der jetzt zurücktreten muss aus der deutschen Nationalmannschaft, aus der Nationalmannschaft der Deutschen, unserer Nationalmannschaft.

Das ist eine Zusammenfassung viel zu vieler Reaktionen auf das Ende dieser Weltmeisterschaft. Denn sie scheint tatsächlich beendet zu sein, wenn Deutschland ab jetzt nicht mehr mitspielt. Und es ist eine freundliche Zusammenfassung unter Aussparung von Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen.

Menschen, die taktische Winkelzüge nicht durchschauen, die keinen Sinn haben für die Schönheit dieses Spiels, und Menschen vor allem, die Fußball als Ersatzspielfeld für bräunlich blubbernden Nationalstolz und dumpf daher geplapperten Rassismus begreifen, haben die Schuldfrage nach der Niederlage gegen Südkorea bereits geklärt. Unterstützt werden sie von Politikern und sogenannten Experten, von Journalisten und Fotoredakteuren, die auf der Suche nach einem Symbolbild schnell bei Özil fündig geworden sind.

„Peinlicher Auftritt“, stand in der „Bild“-Zeitung, dem Zentralorgan für Häme und Hass und hasserfüllte Halbwahrheiten. „Für uns ist die WM gelaufen!“ In Nahaufnahme: natürlich Özil. „Die Welt“ schrieb: „Özils Auftritt ist symptomatisch für die deutsche Mannschaft.“ Zu sehen: klar. Die „FAZ“ hatte ihren Text mit dem apokalyptischen Titel „Der deutsche Untergang“ zunächst mit Özil bebildert, in der Nacht auf Donnerstag wurde es durch eine Hintertoraufnahme ersetzt. Ganz gelöscht hat ProSieben einen Tweet, in dem der Sender Özil einen Rücktritt empfahl. In der nachgeschobenen Entschuldigung war die Rede von „einer privaten Meinung“. Und ein Bundestagsabgeordneter aus der rechten Hinterbank twitterte: „Ohne Özil hätten wir gewonnen.“ Dazu eine Fotomontage und die Frage: „Zufrieden, mein Präsident?“

Sport 1 war in Russland mit einem Frontmann vertreten, der Nationalspieler zu Selfies nötigte und – wie viele andere Kollegen auch – ohnehin längst die Kontrolle über die Grenzen zwischen Journalismus und Fantum verloren hat. Özil, leider kein Selfie, bekam nach dem Spiel die Schulnote 6, ungenügend. Nur mal so: Gegen Südkorea hat dieser nicht versetzungsunwürdige Fußballer seiner Mannschaft sieben vielversprechende Aktionen ermöglicht. Das ist zuvor noch keinem anderen in Russland gelungen.

Gefährliche Auswüchse

Um Fußball geht es schon lange nicht mehr. Nachdem Özil und Ilkay Gündogan den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu einem Fototermin in London getroffen hatten, begann eine Hetzjagd, ein öffentlicher Schauprozess, der keine Zeugenaussagen brauchte. Gündogan entschuldigte sich, bekannte sich zu irgendwelchen Werten, die deutsch sein sollen, die aber nur in eine Richtung gelten, also eigentlich wieder undeutsch sein müssten. Özil schwieg. Schweigt immer noch. Nur nach dem Spiel in Kasan lieferte er sich einen Wortwechsel mit deutschen Fans. Wichtig: Der Inhalt ist unbekannt.

Nein, es geht um dieses Land, in dem immer mehr Menschen, immer weniger Widersprüche dulden wollen. Ein Land, das sich noch zwei Wochen lang weltmeisterlich fühlen darf und danach zu Recht an Fußballgröße verlieren wird. Ein Land auch, das seinen Fußballnationalismus überdenken sollte und am besten gleich noch den Partypatriotismus dazu, dieses ganze schlandige Getue, das vor zwölf Jahren lustig und harmlos begann und sich nun gefährlich ausgewachsen hat.

Ein Widerspruch ist es etwa, sich mehrfach zugehörig zu fühlen. So wie Mesut Özil. So wie Millionen andere Deutsche auch.

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