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Kommentar WM-Kader Bloß keine Störungen

Der Vorfall um Mesut Özil und Ilkay Gündogan bestärken Bundestrainer Löw darin, bei der WM darauf hinzuwirken, dass sich seine Spieler aus delikaten politischen Fragen heraushalten. Ein Kommentar.

Nils Petersen
Nils Petersen steht für Sandro Wagner im vorläufigen WM-Kader. Foto: dpa

Es gibt ein paar Aspekte an der vorläufigen Aufstellung von Joachim Löw für das WM-Trainingscamp in Südtirol, die besonders interessant sind. 

Erstens: Der Bundestrainer hat darauf verzichtet, den Mittelstürmer Sandro Wagner zu nominieren. Es fällt schwer, diese Entscheidung allein unter sportlichen Gesichtspunkten zu beurteilen. Wagner gehörte zum erfolgreichen Team, das vergangenen Sommer im Confederations Cup bereits Russlanderfahrung gesammelt hat, Wagner hat bei Bayern München als Stellvertreter von Robert Lewandowski nahezu vollauf überzeugt und in 25 Spielen, oft nur bei Teileinsätzen, immerhin zwölf Tore gemacht. Wagner hat zudem in acht A-Länderspielen fünfmal getroffen. 

Aber der 30-Jährige hat, parallel zu seiner bemerkenswerten fußballerischen Entwicklung, regelmäßig auch zu drängenden Fragen nach seinen eigenen Ambitionen auffällig forsch formuliert. Unter anderem sagte er erst neulich, es handele sich bei ihm um den „besten deutschen Stürmer“. Das lieferte zwar schöne Schlagzeilen, war aber nicht klug.

Löw mag es nicht, wenn sich ein Einzelner auf diese Art und Weise in den Fokus stellt. Der Bundestrainer ist ein harmoniebedürftiger Mensch, der bei der Zusammenstellung seines Personals sehr darauf achtet, dass ein angenehmes Binnenklima herrschen möge. Teamfähigkeit als Softskill ist neben fußballerischen Grundvoraussetzungen von gehobener Bedeutung, gerade vor dem Hintergrund, dass die Tage in der abgelegenen Herberge vor Moskau verdammt lang werden können. 

Lieber den Mund halten

Zweitens: Löw hat laut Selbstauskunft nicht eine Sekunde einen Gedanken daran verschwendet, dass Mesut Özil und Ilkay Gündogan wegen ihres Auftritts mit dem türkischen Präsidenten Erdogan mit einer Nichtnominierung bestraft werden könnten. Das überrascht keinesfalls, weil Löw seine besten Spieler in Russland dabei haben will, weil er außerdem ein unpolitischer Mensch ist, weil er als ehemaliger Trainer von Fenerbahçe Istanbul die türkische Seele kennt und aus dieser Zeit mit seinem türkischen Berater Harun Arslan zusammenarbeitet.

Der Vorfall und dessen mediale Wirkung bestärken den Bundestrainer umso mehr, auch bei der WM in Russland dringlich darauf hinzuwirken, dass sich seine Spieler aus delikaten politischen oder gesellschaftlichen Fragen zu hundert Prozent heraushalten. Motto: Mund halten und Fußballspielen. Dadurch, dass Wagner mit seinem ganz eigenen, unangepassten Charakter nicht dabei ist, dürfte es keine Zweifel geben, dass dieses Anliegen von allen Beteiligten erfüllt wird. Denn derartige Störungen werden intern als potenziell leistungsmindernd für die gesamte Gruppe angesehen. Eine Denkweise, die aus der Sicht eines Fußballtrainers sogar nachvollziehbar erscheint. 

Drittens: Löw hat Manuel Neuer nominiert, obwohl der Torwart seit acht Monaten kein Spiel mehr absolviert hat. Keinem anderen Spieler wäre dieser Vertrauensvorschuss zuteil geworden. Kapitän Neuer hat als weltbester Torwart einen Sonderstatus inne. Aber Löw hat klugerweise auch darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Status von uneingeschränkter Spielfähigkeit bestätigt werden muss, wohlwissend, dass mit Marc-André ter Stegen ein Mann bereitsteht, der sich im Tor des FC Barcelona längst auf ähnlichem Niveau bewegt wie Neuer vor dessen Verletzung. 

Viertens: Die beiden Helden des WM-Finals 2014, Vorlagengeber André Schürrle und Torschütze Mario Götze, fanden keine Berücksichtigung. Löws traditionelles Festhalten an verdienten Spielern ist bei der EM 2016 am Beispiel Bastian Schweinsteiger dokumentiert worden. Es stellte sich seinerzeit als Fehler heraus. Löw hat daraus gelernt. 

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