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Kommentar Nationalmannschaft Gefahr Weltmeisterbonus

Der Confed Cup im vergangenen Sommer hat die verfestigten Hierarchien im Nationalteam nicht nachhaltig aufgebrochen. Ein Kommentar.

WM 2018 - Deutschland - Mexiko
Kann auch schmerzende Entscheidungen treffen: Joachim Löw. Foto: Ina Fassbender (dpa)

Das Schicksal der WM-Auslosung will es so, dass das DFB-Team in seiner größten Krise seit dem 4:4 gegen Schweden vor sechs Jahren in Berlin nun in Sotschi anzutreten hat. Ironie der Geschichte: gegen Schweden. 

Die Schwarzmeerstadt Sotschi stand im vergangenen Sommer für die Zukunft des deutschen Fußballs. Dort befand sich das Basecamp für den Confederations Cup. Junge, unverbrauchte Burschen spielten sich von dort aus in einen Rausch und verblüfften dabei sogar ihren Trainer.

Der heißt Joachim Löw und hatte sich seinerzeit weniger deshalb entschieden, frisches Blut zu spritzen, weil er unbedingt dem Nachwuchs eine Chance geben wollte, sondern vor allem, um den Etablierten einen Sommer lang Ruhe zu gönnen. Statt mit misslaunigen Kroos, Khedira und Konsorten zum Confed-Cup zu düsen, machte sich der Bundestrainer lieber mit ehrgeizigen, abenteuerlustigen Kerlen auf zum Abenteuertrip. Ein kluger Schachzug, der allen zum Vorteil gelangte.

Die verfestigten Hierarchien wurden dadurch indes nicht nachhaltig aufgebrochen. Es war nur eine Sommerliebe.

Die Jungen müssen wieder ins zweite Glied

Ein Jahr später sind die Alten zurück, und die Jungen rücken erst einmal brav zurück ins zweite Glied. Jetzt hat der sich in seinem Handeln stets an einer strukturkonservativen Linie orientierende Bundestrainer ein gewichtiges Problem. Einerseits weiß er: Einen ähnlich entlarvenden Auftritt wie gegen Mexiko als Truppe, die in ihrer Dynamik wie eine überreife Mannschaft von vorgestern wirkt, kann sich Deutschland nicht noch einmal leisten. Löw dürfte dünken: Er kann die Prinzipien des Hochleistungssports nicht komplett durch die des Weltmeisterbonus ersetzen. Andererseits muss er auch bedenken: Nach der schwerfälligen Aufführung zum WM-Auftakt kann er nicht radikal reagieren, ohne die Hackordnung komplett aufzubrechen. Handelte er nach objektiver Leistungsbeurteilung, müsste er den drei überspeilt wirkenden Weltmeistern Sami Khedira, Thomas Müller und Mesut Özil einen Platz auf der Ersatzbank zuweisen und dafür die Confed-Cup-Sieger Leon Goretzka und Julian Brandt sowie Marco Reus in die Startelf befördern.

Löw würde damit aber in Kauf nehmen, gleich mehrere Starspieler mit entsprechender Eigenwahrnehmung und Stellung in der Mannschaft zu entmachten. Die würden das zweifellos als eine Art Majestätsbeleidung interpretieren – entsprechende Stimmung inbegriffen. Zudem: Gerade Khedira und Müller gehören aufgrund ihrer Persönlichkeit zu denjenigen, zu dem das Vertrauen über Jahre gewachsen ist. Das nach einer zwar völlig verpatzten  Halbzeit derart  fundamental aufs Spiel zu setzen, erscheint bei näherer Betrachtung nicht empfehlenswert. Schwer vorstellbar, dass ein stolzer Mann wie Khedira, in der Vorbereitung zudem einer der Besten, eine derartige Rückversetzung annehmen würde.

Andererseits hat Löw vor vier Jahren in Brasilien gezeigt, dass er in der Lage ist, auch schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. Nach dem Achtelfinale gegen Algerien wurde Per Mertesacker nach mehr als hundert Länderspielen aus der Startelf genommen, weil das Trainerteam das Tempoproblem in der Defensive richtig diagnostiziert hatte. Ein geradezu erschreckendes Tempoproblem hat die deutsche Mannschaft in der defensiven Umschaltbewegung jetzt wieder, das ist offenkundig. Und ein Taktikproblem dazu. Khedira war mit seiner viel zu offensiven Spielweise und den vielen Ballverlusten hauptverantwortlich dafür. Er hätte, wenn es denn bedauerlicherweise schon keine Hilfe durch konkrete Anweisungen von außen gibt, als erfahrener Spieler erkennen müssen, dass er mit seinen Mitteln dort vorn nicht hingehört.  

Gegen die Schweden, die anders als Mexiko mit hohen langen Bällen operieren dürften, könnte Khedira mit seiner Körperlichkeit und Kopfballstärke dennoch gute Dienste tun. Aber nicht als Turnvater Sami, der orientierungslos am gegnerischen Strafraum herumirrt, sondern als Instanz vor der Innenverteidigung, die dort Schmutzarbeit verrichtet. Wenn er das nicht tut, wird er nicht gebraucht.

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