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Erdogan-Affäre Özil muss sprechen oder gehen

Eine Analyse der verfahrenen Situation, in der es gegenwärtig nur Verlierer gibt.

Bierhoff und Löw
Zurück zu mehr Gemeinsamkeit, aber auch zu mehr Selbstkritik? Oliver Bierhoff (links) und Joachim Löw. Foto: Imago

Es liegt einiges in Trümmern im deutschen Fußball. Der Kredit eines nun nur noch  sechs Tage lang amtierenden Weltmeisters ist binnen weniger als zwei verkorksten und vercoachten Monaten vollständig aufgebraucht worden. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Es begann mit einem Foto am 12. Mai. Und es ist noch lange nicht zu Ende. Die FR analysiert die verfahrene Lage, in der derzeit nur Unterlegene ausfindig zu machen sind.

Als größter Verlierer wurde inzwischen Oliver Bierhoff ausgemacht. Der DFB-Manager ist nach seinen Äußerungen zu Mesut Özil in den sozialen Netzwerken beispiellos abgeurteilt worden: „Was für ein Lappen. Armselige Gestalt. Mann ohne Rückgrat. Killer-Olli. So durchsichtig, so unwürdig, so schwach. Unterirdisches Niveau.“ Sport1 fasste zusammen: „Stillos, peinlich, unwürdig.“ Spiegel online senkte den Finger: „Alles falsch gemacht“. Die „11 Freunde“ schrieben: „Bierhoff verhält sich unanständig.“ Die „Stuttgarter Zeitung“ befand: „Ein Populist entblößt sich.“

Die Fassungslosigkeit über Bierhoffs mangelnde Empathie entzündete sich daran, dass der Manager Özil nicht ausreichend geschützt habe angesichts der Angriffe von Rechtspopulisten, die das WM-Aus politisch ausschlachteten. Özil ist gewissermaßen vom Täter (Foto mit Erdogan, keine Erklärung dazu) nahezu übergangslos in die Opferrolle (aufbrechende Ressentiments gegen Türken in Deutschland) gelangt. Das hat Bierhoff bei seiner Einschätzung, für die er sich inzwischen bei Özil persönlich entschuldigt hat, nicht berücksichtigt.

Was seine verheerende öffentliche Wahrnehmung angeht, könnte Bierhoff sich an einem Punkt befinden, an dem er sich ernsthaft mit einem Rücktritt befasst. Im Deutschen Fußball-Bund stellt sich die Situation jedoch völlig anders dar. Dort ist der 50-Jährige nach wie vor der mächtigste Mann. Die WM hat seinen Einfluss gar eher noch gestärkt. Ohnehin war Bierhoff zum Jahreswechsel zum DFB-Elitedirektor befördert worden und somit auch zum Chef von Joachim Löw.

Allein der intern allseits akzeptierte, mit Vertrag bis 2024 ausgestattete Ex-Nationalspieler hätte nun in seiner hervorgehobenen Position dem Präsidium anraten können, dass er nach dem debakulösen Abschneiden in Russland eine Ablösung des Bundestrainers für geboten hält. Er tat es nach einem Vieraugengespräch mit Löw erwartungsgemäß nicht. Die beiden haben sich stattdessen ad hoc entschieden, den sportlichen und atmosphärischen Offenbarungseid zum Zusammenrücken zu nutzen und eine Schicksalsgemeinschaft einzugehen. Sie brauchen sich jetzt gegenseitig mehr denn je.

Die Machtverhältnisse und zuständigen Personen im DFB bieten gegenwärtig keine übergeordnete Instanz, die von Bierhoff und Löw als ernsthaftes Kontrollorgan akzeptiert würde. Verbandschef Reinhard Grindel hat zwar angekündigt, er und seine Präsidiumskollegen erwarteten, dass sie künftig von Bierhoff „intensiv informiert“ werden. Tatsächlich aber empfinden Löw und Bierhoff entsprechende Anliegen als störend, wenn nicht gar als Anmaßung von Fachfremden.

Tore sollten die Debatte zerbolzen

Es ist augenfällig, dass es dem Bundestrainer bislang gelungen ist, seine Autorität weitgehend zu wahren. Das unterscheidet ihn von Präsident Grindel, der wie ein Taugenichts durch die sozialen Netzwerke gehetzt wird, wiewohl das historisch frühe Ausscheiden in erster Linie von Löw zu verantworten ist. Es wird nun interessant sein zu beobachten, wie hoch der Grad der Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich kritisch spiegeln zu lassen, beim 58-Jährigen tatsächlich ausgeprägt sind.

Seine erste grobe interne Analyse, die zum Wochenstart im DFB-Präsidialausschuss vorgetragen wurde, zeugte eher davon, mangelnde Chancenverwertung und den schweren Rucksack des Titelverteidigers in den Mittelpunkt der Erklärungsspielräume zu setzen, weniger persönliche Nachlässigkeiten. Es kommt Löws nur mäßig geschrumpfter öffentlicher Akzeptanz zupass, dass die Fans das Ausscheiden offenbar relativ schnell akzeptiert haben, nicht aber die Begleitumstände, die nun eher in der Verantwortung von Bierhoff und Grindel gesucht werden.

Özils Ultimatum

Dabei ist der Bundestrainer derjenige, der alleine die Autorität besessen hätte, den Fall Gündogan-Özil-Erdogan mit klarer Kante zu moderieren. Dazu war er nie bereit. Der Plan war, dass Tore der deutschen Mannschaft die unselige Debatte zerbolzen würden. Man stelle sich dagegen vor, Grindel hätte per Machtwort des Verbandschefs verfügt, dass die beiden türkischstämmigen Spieler nicht mit zur WM fahren dürfen. Um im Bild zu bleiben: Für Löw wäre Grindel nicht mehr „mein Präsident“ gewesen, ein frühes Ausscheiden, das in dieser mürben Beschaffenheit des Teams ebenso wahrscheinlich gewesen wäre, wäre zuvorderst Grindel auf die Füße gefallen.

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