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Die WM-Trainer Steiniger Weg zum Sommermärchen

Mit viel Schwung und neuen Konzepten stieg Jürgen Klinsmann im Jahr 2004 beim DFB ein. Das provozierte Widerspruch, doch der Erfolg gab ihm recht. Teil 7 der Serie - die WM-Trainer.

Klinsmann
Jung, dynamisch, erfolgreich: Projektleiter Jürgen Klinsmann. Foto: rtr

Es ist ein sonniger Tag Ende Juli 2004, an dem Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff freundlich lächelnd in die DFB-Zentrale in Frankfurt rauschen. Die beiden ehemaligen Nationalspieler nehmen auf dem Podium neben dem damaligen Verbandspräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder Platz – und erzählen, was sie sich für die nächsten zwei Jahre mit der Nationalelf vorgenommen haben. Als Bundestrainer Klinsmann und Teammanager Bierhoff.

Klinsmanns zentrale Sätze: „Mein Wunschgedanke geht dahin, ein Spielsystem Schritt für Schritt aufzubauen, das nach vorne gerichtet ist.“ Und: „Ich weiß, dass die Fans in unserem Land vor allen Dingen einen Wunsch haben, nämlich, dass wir die WM 2006 gewinnen. Das ist auch mein Ziel.“ Bierhoff findet: „Jedes Kind soll wieder den Wunsch haben, Nationalspieler zu werden.“

Weltmeister werden beim Turnier im eigenen Land? Den Nachwuchs begeistern? Die Aussagen mögen heute banal klingen, damals waren sie jedoch verwegen. Die Nationalmannschaft befand sich 2004 in einem traurigen Zustand. Bei der EM in Portugal, die Anfang Juli zu Ende gegangen war, schied die von Rudi Völler gecoachte Auswahl in der Vorrunde aus. Völler trat zurück. Zwei Jahre zuvor hatte die Nationalelf mit ihm zwar in Japan noch das WM-Finale erreicht. Bei der EM lief jedoch nichts mehr. Kein Tempo, keine Offensivkraft, keine modernde Taktik.

 

Klinsmann sollte es gelingen, das Team wiederzubeleben. Er wird sogar als Vater eines Sommermärchens 2006 in die deutsche Fußballhistorie eingehen. Sein Weg dorthin ist allerdings steinig.

Die DFB-Funktionäre und Bundesliga-Manager wissen zwar, dass sie Entwicklungen verschlafen haben, dass sich deshalb vieles ändern muss. Der frühere Weltklassestürmer aus dem Schwabenland packt die Dinge jedoch forsch und eigensinnig an. Er entscheidet knallhart und umgibt sich ausschließlich mit Menschen, denen er zu 100 Prozent vertraut. Auf manche mag es wie Abschottung gewirkt haben. Protest ist programmiert.

Bald nach seiner Präsentation ernennt Klinsmann Joachim Löw, damals 44, zu seinem Co-Trainer. Klinsmann hat zwar einen Trainerschein, aber kaum Erfahrung als Coach. Und Klinsmann legt sich einen Stab aus Fachleuten für jeden Bereich zu. Das hat er sich aus dem US-Sport abgeschaut, Klinsmann ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet und wohnt in Kalifornien. Die Nationalmannschaft bekommt einen Sportpsychologen, einen Chefscout. Und dann springen plötzlich die US-Fitnesstrainer um Mark Verstegen mit ihren Gummibändern auf dem Platz herum, um die Nationalspieler zu drillen. In der Bundesliga kommt erste Skepsis auf. Brauchen wir so etwas? Sind das die richtigen Methoden für unsere Profis? Klinsmann zieht seinen Plan durch.

Er macht Michael Ballack zum Kapitän seiner Mannschaft – sportlich nachvollziehbar, allerdings muss er dazu Torwart Oliver Kahn absetzen. Doch der Sturm legt sich. Denn bei Klinsmanns Länderspiel-Heimpremiere in Berlin im September 2004 gelingt ein 1:1 gegen Brasilien, den Weltmeister von 2002. Damit sind alle zufrieden. Der nächste Knall folgt jedoch prompt. Im Oktober teilt Klinsmann dem langjährigen Torwarttrainer Sepp Maier auf dem Flughafen von Teheran mit, dass er gehen dürfe. Maier hat Klinsmann verärgert, denn er hat über Jens Lehmann gesagt: „Er wird nie die Nummer eins.“ Zu Maiers Nachfolger bestimmt Klinsmann Andreas Köpke, der bis heute im Amt ist. Beim 2:0 gegen den Iran feiert der 20-jährige Per Mertesacker sein Länderspieldebüt. Er steht für den von Klinsmann eingeleiteten Verjüngungsprozess.

Das Jahr 2005 läuft gut. Beim Confed-Cup im Juni in Deutschland, dem Turnier vor der WM, verkauft sich die Nationalelf ordentlich. Im Halbfinale in Nürnberg verliert sie erst nach großem Kampf 2:3 gegen Brasilien. Im Spiel um Platz drei erreicht die Nationalelf in Leipzig in Unterzahl ein 4:3 n.V. gegen Mexiko. „Wir sind in einem Jahr enorm gewachsen“, kommentiert Klinsmann zufrieden.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. In der Bundesliga wird immer heftiger kritisiert, dass Klinsmann nicht aus den USA nach Deutschland ziehen wolle. Außerdem ist von Kommunikationsproblemen zwischen ihm und der Liga die Rede. Bei einem Krisengipfel im Herbst in Frankfurt muss Klinsmann akzeptieren, dass ihm eine vom Bayern-Granden Uli Hoeneß angeführte Task Force zur Seite gestellt wird. Er darf jedoch in den USA wohnen bleiben. Der Bundestrainer hat zudem die „Bild“-Zeitung gegen sich, da er ihr keine Vorzugsbehandlung gewährt.

Nachdem die Nationalelf am 1. März 2006, also gut drei Monate vor dem WM-Start, in Florenz 1:4 gegen Italien verliert, bekommt Klinsmann volle Breitseite: „Grinsi-Klinsi – was gibt es da zu lachen?“, fragt das Boulevard-Blatt und zeigt ein Foto des lächelnden Bundestrainers. Im ganzen Land wird darüber diskutiert, ob man den Coach noch austauschen solle, um ein WM-Desaster zu verhindern.

Klinsmann darf bleiben, und er bleibt mutig. Im April beendet er die Rotation im Tor und macht Jens Lehmann – und nicht Kahn – zu seiner Nummer eins für die WM. Es ist eine Entscheidung für das moderne Spiel, sinnbildlich für Klinsmanns Amtszeit. „Jens verkörperte eher die damals noch neue Philosophie, bei der sich der Torhüter mehr ins Spiel einschaltet. Das hat letztlich den Ausschlag gegeben“, sagte Klinsmann kürzlich der „Zeit“.

Mitte Mai 2006 gibt er seinen WM-Kader bekannt, er beruft überraschend den Debütanten David Odonkor. Das Glück ist fortan mit Klinsmann. Odonkors Sprint in der Nachspielzeit der WM-Vorrundenpartie gegen Polen, seine Flanke auf Olivier Neuville, der das 1:0-Siegtor schießt, gilt heute als der Schlüsselmoment, der das WM-Sommermärchen möglich machte.

Der Funke springt über. Klinsmanns Mannschaft reißt das deutsche Publikum mit, das Land zelebriert bei bestem Wetter eine WM-Party von ungeahnter Dimension, die auch nicht endet, als die Nationalmannschaft im Halbfinale in der Verlängerung mit 0:2 an Italien scheitert. Im Spiel um Platz drei gelingt ein 3:1 gegen Portugal. Als die WM vorbei ist, will der DFB Klinsmann halten. Auch die „Bild“ hofiert ihn nun. Doch Klinsmann sagt nein. Es sei für ihn ein Projekt für zwei Jahre gewesen – er schlägt seinen Assistenten als Nachfolger vor. Acht Jahre später erreicht Löw in Brasilien das erklärte Ziel: den WM-Sieg mit Offensivfußball.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier WM-Trainer

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