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DFB-Team Die heikle Mission Wiederaufbau

Die flachen Hierarchien haben in Russland versagt, die Eigenvermarktung hat den Blick aufs Wir verbaut.

Joachim Löw
Für Löw beginnt der schwierige Umbau der Nationalelf. Foto: imago

Am Dienstag hat Mats Hummels ein Bild auf sein Instagramprofil gestellt. Es zeigt den deutschen Innenverteidiger in Nahaufnahme, schmales Gesicht, tiefe Augenhöhlen, schweißtropfende Stirn. Hummels hat schon unmittelbar nach der viel zu frühen Rückkehr aus Russland ein Foto gepostet. Es zeigte die Ergometerergebnisse seines Frühsports und war sinngemäß mit der Zeile „Zum Glück lässt sich Wut in Energie umsetzen“ unterschrieben. Mats Hummels, das kann jeder sehen, hat die Schmach noch längst nicht verwunden.

Kevin Trapp, der Ersatztorwart, lässt die Welt ebenfalls via Instagram wissen, dass er sich just verlobt hat. Er sei „unfassbar glücklich“. Vorne der urlaubende Keeper und seine Anvertraute, hübsch untermalt von einem Schmuselied, im Hintergrund das Meer und eine Luxusjacht vor der Insel Capri. Trapp geht es gut.

Manuel Neuer schickt ein Bild aus einer griechischen Grotte, der Kapitän steht in einem engen Gang auf einer Treppe, er schaut dort von unten nach oben und schreibt: „Höhen und Tiefen sind normal im Sport.“

Auch Mesut Özil ist irgendwo am Meer unterwegs. Man sieht ihn auf Instagram, Arm in Arm mit seiner Freundin Amine in der untergehenden Sonne: „Danke, dass Du immer für mich da bist. Du bringst mich zum Lächeln, auch wenn meine Welt auf den Kopf gestellt ist.“

Jeder verarbeitet seinen Frust auf seine Weise. Hummels mit Wut gegen sich selbst, Trapp mit der Freude über sein persönliches Glück, Özil mit Dankbarkeit im Kleinen und Trotz im Großen.

Im Deutschen Fußball-Bund hat die Aufarbeitung gerade erst begonnen, und zwar in einer Form, welche die gewohntermaßen einem neutralen Urteil zugeneigte Deutsche Presseagentur erzürnt so beschreibt: „Die Aufarbeitung des WM-Desasters wird zum nächsten Debakel.“ Auf Twitter werden Manager Oliver Bierhoff und Präsident Reinhard Grindel unter eigenen Hashtags verhöhnt, weil sie es noch nicht einmal geschafft hätten, glaubhaft zu versuchen, billigen Populismus aus der rechten und halbrechten Ecke gegen Mesut Özil zu bändigen. Ganz im Gegenteil. Der Eindruck, die beiden seien bei ihren Löscharbeiten grob fahrlässig oder gar mutwillig mit Benzinkanistern unterwegs gewesen, hat sich dermaßen verfestigt, dass auch die auffällig moderate „Bild“-Zeitung ihre Meinungsmacht nicht durchsetzen und somit nur bescheidene Hilfsdienste für die wankenden Verbandsoberen leisten kann.

Für ein glaubwürdiges „Wir schützen Özil vor Rassismus“ aus dem Hause DFB ist es ohnehin schon zu spät. Wahrscheinlich hat Christdemokrat Grindel sich dafür auch den falschen Berater fürs eilige Onlinegeschäft ins Haus geholt. Es ist der ehemalige „Bild“-Chef Kai Diekmann.

Bierhoff ist tätig geworden

Wie dem auch sei: Nach dem Aus ist vor dem Spiel. Auf der Verbandshomepage weit oben finden sich die Kartenangebote für die Partie der neuen Nations League am 6. September in München gegen Frankreich. Eine halbleere, stimmungslose Arena soll unbedingt vermieden werden, die Eintrittspreise beginnen deshalb bei moderaten zehn (ermäßigt) und 25 Euro. So viel steht mal fest.

Nicht mal annähernd fix ist, mit welchem Personal und mit welcher Mentalität der Bundestrainer, der immer noch auf den Namen Jogi Löw hört, die heikle Mission Wiederaufbau angehen wird. Dass der 58-Jährige dafür Zeit bekommen soll, sollten alle Kritiker nachvollziehen können, wenn sie ihren Schaum vorm Mund dann irgendwann mal abgewischt haben. Dass der einer eher betulicheren Work-Life-Balance zugeneigte Südbadener dafür Land und Leute aber bis Ende August warten lassen darf, wie Verbandschef Grindel angekündigt hat, verwundert dann schon. Sollte der Arbeitseifer nicht eigentlich erhöht werden?

Manager Bierhoff, der jetzt, da es von allen Seiten über ihn hereinbricht, besonders stark sein muss, ist im Hintergrund längst tätig geworden. Viele Mitarbeiter des insgesamt 45 Menschen umfassenden, unmittelbar an den 23 Spielern tätigen Funktionsteams sowie einige der weiteren 43 Stabsmitglieder im Backoffice und der Delegation wurden befragt, was aus ihrer Sicht falschgelaufen sei vor und während der kläglich gescheiterten WM-Expedition.

Der Tenor in den elektronischen Antwortbögen: In der modernen Arbeitswelt des Profifußballs habe sich ein zunehmendes Maß an Ich-Bezogenheit entwickelt, das nur schwierig zu bändigen sei. Die Eigenvermarktung habe manchem den Blick aufs Wir verbaut. Das Engagement fürs Team sei bestimmten Starspielern sichtbar schwergefallen, der Wert eines Einsatzes für Deutschland habe für manchen schlicht an Bedeutung verloren, und: Die flachen Hierarchien hätten diesmal versagt.

Zudem habe sich zu viel in Routine eingeschliffen, es gebe zu viele Leute im Tross mit sich überschneidenden Arbeitsfeldern, daraus resultierte Frust, den niemand kanalisiert habe. Es sei Zeit, dass sich was drehe, mit einem kleineren, kompakteren, kämpferischeren Team hinter dem Team. Dank des krachenden Zusammenbruchs aller Systeme sei es immerhin nun möglich, auch einschneidende Änderungen vornehmen zu können und harte Entscheidungen zu moderieren. Nur wenn Löw dazu in der Lage sei, sei eine Fortsetzung seiner Arbeit sinnvoll. Die meisten Spieler und Mitarbeiter trauen das dem Bundestrainer zu.

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