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DFB in der Krise Philipp Lahm bringt sich in Stellung

Gelingt es dem DFB, Philipp Lahm nicht nur als Grüßaugust für die EM-Kampagne einzubinden, sondern fürs Löw-Team?

Curtius, Lahm, Grindel, Bierhoff
Sahen schon fröhlicher aus: DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius, EM-Botschafter Phillip Lahm, Präsident Reinhard Grindel und Superminister Oliver Bierhoff (v.l.). Foto: imago

Seit zweieinhalb Wochen ist es unvermeidlich gewesen, seit Sonntagabend ist es Fakt: Deutschland ist nicht mehr amtierender Fußball-Weltmeister. Die Fallhöhe ist deshalb so groß und der Aufprall für den Verband und die führenden Mitarbeiter somit umso schmerzhafter, weil der DFB der Welt im Sommer 2014 ein Leuchtturmprojekt für eine bis in den hintersten Winkel funktionierende Mannschaft vorstellte, um vier Jahre danach auf dem letzten Platz der Vorrundengruppe einen kollektiven Zusammenbruch als Team ohne Spirit erleben zu müssen.

Nachdem der sportliche Schlamassel von einer völlig aus den Fugen geratenen gesellschaftlichen Debatte um die beiden türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil begleitet wurde, ist der Imageschaden durch Lackarbeiten an der Karosserie nicht zu beheben. Es braucht eine Runderneuerung. In den Köpfen und auf den Beinen.

Löw und Bierhoff haben acht Wochen für die Neuausrichtung

Das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes gibt Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff erstaunliche volle acht Wochen Zeit für die Aufarbeitung und Neuausrichtung. Es sollte erwartet werden, dass die beiden Hauptverantwortlichen für den WM-Titel 2014 und das schnelle Scheitern 2018 bei den Aufräumarbeiten auch Hilfe zu Rate ziehen, die sich nicht scheut, Fundamentalkritik zu üben, ohne deshalb als notorisch nörgelnd wahrgenommen zu werden. 

Philipp Lahm hat das Vakuum der von Joachim Löw verursachten Sprachlosigkeit zum Finalwochenende nicht nur gedanklich gefüllt, sondern sich gleichzeitig persönlich positioniert. Es handelt sich keinesfalls um einen Zufall, dass Kopfmensch Lahm dem Bundestrainer nicht in einem profanen Zeitungsinterview, sondern via Karriereplattform Linkedin anriet, dessen auf partnerschaftlichen Austausch und flache Hierarchien basierenden Führungsstil durch eine „Kultur strafferer, klarerer Entscheidungen“ zu ersetzen. 

Der Ehrenspielführer hat dabei gewiss nicht verbal aus der Hüfte um sich geballert. Lahm unterhält nach wie vor enge Drähte zu einigen Führungsspielern des WM-Kaders. Es darf deshalb angenommen werden, dass der 34-Jährige mit seinem Beitrag auch als Sprachrohr etablierter Spieler fungiert, die sich öffentlich nie und nimmer ähnlich äußern könnten, ohne des Geheimnisverrats geziehen zu werden. Dazu passt Lahms Hinweis, bei der nachwachsenden Generation fehle „der Blick für das Ganze, die Verantwortung des Einzelnen für die Mannschaft“ trete als Leistungsmotiv in den Hintergrund. 

Als aktueller EM-Botschafter des DFB, der seine Aufgabe mit einem Engagement und einer Professionalität verrichtet, die  weit über die vertraglichen Vereinbarungen als Grüßaugust hinausgeht, gilt Lahm zudem als Vertrauensmann von Präsident Reinhard Grindel und Generalsekretär Friedrich Curtius. Wenn der Weltmeisterkapitän sich also in dieser radikalen Form über das Nationalteam und dessen Protagonisten äußert, geht die Wucht der Erklärung weit über die Botschaften üblicher Verdächtiger in TV-Talkrunden und Experten-Kolumnen hinaus. Sein Karrierestreben, das ihm beim FC Bayern zunächst verwehrt blieb, könnte er zum Nutzen des deutschen Fußballs im DFB gewinnbringend für sich und das Land einbringen. 

Konkret sollte sich der trotz seiner unglückseligen öffentlichen Bemerkungen zu Mesut Özil intern nach wie vor hochangesehene Bierhoff sehr ernsthaft damit auseinandersetzen, ob er seinen eigenen Ansprüchen an hochprofessionelle Abläufe noch gerecht werden kann, wenn er auch künftig weiterhin in der Vierfachrolle als Sportlicher Leiter, geschäftsführender Direktor der neu gegründeten Direktion Nationalmannschaften und Fußballentwicklung mit 120 Mitarbeitern, Projektleiter der DFB-Akademie mit einem Investitionsvolumen von 150 Millionen Euro sowie DFB-Präsidiumsmitglied noch gerecht werden kann. Oder ob es nicht erwogen werden sollte, einen starken und gut vernetzten Mann wie Lahm in führender Position mit einzubinden? Im DFB sind sich intern ausnahmslos alle Beteiligten einig, dass Bierhoff trotz dessen Fähigkeiten zum Multitasking Entlastung benötigt. Mit dem 37-jährigen, hochkompetenten Thomas Beheshti hat sich Bierhoff bereits vor geraumer Zeit einen guten Mann ins Team geholt. Es war ohnehin vorgesehen, dass Beheshti den wegen seines aggressiven Jubels nach dem Schweden-Spiel sowie internen Ermittlungen aufgrund möglicher Compliance-Verfehlungen in die Kritik geratenen Cheforganisator Georg Behlau beerbt. 

Auch mit Blick auf moderne Entwicklungen im Fußball ist man im DFB nicht erst durch das WM-Aus aus einem dösigen Halbschlaf erwacht. Längst hat der schon seit Jahren alarmierte Bierhoff den kundigen Sportchef Joti Chatzialexiou etabliert, der Antworten auf die drängendsten Fragen verfehlter Talententwicklung kennt. Aber sowohl Beheshti als auch Chatzialexiou sind Bierhoff unterstellt. Lahm könnte dem Superminister als Kollege auf Augenhöhe dienen, wenn die Beteiligten denn in der Lage wären, persönliche Befindlichkeiten hintenanzustellen; ein schwieriger Prozess, für den der Sommer bis zum nächsten Pflichtspiel am 6. September gegen Frankreich aber ausreichend Zeit schenkt.

Auch die nicht nur in vielen Medien und sozialen Netzwerken, sondern auch im Hause DFB als missraten interpretierte Außendarstellung der „Mannschaft“ und ihres hochmütigen „Best never rest“-Geplärres gehören nicht nur auf den Prüfstand, sondern in den Häcksler. So sehr sich Bierhoff über die nach seiner Wahrnehmung übertriebene und oberflächliche Kommerzialisierungskritik ärgern mag – sie trifft einen Kern, den der 50-Jährige in seinem Refugium am Starnberger See womöglich nicht in der gebotenen Tiefe erkannt und deshalb entsprechende Warnhinweise aus der Bevölkerung nicht ausreichend beachtet hat. 

All das würde freilich aktuell gar nicht thematisiert werden, wenn in Russland die Abläufe auf dem Sportplatz funktioniert hätten. Ex-Profi Stefan Reinartz hat dieser Tage als professioneller Fußballanalytiker via „SZ“ Denkanstöße gegeben, mit denen sich Löw hoffentlich längst auseinandersetzt: Nur Tunesien war konteranfälliger als Deutschland. „Die Ära Löw“, so Reinartz, „fußt auf einer Idee, sie war das Ende einer Story: Er hat den alten deutschen Tugenden, mentaler Stärke und guter Defensive, spielerische Elemente hinzugefügt. Jetzt braucht die Story ein neues Kapitel.“ 

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