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DFB in der Krise Damals, im Campo am Atlantik

Warum es 2014 nie und nimmer hätte gutgehen können – eigentlich.

Joachim Löw
Immer lässig, bis es zu spät war: Joachim Löw, hier bei einem Training in Russland. Foto: rtr

Nehmen wir an, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wäre 2014 nicht Weltmeister geworden, sondern im Achtelfinale unehrenhaft gegen Algerien ausgeschieden. Stellen wir uns das also einmal vor und seien dabei ehrlich zu uns selbst und zum Deutschen Fußball-Bund: Statt Heldengeschichten über das revolutionäre Torwartspiels des Manuel Neuer hätte es eine gnadenlose Abrechnung gegeben. Spieler, Manager und Bundestrainer wären als ausgemachte Volldeppen durchs globale Dorf gejagt worden. Wir hatten es doch alle miteinander vorher schon gewusst: Es hatte nie und nimmer gutgehen können.

Vor dem Turnier in Brasilien ereignete sich im „Chaos-Camp“ von Südtirol nämlich folgendes. Erstens: Vier bedeutende Spieler erschienen dort pünktlich, aber nicht trainingsfähig. Manuel Neuer (Schulter), Bastian Schweinsteiger (Schenkel), Philipp Lahm (Knöchel), Sami Khedira (Knie). Sie stiegen allesamt als Rekonvaleszenten in den Flieger nach Salvador de Bahia. Zweitens: Joachim Löw musste Berichte bestätigen, wonach ihm wegen anhaltenden Ignorierens des Tempolimits im Baustellenbereich für sechs Monate der Führerschein entzogen worden war. Drittens: Kevin Großkreutz, damals tatsächlich Kadermitglied, konnte nicht dementieren, dass er gerade erst in die Lobby eines Berliner Hotels uriniert hatte, statt eine Toilette aufzusuchen. Viertens: Ein hochgetunter Mercedes mit den Spielern Höwedes und Draxler als Beifahrer an Bord rauschte bei einer Promotiontour auf enger Bergstraße in einen deutschen Urlauber. Der Mann wurde meterhoch durch die Luft geschleudert, erlitt schwerste Brüche und galt zunächst als lebensbedrohlich verletzt. 

In Brasilien war das kühn von Bierhoff designte Basislager Campo Bahia bei Ankunft der DFB-Entourage noch nicht vollständig fertiggestellt. Bei Manuel Neuer regnete es gar ins Zimmer, der Torwart musste zwischenzeitlich auf einer feuchten Matratze nächtigen. Die Fahrt vom Campo zum Flughafen führte über zwei Dutzend Bremsschwellen, bei denen die Insassen des Teambusses jeweils kräftig durchgeschüttelt wurden. Nebenbei lieferte sich der längst vom Hof gejagte Präsident Zwanziger als Fifa-Exekutivmitglied vor Ort ein beidseitig aggressives verbales Scharmützel mit seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach. Unruhe allenthalben. 
Und trotzdem ist Deutschland Weltmeister geworden. 

Dann ging es weiter so. Aber es ging nicht gut.

2014: Jogi Löw mit Ray Ban leichten Schrittes am Atlantik. Ein Mann, dessen innere Ruhe ihm die Souveränität und Sicherheit für richtige Entscheidungen in der Coaching-Zone gab. 
2018: Löw an der Laterne am Schwarzen Meer. Ein Mann, der in seiner zur Schau getragenen Lässigkeit den Schuss nicht gehört hat. 

Vergleichbare Bilder. Völlig unterschiedliche Interpretationen. Wie man nun weiß: Zu Recht! Jetzt gibt es kein „Weiter so“ mehr. Aber geht es deshalb gut?

„Was immer auch geschah“, schrieb gerade erst der „Spiegel“ in einem klugen Text, „es gab kein Wir im deutschen Team. Es gibt kein Wir in diesem Land.“ Man könnte noch hinzufügen: Es gibt kein Wir im DFB. Nirgendwo ein Brückenbauer. Nirgendwo jemand mit der Kraft zum Zusammenhalt.

Berti Vogts hat sich jetzt zu Wort gemeldet. Der war mal Bundestrainer, acht Jahre lang. Vogts hat in einem Interview auch die Spielweise der deutschen Mannschaft damit verglichen, wie Eltern „ihr Baby zum Schlafen bringen. Der Wagen wird vor- und zurückgeschoben, ein wenig geschaukelt, bis das Kind eingeschlummert ist“. Das ist ein treffendes Bild, auch über das hinaus, was sich auf dem Platz so beschwerlich bewegte. Die Mission Titelverteidigung erstickte in Trägheit. 

Die letzten Monate der Ära Vogts sind später als bleierne Zeit des deutschen Fußballs in die Geschichtsbücher eingetragen worden. Vogts war mit Klinsmann und Bierhoff im Sturm, Köpke im Tor, Wörns und Kohler in der Abwehr, Heinrich und Tarnat auf den Außen im WM-Viertelfinale 1998 0:3 an Kroatien gescheitert. Nach der höchsten Niederlage einer deutschen Nationalelf bei einer WM oder EM seit 40 Jahren gab es niemanden, der den armen Berti Vogts noch als Bundestrainer ertragen mochte. Bis auf den Präsidenten Egidius Braun. 

Vogts durfte deshalb noch ein paar Monate weiter werkeln, er verlor seine Linie, er beugte sich dem Populismus, er betrieb Selbstverrat und holte in seiner Verzweiflung Effenberg zurück. Aber da hatte er längst schon keine Chance mehr und musste bald gehen. Noch im selben Herbst passierte das. Danach ging es dem deutschen Fußball viele Jahre schlecht. Bis Joachim Löw kam. Der steht jetzt dort, wo der arme Berti vor 20 Jahren war. 

Wir wissen nicht, was jetzt passiert. Aber hinterher wissen wir es bestimmt besser. 

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