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Deutschland - Mexiko Historische Pleite für Deutschland

1. UpdateWeltmeister Deutschland ist nach einer schlimmen Leistung mit einer entlarvenden Niederlage in die WM in Russland gestartet.

World Cup - Group E - Brazil vs Switzerland
Entsetzen bei Thomas Müller. Foto: rtr

Sie schlurften, einer nach dem anderen, ziemlich bedröppelt aus der Umkleidekabine zum Mannschaftsbus. Die Mundwinkel wirkten wie von der Erdanziehungskraft angezogen und hingen entsprechend herunter. Das bestimmt nicht unverdiente 0:1 (0:1) zum Auftakt der Weltmeisterschaft gegen Mexiko im brodelnden Luschniki-Stadion hatte ihnen allen miteinander das, was von der ohnehin alles andere als überschäumenden Stimmung zuvor noch übrig geblieben war, komplett verhagelt. Aber immerhin: Fast alle deutschen Spieler stellten sich in der Mixed Zone, dort, wo Verlierer gern auch mal die Kapuze überstreifen, das ausgeschaltete Handy ans Ohr halten und so stumm entfleuchen.

In der Analyse waren sich die enttäuschten Protagonisten weitgehend einig: So wie sie sich eine Halbzeit lang von den Mexikanern hatten herspielen lassen, funktioniert Spitzenfußball auf diesem Niveau natürlich nicht. Einerseits, was die Einstellung angeht. „Wenn man schon nicht über die Qualität kommen kann“, schimpfte Joshua Kimmich, „dann muss man zumindest über die Mentalität kommen. Das haben wir nicht geschafft.“ Andererseits aber vor allem auch, was die Spielweise betrifft. „Wir waren viel zu konteranfällig, haben Bälle verloren, die man nicht verlieren darf und den Mexikanern viel zu große Räume angeboten“, analysierte Thomas Müller sehr gut. Viel besser jedenfalls, als er zuvor Fußball gespielt hatte. „Am Samstag gegen Schweden muss das besser werden, aber so einfach wird das aber nicht.“

In den gemeinsamen Wochen des Südtiroler Trainingslagers und auch danach im Teamcamp in Watutinki war die defensive Absicherung nach möglichen Ballverlusten ja schon das größte Lehrthema auf der Schultafel von Joachim Löw, seinen emsigen Scouts und den beiden Assistenten gewesen. Offenbar war der eine oder andere Schüler aber beim Pauken eingenickt. 

Hummels bemängelt Defensivverhalten

Mexiko hatte den Weltmeister dagegen sehr genau studiert, und alle hatten aufgepasst, als ihnen die Studienergebnisse vorgestellt wurden. Mit überfallartigen Angriffen, meist initiiert vom überragenden Hector Herrera, gelang es ihnen immer wieder, mit mehreren Spielern und Ball blank auf die bemitleidenswerten deutschen Innenverteidiger Mats Hummels und Jerome Boateng zulaufen zu können. Die mussten mehrfach Kopf und Kragen riskieren, um in höchster Not noch zu retten. 

„Das, was ich intern anspreche, fruchtet anscheinend nicht so ganz“, ärgerte sich Hummels vollauf berechtigt. Der Innenverteidiger sah beim entscheidenden Tor nicht gut aus, rutschte sogar noch aus, war aber sicher nicht hauptverantwortlich für das, was einem Weltmeister nicht zur Ehre gereichte.

 

Das auffälligste Problem im deutschen Spiel: Die beiden defensiven Mittelfeldspieler Sami Khedira und Toni Kroos standen vollkommen neben sich, sie sicherten sich weder gegenseitig ausreichend ab noch waren sie in der Lage, dem Angriffsspiel Statik zu verleihen. Immer wieder wurden sie überlaufen, die Schnelligkeitsdefizite wurden dabei offenkundig. 

Und weil rechts Joshua Kimmich, noch mehr als links der für den grippeerkrankten Jonas Hector ins Team gerückte Marvin Plattenhardt, sich regelmäßig sehr weit nach vorne orientierte, fehlte es an defensiver Absicherung. Zudem begannen die Deutschen sich von der Hektik und wohl auch von der extrem dichten Atmosphäre beeindrucken zu lassen, viel zu schnell und viel zu oft lamentierten sie beim Schiedsrichter, wenn ihnen von den körperlich hart, aber keinesfalls unfair zu Werke gehenden Mexikanern mal wieder der Ball geklaut worden war. Auch gelang ihnen kein stabiler Spielaufbau, sie hatten, völlig untypisch, weder Ruhe am Ball noch im Passspiel. Das deutsche Spiel erinnerte verdächtig dem, was Fußball-Reporter früher als „Hühnerhaufen“ bezeichneten. Dazu passt die Aussage des frustrierten Boateng: „Die laufen uns im Rücken weg, und keiner sagt was.“ 

Das entscheidende Tor fiel auf typische Art und Weise: Ballverlust von Khedira nach robustem Einsatz der Mexikaner, blitzartiges Umschalten, keine Absicherung hinter Khedira, Hummels wird rausgelockt, Chicharito lässt prallen, Pass in den von Kimmich aufgemachten Raum, der zurückgeeilte Mesut Özil kann den Torschützen Hirving Lozano nicht aufhalten, Boateng ist in der Mitte gebunden, Tor. Eine Führung, die nach 36 Minuten gegen eine bis dahin überforderte DFB-Elf überfällig war und bis zur Pause sicher auch noch höher hätte ausfallen können, wenngleich Kroos mit seinem Freistoß nur die Latte traf. Guillermo Ochoa im mexikanischen Tor hatte eine Hand noch drangehabt, sonst wäre der Ball im Netz gelandet. 

Es war wenig verwunderlich, dass den von ihren lautstarken Fans immer wieder nach vorne getriebenen Mexikaner nach dem Wechsel zunehmend die Luft ausging. Das Tempo war vor der Pause extrem hoch gewesen, dem mussten sie nun etwas Tribut zollen. Aber nicht so viel Tribut, als dass Deutschland sie deshalb an die Wand gespielt hätte. Natürlich war die Überlegenheit nun drückend, natürlich versuchte Joachim Löw nun alles, brachte erst Marco Reus für den indisponierten Khedira, dann Mario Gomez für Plattenhardt und ging somit „All in“. 

Das führte aber nicht dazu, dass es zu einer Großchance nach der anderen kam, dafür waren die Abspiele und Abschlüsse zu ungenau, dafür warfen sich die Mexikaner mit zu viel Verve in die Schussversuche, dafür zappelte Thomas Müller auf rechts zu unpräzise umher. Schließlich traf der in den Schlussminuten noch für den insgesamt schwachen Timo Werner eingewechselte Julian Brandt mit seinem knüppelharten Schuss nur den Außenpfosten. Derselbe Brandt diagnostizierte hinterher eines der fundamentalen Probleme: „Wir haben mit zwei Parteien verteidigt. Die einen wollten pressen, die anderen standen tief. So funktioniert das nicht.“ 

Zum schlechten Ende hin stand Deutschland nur noch mit einer Einerkette, bestehend aus Jerome Boateng, als letzte Instanz. Sogar Manuel Neuer war in seiner Verzweiflung nach vorne geeilt. Zuvor hatte der Torwart mit ansehen müssen, wie sich den Mexikanern weitere hochkarätige Kontermöglichkeiten ergaben. Die führten vor allem deshalb nicht zu einem weiteren Torerfolg, weil sie schlicht zu platt waren. Mats Hummels sah für ein vom Frust getriebenen Foul ebenso noch gelb wie der ständig nörgelnde Müller für ein taktisches Vergehen. So rundeten sie den ungelenken Auftritt ihrer Mannschaft leistungsgerecht nach unten ab. „Jetzt“, sagte Müller zum Abschied, „haben wir zwei K.o.-Spiele mehr.“ Oder am Ende vier weniger. 

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