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Deutsche Krise Donnergrollen in Camp Watutinki

Die Krisensitzung im Quartier der Nationalmannschaft wird zur gegenseitigen Abrechnung – und auch zu einem reinigenden Gewitter?

Manuel Neuer
Ernste Miene nach der Aussprache: Kapitän Manuel Neuer auf dem Weg zur Pressekonferenz am Dienstag. Foto: rtr

Über das Teamquartier von Watutinki zog der ferne Ausläufer eines Unwetters, als es auch im Gemeinschaftsraum der deutschen Nationalmannschaft nicht nur rumorte, sondern arg rummste. Die Nachwirkungen des völlig versemmelten Spiels gegen Mexiko waren heftig. Und sie mussten, glaubt man dem Kapitän Manuel Neuer, auch genauso heftig sein, um bei allen Beteiligten hinterher als reinigendes Gewitter wahrgenommen zu werden. Der Torwart erschien am Dienstag mit fast einstündiger Verspätung zur mittäglichen Pressekonferenz, wo die ungeduldig wartenden Berichterstatter dann die Ausläufer des Donnergrollens aus Camp Watutinki vernehmen konnten. Neuer entschuldigte sich für sein spätes Erscheinen. Die angesetzte Krisensitzung hatte lange gedauert. „So stark war die Kommunikation noch nie in unserer Mannschaft“, berichtete der erfahrene Keeper. Man kann das leicht übersetzen: Es wurde Tacheles geredet. 

Das erschien allen Beteiligten dringend nötig nach dem Offenbarungseid gegen Mexiko und vor der Partie gegen Schweden am Samstag in Sotschi. Anders als noch nach dem fast verpatzten WM-Achtelfinale gegen Algerien vor vier Jahren, als sich der Ärger im DFB-Quartier bald auf die böse Presse konzentrierte und man sich umso mehr in der Trutzburg Campo Bahia verschanzte, gingen die Protagonisten nun vor allem kritisch mit sich selbst um.

Eine Gruppe von Ich-AGs

Neuer fasste Teile des Krisengesprächs zusammen und gab dabei Einblicke in die Risse im Team. Sie hätten sich „die Sachen ehrlich ins Gesicht gesagt“ und „kein Blatt vor den Mund“ genommen, es herrsche nun Einigkeit, „dass es keine zwei Meinungen geben darf, wenn wir auf dem Platz stehen“, jeder müsse sich eindringlich fragen: „Habe ich die Bereitschaft, die hundertprozentige Einstellung für dieses Turnier mitzubringen? Bin ich bereit, alles für die Mannschaft zu geben?“ Neuer zeichnete so indirekt das Bild einer Gruppe von Ich-AGs, die sich nicht ausreichend füreinander aufopfern, um bei einer Weltmeisterschaft zu bestehen.

Auch die Ausführungen des Kapitäns über die gegen Mexiko eingewechselten Spieler Marco Reus, Mario Gomez und Julian Brandt sowie das Training der Ersatzspieler am Tag nach der 0:1-Niederlage klang verräterisch. „Alle Einwechslungen waren positiv. Jeder hat sich voll reingehauen. Alle Spieler, die nicht gespielt haben, brennen.“ Der Umkehrschluss: Viele Spieler, die von Beginn an dabei waren, haben nicht gebrannt, haben noch nicht mal gefunzelt. 

Schaut man sich beispielsweise in der Videoanalyse die Rückwärtsbewegung von Toni Kroos vor dem entscheidenden Tor an, passt dieses Puzzleteilchen sehr präzise in Neuers Beschreibung. Kroos bricht kurz vor dem eigenen Strafraum seine Bemühungen schon ab, erkennt dann, dass er dem verzweifelt in einen chancenlosen Zweikampf verwickelten Özil vielleicht doch noch hilfreich sein könnte – und kommt einen Schritt zu spät. 

Neuer: „Keine Zweiteilung und keine Spaltung“ im Team

Der Torwart nannte allerdings keine Namen, auch keine Mannschaftsteile. Eine Strategie, die nachvollziehbar ist. In dieser schwierigen Gemengelage wirken gegenseitige öffentliche Schuldzuweisungen, und seien sie inhaltlich noch so berechtigt, wie schleichendes Gift für das, was vom Gemeinschaftsgefühl noch übrig geblieben ist.

Neuer dementierte zudem Probleme der erfahrenen Weltmeister und der aufstrebenden Confed-Cup-Sieger untereinander. Es gäbe „keine Zweiteilung und keine Spaltung“. Man kann das glauben oder nicht. In Fußballmannschaften gehört es zu normalen zwischenmenschlichen Vorgängen, dass die Männer aus der zweiten Reihe besonders unzufrieden reagieren, wenn die aus Reihe eins keine Leistung bringen und dennoch bevorzugt werden. Joachim Löw kennt diese Gruppendynamiken. Man darf hochgespannt sein, wie der Bundestrainer die Situation nun öffentlich und intern weiter moderiert. Es ist davon auszugehen, dass er Rücksprache mit dem Teampsychologen Hans-Dieter Hermann gehalten hat, ehe er die Aussprache ansetzte. 

Eine vergleichbare, geradezu historische Sitzung hat es in der jüngeren der deutschen Nationalmannschaft schon einmal gegeben. Seinerzeit allerdings ohne Mitwirken von Löw in dessen ersten Turnier als Bundestrainer. Nach dem 1:2 im EM-Gruppenspiel gegen Kroatien begehrte eine Gruppe um Christoph Metzelder, Arne Friedrich und Philipp Lahm gegen die Platzhirsche Michael Ballack und Torsten Frings auf. 

Gerade Ballack war im Kroatien-Spiel mit abfälligen Gesten gegen Mitspieler aufgefallen und wurde zur Rede gestellt. Ballack reagierte mit Unverständnis und kritisierte zudem, dass tags zuvor Familienangehörige Zugang zum Swimmingpool des Mannschaftsquartiers erhalten hatten. Seiner Meinung nach hätte der Termin wegen der Niederlage gegen Kroatien ersatzlos storniert werden müssen. Das Gros der Kollegen sah das anders. 

An diesem Nachmittag begann die Macht des Capitanos zu schwinden, zwei Jahre später übernahm Lahm die Binde und gab sie nie wieder her. 

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