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Cem Özdemir „Man sollte Spieler nicht ausbuhen“

Der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir plädiert in der Diskussion um Ilkay Gündogan und Mesut Özil dafür, die Reihen zu schließen.

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Bundestrainer Jogi Löw fordert die Fans zum Applaus auf. Foto: Imago

Herr Özdemir, als Ilkay Gündogan am Freitagabend eingewechselt wurde, haben ihn die Fans gnadenlos ausgepfiffen. Was haben Sie da empfunden?
Das finde ich falsch. Denn man buht damit ja die gesamte Nationalmannschaft aus. Man sollte grundsätzlich die eigenen Spieler nicht ausbuhen und eigentlich auch andere nicht – mit Ausnahme von Sergio Ramos vielleicht. (lacht) Da hätte ich nach dem Spiel von Real Madrid gegen Liverpool vielleicht ein gewisses Verständnis dafür.

Warum buht man Spieler nicht aus?
Das ist unsportlich. Ich freue mich auf die WM und auf die Nationalmannschaft und drücke ihr die Daumen, damit sie wieder Weltmeister wird. Der berechtigte Ärger über Gündogan und Özil ist, glaube ich, verstanden worden.

Einerseits werden Gündogan und Mesut Özil wegen ihrer Erdogan-Fotos kritisiert. Anderseits scheint sich ein rassistisches Ressentiment unterzumischen. Was ist denn stärker?
Ich halte nichts davon, dass man die beiden nun kritisiert im Sinne von: „Das sind keine Deutschen.“ Im Gegenteil: Ich kritisiere sie gerade dafür, dass sie als deutsche Staatsbürger ein Foto mit einem Despoten gemacht haben, der unsere Werte null Komma null teilt. Das war ein falsches Signal. Zumal sie als Nationalspieler nicht irgendwer sind, sondern Vorbilder. Und das nicht nur für deutsch-türkische Jugendliche. Ich kenne auch Jugendliche, die keinen türkischen Vornamen haben und mit den Trikots von Gündogan und Özil rumlaufen. Das ist ein tolles Kompliment für unser Land. Ich halte auf der anderen Seite aber auch nichts von dem Paternalismus derer, die sagen, man dürfe die beiden nicht kritisieren, weil sie Migranten seien nach dem Motto: Die können es ja nicht besser wissen. Das hat ebenfalls etwas mit fehlender Augenhöhe zu tun. Ich kritisiere zwei Staatsbürger unseres Landes. Ob ihre Vorfahren in der Schlacht am Teutoburger Wald teilgenommen haben oder nicht, ist für mich unbedeutend. Zumal sich ja jetzt herausgestellt hat, dass sie ausschließlich über den deutschen Paas verfügen, nicht über den türkischen.

Trotzdem nochmal gefragt: War bei den jüngsten Pfiffen Rassismus im Spiel?
Es ist jedenfalls so, dass Pfiffe nichts bringen und allen schaden. Ich frage mich ja, wo die Pfiffe dafür bleiben, dass die Fifa die WM an Russland und Katar vergeben hat. Oder die Pfiffe dafür, dass der ehemalige deutsche Außenminister eine Teezeremonie für seinen türkischen Kollegen abhält. Auch beim DFB kann ich mir den Hinweis nicht verkneifen, dass er 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien die damalige blutige Militärdiktatur ignoriert und sogar noch legitimiert hat. Der damalige DFB-Präsident hat sich zu der Behauptung verstiegen, das sei gar keine Militärdiktatur. Insofern muss man die Kirche bei Gündogan und Özil ein bisschen im Dorf lassen.

Es geht bei beiden im Tieferen nicht allein um Erdogan, sondern um die Frage: Identifizieren sie sich mit Deutschland. Wie ist Ihr Eindruck?
Ich kenne die beiden nicht persönlich. Deshalb kann ich das nicht beurteilen. Sie haben sich aber bewusst für die deutsche Nationalmannschaft und den Pass dieses Landes entschieden. Insofern werden sie sich etwas dabei gedacht haben. Die Fotos mit Erdogan lösen jetzt leider diese Loyalitätsdebatte aus. Das ärgert mich tierisch, weil es uns zurückwirft. Es ist außerdem Wasser auf die Mühlen der AfD. Die wollen bestimmen, wer dazugehört und wer nicht, und bürgern die beiden verbal aus. Andererseits läuft wie gesagt auch der Paternalismus derer, die sagen, „Das sind Migrantenkinder, die es haben es nicht so drauf, denen muss man helfen“, letztlich auf eine Ausbürgerung hinaus. Denn er nimmt die beiden nicht ernst.

Aber wenn man die Fotos ernst nimmt und besonders den Spruch Gündogans auf dem Trikot („Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll“), dann heißt das doch, dass er sich der Türkei mehr verbunden fühlt als Deutschland. Und dann müsste er für die Türkei spielen.
Auf den Bildern waren neben Erdogan ja drei Spieler zu sehen, nämlich neben Gündogan und Özil auch Cenk Tosun. Cenk Tosun ist türkischer Staatsbürger und hat sich entschieden, für die türkische Nationalmannschaft zu spielen. Bei ihm gibt es also wenig zu kritisieren, wenn er Erdogan als seinen Präsidenten betrachtet. Ein Vierter war aber nicht auf dem Foto: Emre Can. Über Emre Can reden wir zu wenig, er hat sich nicht für Erdogans-Wahlkampftheater hergegeben. Er ist ein echtes Vorbild. Die beiden ersten kann man als Symbol dafür betrachten, dass wir in der Integrationsdebatte nicht da sind, wo wir hin müssten. Allerdings sollten wir das nicht auf die türkische Community beschränken. Ähnliche Probleme haben wir bei den Russlanddeutschen. Und wenn ich mir die AfD-Kollegen im Bundestag anschaue, dann sehe ich, dass die ebenfalls in einer eigenen Filterblase leben, in der die Werte unseres Landes nicht viel gelten. All das erinnert uns daran, dass eine Gesellschaft einen gemeinsamen Fundus an Grundüberzeugungen braucht.

Als Gündogan ausgepfiffen wurde, hatten Sie da das Gefühl, die pfeifen auch Sie aus?
Ich hatte vor allem das Gefühl, dass nachgekartet wird. Und Nachkarten ist mir per se unsympathisch. Ich weiß auch nicht, was es bringt. Es ist rücksichtslos und unangemessen. Wenn das Spiel angepfiffen ist, geht’s ums Spiel. Dann steht man als guter Sportsfreund bitte hinter seiner Mannschaft – mit all ihren Spielern. Und dass ein Ö im Nachnamen noch immer nicht der Normalfall ist, wissen wir doch alle.

Wie viel innere Verbundenheit darf ein deutscher Nationalspieler türkischer Herkunft zu seinem Herkunftsland haben? Und was ist das Minimum an Loyalität zu seiner neuen Heimat?
Das hatten wir doch alles längst geklärt! Selbstverständlich ist in Zeiten der Globalisierung nicht zu erwarten, dass Menschen nur einem Land verbunden sind. Ich würde niemals erwarten, dass jemand, der in Kasachstan geboren ist, die Verbindung dorthin kappt. Warum denn? Das ist doch eine tolle Bereicherung. Dasselbe gilt für Menschen mit türkischer Herkunft. Der Unterschied zum deutschen CDU-Europaabgeordneten David McAllister, der einen schottischen Vater und einen britischen Pass hat, ist, dass Schottland eine Demokratie ist, die der Europäischen Union angehört. Deutsch-Türken werden hingegen von vielen automatisch in dieselbe Ecke gestellt wie der autoritäre Herrscher in der Türkei. Wir sollten dennoch Deutsch-Türken nicht anders behandeln. Deutschland ist ein sehr weltoffenes und liberales Land. Hier wird nicht verlangt, dass sie sich assimilieren.

Die Lage um Gündogan und Özil ist nicht bereinigt. Was kann man, so kurz vorm Anstoß, noch tun?
Der ganze Vorgang zeigt, dass wir Gesprächsbedarf haben und uns selbst vergewissern müssen, wer wir sind. Davon abgesehen schließen wir jetzt die Reihen und freuen uns. Es gibt allen Grund dazu. Unsere Nationalmannschaft gehört nach wie vor zu den besten der Welt.

Interview: Markus Decker

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