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Deutsch-Russische Fußballwoche Eine kleine Brücke

Der DFB ist zu Gast bei der „Deutsch-Russischen Fußballwoche“.

Wolgograd
Das Stadion von Wolgograd tragen die U18-Mannschaften von Russland und Deutschland ein Freundschaftsspiel aus. Foto: imago

Reinhard Grindel ist es als Ex-Politiker gewohnt, auf dem glatten Parkett der hohen Diplomatie nicht auszurutschen. Also schaut der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes genau hin, als der Fotograf im Russischen Haus ihn bittet, vor einem der WM-Poster Position zu beziehen. Der Kreml im Hintergrund könnte allzu sehr aussehen wie ein guter Freund von Wladimir Putin. Wolgograd, das ehemalige Stalingrad, als Bild hinter dem Chef eines deutschen Sportverbandes sorgt für Assoziationen, die mehr mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs als mit dem Fußball im Sommer 2018 verbunden sein könnten. Also wählt Grindel das Motiv vor der Schwarzmeer-Stadt Sotschi.

Mögen die politischen deutschen Beziehungen zum WM-Ausrichterland auch abgekühlt sein – Grindel setzt auf die Kraft des Fußballs. Er „bleibe ganz grundsätzlich dabei“, sagt er und hebt die Stimme, „dass ich die WM als große Chance sehe, Brücken zwischen den Menschen zu bauen“. Persönliche Kontakte und der „Austausch von Gedanken und Werten“ als Bausteine zur Annäherung. Die gerade stattfindenden „Deutsch-Russische Fußballwoche“ soll dabei helfen. Zumindest im Kleinen.

Vornehme Zurückhaltung

Die Fußball-WM steht vor der Tür, die Eishockey-WM läuft: Vielleicht ist vornehme Zurückhaltung bei einem schwierig zu greifenden sportpolitischen Thema in den russischen Medien gerade allzu verständlich. Es ist jedenfalls nicht zu behaupten, dass die „Deutsch-Russische Fußballwoche“ von der örtlichen Presse in Wolgograd für ein taugliches Titelthema gehalten wird. Das Boulevardblatt „Komsomlskaja Prawda (KP)“ widmete dem Spiel der U18-Nationalmannschaften von Russland und Deutschland (Dienstag, 16 Uhr MESZ/live DFB-TV) in der Millionenstadt nur einen kleinen Beitrag. Bei „Nowosti Wolgograd“ erschien immerhin das Bild vom Stadion Zenit. Meinungsführer wie „Sport Express“ und „sport.ru“ erwähnen das „Friedensspiel“ bislang gar nicht.

„Es ist ein starkes Zeichen der Versöhnung und des friedlichen Miteinanders, dass in Wolgograd, dieser so geschichts-trächtigen und geschichtsbelasteten Stadt, die U18-Mannschaften ein Freundschaftsspiel austragen werden“, beteuert Grindel. Symbolische Aktionen dürfen vor dem 9. Mai, dem „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland, nicht fehlen: Der DFB-Chef und RFS-Generalsekretär Alexander Alaev legen am Mittwoch an der „Ewigen Flamme“ am Mamajew-Hügel einen Kranz nieder, Juniorennationalspieler und Botschaftsmitglieder nehmen an einer Gedenkveranstaltung an der Kriegsgräberstädte Rossoschka teil, ehe Grindel als Ehrengast in der Wolgograd-Arena das russische Pokalfinale besucht. Dass am vollen Programm für Völkerverständigung auch der DFB-Botschafter für Vielfalt, Thomas Hitzlsperger, teilnimmt, ist vielleicht mit das wichtigste Zeichen: Homophobie ist schließlich, entgegen anderslautender Beteuerungen von offizieller Seite, ein gewaltiges Problem im WM-Ausrichterland.

Nicht nur Regimekritiker stören sich daran, dass eine der wichtigsten russischen Feiertage seit der Regentschaft von Wladimir Putin mit fast zügellosem Patriotismus überzogen wird. Die Paraden am 9. Mai sind noch pompöser geworden. Speziell aus der Wolga-Region hätten sich viele gewünscht, dass  als starkes Zeichen der Aussöhnung – und nach einem Memorandum der Zusammenarbeit zwischen DFB und RFS – sich hier die Mannschaften von Bundestrainer Joachim Löw und seinem russischen Kollegen Stanislaw Tschertschessow begegnen. Und nicht erst am 15. November in Leipzig.

Infantino mag Putin

Ganz ungeschickt ist es übrigens nicht, dass der DFB seine überwölbende Botschaft des Brückenbauens eher allgemein hält. Gerade der deutsche Verbandschef soll als Mitglied des Fifa-Councils und der Uefa-Exekutive völlig unterschiedliche Interessenslagen bedienen. Die Bestrebungen aus diesen drei Gremien driften mit jedem Tag weiter auseinander.

Sportpolitisch wirkt das Arbeitsgebiet des DFB-Präsidenten zunehmend vermint: Fifa-Boss Gianni Infantino pflegt einen guten Draht zum russischen Präsidenten, um den Regierungsvertreter aus Island oder Großbritannien während der WM einen Bogen machen wollen. Es hat schon weniger angespannte Phasen der Weltpolitik gegeben, in denen die Fußballfamilie sich zu ihrem größten Ereignis versammelt.

Titelverteidiger Deutschland hat sich dabei zu einer strikten Arbeitsteilung entschlossen, die bereits beim Confed-Cup griff: Bundestrainer Löw und Manager Oliver Bierhoff benennen allenfalls allgemeine Werte (Vielfalt, Respekt, Toleranz) – alle anderen heiklen Themengebiete landen bei dem Mann, der sich in dem Metier besser auskennt. Einen Vorteil muss es ja haben, dass der oberste deutsche Fußball-Dienstherr fast anderthalb Jahrzehnte dem Deutschen Bundestag angehörte.

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