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Danijel Subasic Kroatiens trauriger Held

Kroatiens Elfmeterkiller Danijel Subasic spielt für seinen viel zu früh verstorbenen Freund – und für die Anerkennung seiner Landsleute.

Danijel Subasic
Kurzer Gruß nach oben: Danijel Subasic. Foto: dpa

Danijel Subasic versuchte es. Doch mehr als ein paar Bruchstücke von einem Satz bekam er nicht hervorgepresst. „Das war... Es war... Das, was damals passiert ist...“ Dann wurde der Klos im Hals dicker und dicker. Subasic, 33, schnaufte einmal tief durch. Klopfte zweimal mit der Faust auf den Tisch. Biss sich auf die Unterlippe. Kniff die Augen zusammen. Dann konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Einen weiteren Satz brachte der Torwart der kroatischen Fußballnationalmannschaft in diesem Moment nicht hervor. Die Tränen begannen seine Wangen herunterzurinnen, Subasic vergrub das Gesicht in der linken Hand. Die Objektive der Kameras klackerten los, als galoppiere gerade eine Horde wildgewordener Pferde durch den Presseraum des Olympiastadions in Sotschi. Verteidiger Domagoj Vida, der neben Subasic auf dem Podium saß, streichelte den Nacken seines Teamkollegen. Dann drückte er seine Stirn gegen Subasics Kopf. Zwei kantige Fußballer der Marke „eisenhart“, zwei stolze Kroaten, die eben noch miteinander herumgeblödelt hatten, plötzlich aufgelöst wie bei einer Beerdigung.

Fünf Tage zuvor, später Abend in Nischni Nowgorod. Danijel Subasic war gerade zum großen kroatischen Helden geworden, im Elfmeterschießen gegen Dänemark, das seine Mannschaft mit 3:2 gewann, hatte er gleich drei Strafstöße pariert. Nach dem Spiel zog der Torhüter sein grünes Trikot aus, darunter verbarg sich ein weißes, leicht ausgeleiertes T-Shirt mit dem Foto eines jungen Fußballspielers im blauen Trikot. Oben der Schriftzug „Forever“, für immer, unten die Nummer 24. Es war Subasics viel zu früh verstorbener Freund Hrvoje Custic. Das Bild trägt er bei jedem Spiel auf seiner Brust.

Kein Wunder, dass Subasic also einige Tage später bei der Pressekonferenz in Sotschi gebeten wurde, die Geschichte hinter dem Foto noch einmal genauer zu erläutern. Doch er konnte es nicht. Die Worte kamen nicht über seine Lippen. Hinterher entschuldigte sich der Ballfänger vom AS Monaco bei den Journalisten. Der ungeplante Gefühlausbruch war ihm unangenehm. Er bat um Verzeihung für „diese verdammten Tränen und verfluchten Emotionen“.

Die verdammten Tränen, sie kommen Subasic immer noch, auch wenn der Tod seines besten Kumpels, der wie ein Bruder für ihn war, schon zehn Jahre zurückliegt. Der schicksalhafte Tag datiert auf den 3. April 2008 zurück, Subasic und Custic trugen beide das Trikot ihres Jugendvereins NK Zadar, und in einem Punktspiel gegen Vinkovci ereignete sich die Tragödie. Subasic schlug den Ball auf die linke Flanke, Custic schmiss sich in den Zweikampf und prallte mit dem Kopf gegen eine Betonwand. Wegen schwerer Schädelverletzungen musste er ins künstliche Koma versetzt werden, vier Tage später bekam er einen Fieberschub und wurde für hirntot erklärt. Mit 24 Jahren. Und Subasic quält sich bis heute mit der Frage herum: Was wäre gewesen, hätte er den Ball einfach auf die rechte Seite geschossen? Oder flach zum Verteidiger gepasst? „Vielleicht wäre er nicht verunglückt. Warum hat es das Schicksal gerade so gewollt?“, sagte er mal. „Schicksal, nichts weiter als ein unglückliches Schicksal.“ Custics Familie jedenfalls gibt ihm keine Schuld, Vater Svetko sagte: „Ich habe meinen Sohn verloren, aber Subasic ist mein Kind.“

Das ist nur eine aufwühlende Geschichte aus dem Leben von Danijel Subasic, dem traurigen Torwart. Die andere hat zu tun mit Identität, mit Ablehnung und dem verzweifelten Wunsch dazuzugehören. In der kroatischen Hafenstadt Zadar, wo Subasic mit dem Kicken anfing, wurde er auch geboren. Doch sein Vater Jovo ist Serbe – und Serben und Kroaten stehen seit dem Zerfall Jugoslawiens auf Kriegsfuß. Lange musste sich Subasic nationalistische Anfeindungen gefallen lassen. Er verleugne seine Wurzeln, hieß es aus Serbien. Er sei kein richtiger Kroate, hieß es aus Kroatien, wo Heimatliebe und Nationalismus bekanntlich recht nah beieinanderliegen.

Subasic kann damit wenig anfangen. „Kroatien ist meine Heimat, Zadar meine Stadt“, betont er. Trotzdem sehen manche Landsleute in ihm nur „den Serben“. Als Subasic 2007 seine kroatische Freundin Antonija heiraten wollte, wurde sie von ihrem Vater verprügelt. Er würde sie umbringen, wenn sie „einen Serben heiratet“, soll er gedroht haben. Trotzdem gaben sie sich das Ja-Wort, sind bis heute ein Paar.

Und mittlerweile hat sich Subasic, 1,91 Meter lang, die schwarzen Haare kurz getrimmt, der Blick oft etwas grimmig, den Respekt der Kroaten erarbeitet – auch mit guten Leistungen auf dem Platz. Nach seinen Anfangsjahren in Zadar und Split wechselte er 2012 zum AS Monaco, wo er in 178 Ligaspielen 73 Mal ohne Gegentor blieb und seinen Stammplatz zwischen den Pfosten trotz starker Konkurrenten wie Maarten Stekelenburg oder Sergio Romero stets behaupten konnte. Auch in 42 Länderspielen wahrte er 18 Mal seine weiße Weste. Für Monaco, das nur am Rande, verwandelte er in seiner ersten Saison sogar mal einen direkten Freistoß.

Dass er nun in Russland zum kroatischen Elfmeterhelden wird, sollte eigentlich nicht überraschen. Subasic ist vom Punkt extrem nervenstark, insgesamt hat er in seiner Karriere ein Drittel aller Strafstöße pariert, die auf seinen Kasten kamen. Mit seinem vierten abgewehrten Elfmeter des Turniers zog er beim Viertelfinalsieg gegen Russland mit dem Argentinier Sergio Goycochea gleich, der 1990 ebenfalls vier mal vom Punkt Mal hielt.

Schafft es Subasic sogar, sich zum alleinigen Rekordhalter aufzuschwingen? Zwei Spiele bleiben ihm dafür noch – das erste heute Abend im Halbfinale gegen England (20 Uhr/ZDF). Und eins ist klar: Sein Freund Hrvoje Custic wird wieder bei ihm sein. Ganz nah an seinem Herzen, auf einem etwas ausgeleierten weißen T-Shirt unter dem Torwarttrikot.

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