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Ballalaika Tatarische Rettungsgasse

Russland im Siegesrausch: Aber bei den „Russia-Russia“-Rufe klingt kein nationalistisches Triumphgeheul durch. Und die sprichwörtliche Gastfreundschaft leidet auch nicht.

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Ein russischer Fan. Foto: afp

Entweder waren sie einfach nicht ortskundig oder sie hatten beinhart geflunkert. Die freundlichen Volunteers, die mit einem Fingerzeig meinten, eine Viertelstunde Fußweg sei die Fanzone von der Kasaner Innenstadt entfernt. Aber stand auf den Hinweisschildern nicht 3,8 Kilometer? Nein, nein. Weiterlaufen. Immer den Menschen hinterher. Konnte an einem lauen russischen Sommerabend, an dem die untergehende Sonne wunderschöne Motive auf die historische Altstadt zauberte, ja nicht schaden. Aber letztlich dauerte es selbst mit bei flottem Schritte eher eine Dreiviertelstunde. Machte nichts. Russland spielte. Und gefühlt die halbe Tatarenstadt bewegte sich in freudiger Erwartung über den Lenindamm und den Kasanka-Fluss. 

Wer auch immer die Idee hatte, die Fanzone am gegenüberliegenden Ufer rund um das Symbolgebäude des erneuerten Kasan, die „Familienzentrum“ genannte und als Zeichen für Frieden und Harmonie errichtete Riesenschüssel, zu drapieren: alles richtig gemacht. An den gewaltigen Eingangspforten standen die vorwiegend jungen Menschen geduldig an. Nicht viele hatten sich die russische Flagge auf die Wangen gemalt. Die wenigsten trugen ein Trikot. Aber es passierte etwas an diesem Abend, beinahe mit Händen zu greifen: wie die Fußballer im St. Petersburg über die gewaltigen Videowände mit bester Bildqualität ihre Energie ins ferne Kasan trugen. Der Impuls funktionierte über tausende Kilometer. Ohne Befehl von oben.

Jubelchöre und Hupkonzerte

An den Verpflegungsständen bildeten sich so lange Schlangen, dass jeder Besucher abwägen musste: die Hälfte einer Halbzeit anstehen oder das Spiel verfolgen. Die Staubildung kam zustande, weil zu wenige Bedienungen zu viel Bier umschütten müssen: Jedes Mal musste eine Büchse geöffnet und deren Inhalt in einen Plastikbecher gegossen werden. Zeitverschwendung. Und Umweltfrevel. 

Aber auch solche Sünden treten in den Hintergrund, wenn der Ball so gut rollte wie bei der Sbornaja, die das Land wachgeküsst hat. Nach dem 5:0 gegen Saudi-Arabien herrschte auf der Baumann Straße von Kasan eine Stimmung, als hätten russische Volleyballer oder Basketballer – nichts gegen die Sportarten persönlich – das WM-Auftaktspiel gewonnen. Kaum Freude. Keine Ekstase. Nach dem 3:1 gegen Ägypten bot sich das gegenteilige Bild. Umarmungen, Jubelchöre, Hupkonzerte.

Beruhigend: Bei den „Russia-Russia“-Rufe klang kein nationalistisches Triumphgeheul durch. Und die sprichwörtliche Gastfreundschaft litt auch nicht, wie eine Begebenheit aus der Fanzone in der zweiten Halbzeit zeigte: Als eine japanische Frau bat, schnell an den Massen vorbei ganz vorne an die Theke zu dürfen, weil ihr Kleinkind mal Wasser braucht, bildete sich eine Schneise, die als Vorbild jeder Rettungsgasse auf deutschen Autobahnen hätte dienen können. Ganz am Ende, als die Ägypter per Videobeweis einen Elfmeter erhielten, drängelte sich einer vor. Er hatte ein Trikot von Mo Salah an und wedelte aufgeregt mit der ägyptischen Flagge. Obwohl er allen auf dem Boden sitzenden Fans die Sicht genommen hatte, als sein Idol verwandelte, klopfte eine russische Gruppe dem tapferen Mann auf die Schulter. Sie zeigten ihm den erhobenen Daumen. Kann es sein, dass diese WM vielleicht gerade auf einem guten Wege ist? Zumindest aus Gastgebersicht?

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