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Aziz Bouhaddouz Das Stehaufmännchen Bouhaddouz

Sein Eigentor gegen den Iran ist der bisher tragischste WM-Moment - doch der im hessischen Dietzenbach aufgewachsene Marokkaner ist stark genug, ihn zu bewältigen.

Aziz Bouhaddouz
Das kann doch nicht wahr sein: Aziz Bouhaddouz nach seinem entscheidenden Eigentor gegen den Iran. Foto: rtr

Tränen der Freude, Tränen der Trauer – Aziz Bouhaddouz hat von beidem vergangenen Freitag nicht zu wenig vergossen. Der Stürmer der marokkanischen Fußball-Nationalmannschaft verdeutlicht bei der bisherigen Weltmeisterschaft in Russland wohl am besten, wie nah Glück und Pech, Freud und Leid, Momente der Ekstase und Szenen der puren Enttäuschung beieinanderliegen können. Er brauchte für die Gefühlsextreme gerade einmal 18 Minuten. „Für diese WM habe ich jahrelang hart gearbeitet, sie war mein großer Traum. Am Ende war es ein Albtraum“, sagte Bouhaddouz, nachdem er in der fünften Minute der Nachspielzeit gegen den Iran per Flugkopfball ins eigene Netz getroffen und seiner Mannschaft dadurch eine bittere 0:1-Auftaktniederlage eingebrockt hatte – es war die bisher tragischste Geschichte der WM.

Aziz Bouhaddouz, geboren 1987 in Berkane, einer Stadt im Nordosten von Marokko, die Mittelmeerküste in Sichtweite, nur 20 Kilometer entfernt von Algerien. Dort lebten die Familie Bouhaddouz in ärmlichen Verhältnissen und entschloss sich nach Europa auszuwandern. Bouhaddouz war noch ein Kleinkind, er hat daran keine Erinnerungen mehr.

Vom sozialen Brennpunkt zur WM

Die setzen erst ein paar Jahre später im hessischen Dietzenbach ein – in einem Hochhausviertel im Kreis Offenbach, im berüchtigten Starkenburgring, einem sozialen Brennpunkt, wo nur Menschen wohnen, die sich nichts anderes leisten können. Wo mehr als 90 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben, wo Kriminalität ebenso dazugehört wie Zusammenhalt. Und wo Fußball eine zentrale Rolle unter den Jugendlichen spielte. Bouhaddouz gehörte zur Sorte der klassischen Bolzplatzkicker. Nach der Schule zockte er mit seinen Freunden auf einem Gummiplatz. Oft bis spät abends, als in den vielen Hochhäuser rundherum schon die Lichter ausgegangen waren. Erst mit elf Jahren begann Bouhaddouz in einem richtigen Verein mit dem Kicken – beim FC Dietzenbach. Er wurde von seinem Jugendcoach auf dem Gepäckträger zum Trainingsplatz etwas außerhalb der Stadt kutschiert.

Nun soll hier nicht die Geschichte eines Fußballers erzählt werden, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Dafür ist der 31-Jährige heute weder auf dem Fußballolymp angekommen, noch befand er sich damals wirklich im Hades. Bouhaddouz fühlte sich in seiner Familie geborgen, er war beliebt in seinem Viertel und hatte selten Problem mit Älteren. Aber doch ist es eine Geschichte, in der ein junger Mann von vielen Schicksalsschläge gebeutelt wurde und immer wieder aufgestanden ist. Als Bouhaddouz elf Jahre alt war, verlor sein Vater den Kampf gegen den Krebs. Sein Vorbild, das den schwierigen Weg des kleinen Aziz zumindest etwas leichter gestalten konnte. Vor vier Jahren verstarb auch noch seine Mutter.

Der Profifußball war als Jugendlicher für Bouhaddouz meilenweit entfernt, er hielt sich mit Schülerjobs über Wasser. Er trug Zeitungen aus, später brutzelte er Burger. „Er ist ein einfacher Junge“, sagt Ramon Berndroth gegenüber der FR, „aber auch ein grundehrlicher.“ Berndroth, einst für drei Spiele Erstligatrainer beim SV Darmstadt 98, ansonsten in der Rhein-Main-Region bei fast allen Klubs in allen denkbaren Positionen aktiv, kennt Bouhaddouz gut. Er lotste ihn 2004 als damaliger Co-Trainer der Profis, zum Nachwuchs des FSV Frankfurt. „Aziz war kopfball- und ausdauerstark. Er wusste, wie man sich durchsetzt“, sagt Berndroth.

Später, nach den ersten Trainingseinheiten im Seniorenbereich, musste der erfahrene Coach sein Bild korrigieren. „Es hat ihm in der ersten Phase bei den Erwachsenen überall etwas gefehlt - ein bisschen Technik hier, sauberes Passspiel da. Auch hat er sich vor einem wichtigen Spiel schon mal eine fettige Pizza gegönnt.“ Bouhaddouz wurde in die zweite Mannschaft zurückgestuft, Oberliga statt zweiter Bundesliga – die Karriere schien vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Immerhin: 23 Buden gelangen dem 1,88-Meter-Mann in der fünften Spielklasse, er schoss die FSV-Reserve damit fast im Alleingang zum Aufstieg.

Ein Jahr später verließ Bouhaddouz den FSV und wechselte zum SV Wehen Wiesbaden. Über die weiteren Stationen Viktoria Köln und Bayer Leverkusen II, hier wurde er Torschützenkönig der Regionalliga West, landete der Mittelstürmer 2014 beim SV Sandhausen – sein Durchbruch: 18 Tore gelangen ihm in zwei Jahren, auch erarbeitet er sich als echter Kämpfer einen Namen „Vorher war er gut, dann war er richtig gut“, sagt Berndroth.

Seit Sommer 2016 streift sich Bouhaddouz nun das Trikot des FC St. Pauli über. Auf eine gute erste Saison, die im vergleichsweise hohen Fußballeralter von 29 Jahren mit dem Debüt für die marokkanische Nationalelf belohnt wurde, folgte eine schwache zweite. Eine langwierige Verletzung, nur vier Tore und eine dämliche Rotsperre – Bouhaddouz hatte einem Gegenspieler mit Wasser ins Gesicht gespritzt – machten aus dem Hoffnungsträger schnell einen Verkaufskandidaten in diesem Sommer. Die WM sollte seine Bühne werden, ihn für andere Klubs interessant machen.

Als er dann in der 77. Minute gegen den Iran zur Einwechslung bereit stand, da übermannten Bouhaddouz die Gefühle. Die Augen glasig, die Hände zittrig, der Blick ungläubig, es vom Dietzenbacher Hochhausviertel tatsächlich bis nach Sankt Petersburg auf den Rasen geschafft zu haben. Und Bouhaddouz machte 17 Minuten lang ein ordentliches Spiel. Er warf sich vorne in die hohen Bälle, brachte einen Kopfball in Richtung des gegnerischen Kastens und musste dann den bittersten Moment seiner Karriere einstecken. „So zynisch das klingt, er ist an seiner Stärke gescheitert“, sagt Berndroth über das Eigentor, als Bouhaddouz der Ball am kurzen Pfosten über den Scheitel rutschte. „Jeder Trainer will, dass so ein kopfballstarker Spieler bei der letzten Ecke im eigenen Strafraum aushilft: Das war bei mir so und das ist bei Marokkos Coach so. In diesem Fall ist es leider schiefgegangen.“

Doch Aziz Bouhaddouz wäre nicht Aziz Bouhaddouz, wenn er aufgeben würde. „Fußball ist leider so brutal, aber ich freue mich auch auf andere Sachen.“ Im Sommer bekommt er ein Baby, seine Frau spendete ihm am Telefon ebenso Trost wie seine alten Weggefährten. Rund 50 hatten sich in Dietzenbach auf dem Sportplatz versammelt. Die Marokko-Trikots übergestreift und minutenlang einen der ihren mit Sprechchören gefeiert. Bei Bouhaddouz sind die Tränen der Enttäuschung längst der Vorfreude auf das Duell am Mittwoch (20:00 Uhr/ARD) gegen Portugal gewichen. „Jetzt müssen wir eben gewinnen“, sagt er.

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