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Jawid Hüseynow Ein dunkler Schatten

Jawid Hüseynow, Nationalspieler von Aserbaidschan, ist wegen eines Gewaltverbrechens angeklagt. Der Tod eines oppositionellen Journalisten wirft Fragen auf, die auch den DFB erreichen.

Huseynov
Badavi Huseynov (l.), im Zweikampf mit Antonin Barak (Tschechien). Foto: rtr

Aserbaidschan, das steht längst fest, nimmt an der WM 2018 nicht teil. Und doch gehört der gestrige Gegner der deutschen Nationalmannschaft zu den aufstrebenden Fußball-Nationen: Bundestrainer Joachim Löw lobt das spielerische Potenzial, der FC Karabach Agdam, einst Gegner von Eintracht Frankfurt in den Europa-League-Playoffs, spielt mittlerweile in der Champions League. Und doch liegt auf dem fußballerischen Fortschritt ein dunkler Schatten.

Es geht um die Rolle, die der Nationalspieler Jawid Hüseynow beim Tod des oppositionellen Journalisten Rasim Alijew gespielt hat. Und um die Frage, ob der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler des FK Qäbälä nicht hinter Gittern sitzen müsste, statt in der WM-Qualifikation für sein Land aufzulaufen. Ausgangspunkt ist eine Partie seines Vereins auf Zypern in der Europa-League-Qualifikation, in der Hüseynow nicht nur einen Elfmeter verwandelte, sondern auch die türkische Flagge schwenkte, was als Provokation galt. Auf anschließende Fragen reagierte der Spieler brüsk und abweisend. Daraufhin schrieb Alijew bei Facebook: „Ich möchte nicht, dass so ein unverschämter und schlecht erzogener Fußballer mich auf den Fußball-Plätzen Europas repräsentiert.“

Ein Kommentar mit letztlich tödlichen Folgen: Hüseynow und Alijew verabredeten sich zu einer angeblichen Versöhnung, doch zum Treffpunkt kamen Schläger, unter anderem auch Hüseynows Cousin. Eine Kamera hielt die brutalen Tritte gegen den Journalisten fest. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte zunächst nur gebrochene Rippen. Alijew gab vom Krankenbett aus sogar noch ein Interview – ein paar Stunden später starb er unter bis heute ungeklärten Umständen. Der Nationalspieler wurde zu vier Jahren Haft verurteilt – der Haupttäter zu 13 Jahren – aber bereits nach 14 Monaten kam er wieder frei und kehrte zum ersten Qualifikationsduell gegen Deutschland (1:4) am 26. März ins Nationalteam zurück.

Die Geschichte hatte das WDR-Magazin „Sport Inside“ vor einer Woche mit brisanten Interviews, unter anderem mit der Alijew-Verlobten Jula Abassowa, erzählt, am Samstag erklärte DFB-Präsident Reinhard Grindel auf der Pressekonferenz der Nationalmannschaft in Mainz, dass ihn deutsche Politiker aufgefordert hätten, Stellung zu beziehen. Der DFB-Boss forderte die Regierung Aserbaidschans dazu auf, „für rückhaltlose Aufklärung zu sorgen und nachvollziehbare Gründe zu nennen, die für die Haftentlassung gesorgt haben“. Daraufhin meldete sich ein Reporter aus Aserbaidschan zu Wort und bestritt alle Anschuldigungen.

Erdölgesellschaft Socar seit 2013 Uefa-Sponsor

Grindel ging mit seinem Statement viel weiter als beim Hinspiel, als der DFB zu Menschrechtsfragen auf ein Statement des Außenministers Sigmar Gabriel verwies, „die Bemühungen Aserbaidschans um die demokratische Entwicklung weiterhin zu unterstützen.“ Eine dürre Verlautbarung für ein Land, das es auch mit der Pressefreiheit nicht so genau nimmt.

Der Sport dient der Öl-Republik am Kaukasus als wichtiges Vehikel, um die Reputation aufzupolieren. Deshalb fanden 2015 in Baku bereits die Europaspiele statt, dreht der Formel-1-Zirkus hier seine Runden. Dem Fußball haben auch deutsche Protagonisten geholfen: Berti Vogts hat mal als Nationaltrainer gearbeitet, und der frühere Trainer der Eintracht Frankfurt Amateure, Bernhard Lippert, ist als Technischer Direktor angestellt.

Neuerdings drängt Baku auf die Landkarte wichtiger Fußball-Events: Als die 13 Austragungsorte für die in ganz Europa ausgetragene EM 2020 benannt wurden, rauschten Cardiff, Jerusalem, Sofia oder Stockholm durchs Rüttelsieb, nicht aber die Hauptstadt von Aserbaidschan, die von der Uefa auch mit der Austragung des Europa-League-Finals 2019 bedacht wurde.

Hintergrund: Die staatliche Erdölgesellschaft Socar hat sich bereits 2013 als Uefa-Sponsor eingekauft. Deren Vorstandschef Rownag Abdulajew steht gleich auch dem aserbaidschanischen Fußballverband vor. Und der sieht über die Verfehlungen seiner kickenden Helden gerne hinweg.

Wie auch bei Aras Abdulajew: Der einst jüngste Nationalspieler Aserbaidschans raste bei einer Spitztour mit seinem Sportwagen in zwei Frauen einer Straßenreinigungsfirma: Eine wurde schwer verletzt, eine kam dabei ums Leben. Der 25-Jährige soll sich ein Wettrennen geliefert haben, doch auch er hatte keine Anklage zu befürchten: Die Angehörigen der Unfallopfer sollen sofort entlohnt worden sein, berichtete die „taz“, damit sie erst gar nicht auf die Idee kämen, vor Gericht zu ziehen. (mit sid)

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