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WM-Qualifikation Gemeinsam gegen rechts

Bei den Spielern der Nationalmannschaft sollte nach diesem bemerkenswerten verlängerten Wochenende endlich Mut zur eigenen Meinung gewachsen sein.

Deutschland - Norwegen
Fans setzen in Stuttgart ein klares Zeichen gegen Rechts. Foto: dpa

Es gibt keinerlei Anlass zur der naiven Annahme, die Festtagsstimmung von Stuttgart könnte sich künftig mit Leichtigkeit auf weitere Länderspiele und die Bundesliga verbreiten lassen. Das, was Spieler und Stadionbesucher in der schwäbischen Metropole gemeinsam veranstaltet haben, wird höchstwahrscheinlich erst einmal leider die Ausnahme bleiben. Es ist viel zu früh, im Rückblick auf jahrelang nicht ausverkaufte, oft erschreckend stimmungslose Partien des Weltmeisters nun eine grundsätzliche Atmosphäre des Aufbruchs auszumachen. Und auch der Rechtsruck in einigen Fanszenen (und in der Gesellschaft an sich) ist binnen anderthalb Stunden mit sechs Toren natürlich keinesfalls gestoppt, ebenso wenig wie kommerzkritische Ultragruppierungen und die mächtigen Verbände Deutscher Fußball-Bund und Deutsche Fußball-Liga sich in ihrem immerhin jetzt wieder stattfindenden Diskurs bereits tiefgreifend angenähert hätten.

Es gibt noch massenweise Gesprächsbedarf und es ist dabei nur allzu nachvollziehbar, dass es Kräfte im Land gibt, die den Profifußball nicht bloß als Teil der Unterhaltungsbranche wahrnehmen. Denen gilt es zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Aber sie sollten auch erkennen, dass martialische Auftritte in Camouflage-Klamotten und aggressive Sprache („Scheiß-DFB“) zwar Druck erzeugt haben, derartige Ausfälle eine zielbringende Kommunikation im nächsten Schritt aber nachhaltig stören.

Man darf sich darüber freuen, dass es in Deutschland von einer aufgeklärten Mehrheit nicht widerstandslos zugelassen wird, wenn eine in ihrer Außenwirkung nicht unbedeutende Minderheit rote Linien derart deutlich überschreitet, wie das am Freitag in Prag der Fall gewesen ist. Und den Nationalspielern sollte nach diesem nicht nur auf dem Sportplatz bemerkenswerten verlängerten Wochenende auch neuer Mut zur Meinung erwachsen sein: Als Vorbilder, die nicht nur stumm dem Ball hinterherrennen, sondern auch politisch Farbe gegen Braun bekennen, haben sie, angeführt von Mats Hummels, eine starke Leistung gezeigt. Eine Leistung, der sich auch der Bundestrainer Joachim Löw sehr deutlich angeschlossen hat, was nicht seinem eher unpolitischen Naturell entspricht.

Eigentlich möchte Joachim Löw mit derlei sportfernen Themen möglichst wenig tangiert werden, aber sein Instinkt und eine gute Beratung haben ihm dankenswerterweise wissen lassen, dass am vergangenen Wochenende Klartext nicht nur in Taktikfragen angesagt war. Seine Botschaft gegen Männer, die „viel Schande über unser Land“ gebracht hätten, kam klar und überzeugend an, die Popularität des 57-Jährigen hilft, die Menschen nicht nur in anstehenden Fußballfragen zu bewegen. Er sollte das künftig ruhig öfter zum Guten nutzen.

Prag hatte auch sein Gutes

Das, was in Sonntagsreden der Verbandsfunktionäre als „gesellschaftliche Kraft des Fußballs“ beschrieben wird, ist am Montag dann in der brodelnden Stuttgarter Arena offenkundig geworden. Insoweit hatte das Getöse, für das einige Hundert irrlichternde Gestalten in Prag verantwortlich waren, sogar ihr Gutes. Denn diese Menschen gibt es ja in unserem Land, wir nehmen sie und ihr Treiben nur so selten unmittelbar wahr. Und laufen dabei Gefahr, die Gefahr von rechts zu unterschätzen.

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