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WM-Analyse Löws Eingeständnis

Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff räumen weitreichende Versäumnisse nach dem WM-Desaster ein, doch personelle Konsequenzen bleiben weitgehend aus.

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Nachdenklich und selbstkritisch wie nie bei der WM-Analyse: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: afp

Die verbale Aufarbeitung des historisch schlechten Abschneidens einer deutschen Nationalmannschaft bei einer Fußball-Weltmeisterschaft ging zeitlich betrachtet längst in die Verlängerung, als Joachim Löw nach seinem Befinden befragt wurde. „Wie geht es Ihnen?“ Eine profane Frage, die den Bundestrainer beinahe am meisten in die Bredouille brachte. „Gut, gut, gut – oder erwecke ich einen anderen Eindruck?“ Nein, hätte es aus dem nicht voll besetzten Auditorium der Münchner Arena lauten müssen. 

Aufgeräumt, aber nicht angespannt hatte der 58-Jährige selbstkritisch auf das Versagen geblickt, dass er selbst als „absoluten Tiefschlag“ ansah, an dem es „nichts zu beschönigen“ gab. „Wir sind alle weit unter den Möglichkeiten geblieben und haben zu Recht die Quittung bekommen.“ Wer einer Analyse solch eine Einleitung voranstellt, der erntet vom (Fußball-)Volk naturgemäß weniger Widerspruch, als wenn er auf der Richtigkeit seiner Taktik, Personalauswahl und Ausrichtung besteht. Löw war gut beraten und hatte überdies zwei Monate Zeit, die in seinen direkten Verantwortungsbereich fallenden Versäumnisse zu benennen. 

Hauptmanko: Den vermehrten Ballbesitz, die totale Dominanz auf die Spitze treiben zu wollen. „Das war meine allergrößte Fehleinschätzung.“ Denn seine Mannschaft, gespickt mit Spielern, die aus verschiedensten Gründen das Höchstniveau nicht abrufen konnten, agierte damit ohne Netz und doppelten Boden und erlitt damit gleich im Auftaktspiel gegen Mexiko (0:1) Schiffbruch. „Ich wollte das perfektionieren, aber das Risiko war zu hoch. Es war fast schon arrogant.“

Dass eine stabilere Spielweise doch besser gewesen wäre, hätten doch die vergangenen WM-Turniere unter seiner Regie gezeigt. „2010 war die Mannschaft von einer starken Defensive geprägt. 2014 haben wir die goldene Mitte gefunden“, erklärte Löw und legte zu diesem Komplex detailliertes Zahlenmaterial vor. Zur Trägheit beim Abspiel oder Ineffizienz beim Abschluss gesellte sich fehlender Enthusiasmus. Das aber wäre seine Aufgabe gewesen, sagte der Badener: „Wir haben es nicht geschafft, das Feuer zu schüren und die Schlüsselreize für bedingungslosen Einsatz zu setzen.“ Heraus kam ein Titelverteidiger, der selbstgefällig durch die Vorrunde schlurfte.

Doch hat die WM nicht nur sportliche Baustellen aufgemacht – und so leitete Löw zur Causa Mesut Özil über. Die Wirkung der Erdogan-Fotos habe er „absolut unterschätzt“ und gedacht, mit dem Besuch beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier sei der Fall erledigt. Pustekuchen. „Dieses Thema hat Kraft gekostet, kann aber nicht der Grund sein, dass wir ausgeschieden sind.“ Dass die Beziehung zu seinem Lieblingsschüler nach dem geräuschvollen Rücktritt belastet ist, daraus machte Löw keinen Hehl, der allein von Özils Berater Erkut Sögüt angerufen wurde, womit es aus seiner Sicht nicht getan ist. „Der Spieler selbst hat mich nicht angerufen. In der Vergangenheit war es sonst immer so. Ich habe mehrfach versucht, ihn zu erreichen, per SMS oder per Telefon. Es ist mir nicht gelungen, ihn ans Telefon zu bekommen.“ 

Löw stellte überdies klar: „Es gab niemals in der Mannschaft einen Ansatz von Rassismus.“ Der auf Harmonie bedachte Genussmensch konterte auch den Vorwurf der Cliquenbildung und Grüppchen, die sich scherzhaft als „Kanaken“ und „Kartoffeln“ titulierten: „Es wird mal ein Spaß gemacht, das gehört dazu. Es gibt keine unüberbrückbaren Differenzen oder Konflikte.“ Gleichwohl: Der nötige Teamgeist ließ sich eben auch nicht erzeugen. 

An dieser Stelle setzte auch Oliver Bierhoff ein, den es geärgert hat, „dass ich bei gewissen Entwicklungen nicht eingegriffen habe“, aber es sei vollkommen verkehrt, „alles über den Haufen zu werfen“. Der Nationalmannschaftsdirektor nannte mehrere Aspekte aus seinem Verantwortungsbereich, die neu definiert werden müssten. So sollte wieder eine Identität benannt und mehr Fannähe erzeugt werden. Auch soll es für die Nationalspieler einen klaren Verhaltenskodex geben. Ob der Markenname „die Mannschaft“ abgeschafft wird, ließ der 50-Jährige offen. 

Das Gesicht der DFB-Auswahl ändert sich vorerst nur bedingt: Für die Länderspiele gegen Frankreich in der Nations League (6. September) und den Test gegen Peru (9. September) ist nur Sami Khedira gestrichen, der die Ausbootung erwartungsgemäß mit Anstand aufnahm. 17 Spieler aus dem WM-Kader wurden erneut nominiert. Özil und Mario Gomez sind zurückgetreten, Kevin Trapp, Marvin Plattenhardt und Sebastian Rudy rauschten durchs Rüttelsieb – alles keine radikalen Reformen. Das Festhalten an Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Toni Kroos und Thomas Müller ist für Löw wichtig: „Wir brauchen eine Achse, an der sich die anderen orientieren.“ Der vor der Russland-Reise ausgebootete Leroy Sané kehrt zurück, Kai Havertz, Nico Schulz und Thilo Kehrer heißen die Akteure, die für eine Blutauffrischung sorgen sollen (siehe nebenstehenden Bericht). Das Festhalten an Ilkay Gündogan ist nicht allein ein Statement in der komplexen Integrationsdebatte, sondern Löw ist vom sportlichen Wert des Mittelfeldspielers ohnehin überzeugt.

Auch im Team hinter dem Team halten sich die personellen Konsequenzen in Grenzen: Thomas Schneider gibt seinen Job als Assistenztrainer auf, wird dafür aber Chef der Scoutingabteilung, während der Löw-Vertraute Urs Siegenthaler sich vermehrt um Gegneranalyse kümmern soll. Der Betreuerstab wird verschlankt: Im Vergleich zum WM-Aufgebot werden demnach elf, ansonsten sieben Person weniger im Einsatz sein. Ob damit wirklich alles gut ist, werden dann erst die nächsten sechs Länderspiele im September, Oktober und November zeigen.

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