Lade Inhalte...

WM-Analyse Joachim Löw kämpft

Ein selbstkritischer Bundestrainer Joachim Löw überzeugt das DFB-Präsidium mit seiner Analyse.

Joachim Löw
Joachim Löw nach seinem Pressestatement. Foto: dpa

Abends sah man in viel weniger besorgte Gesichter als noch am Morgen. Als Joachim Löw und Oliver Bierhoff am Freitag ihre Vorträge beendet hatten, zeigten sich die 19 Mitglieder des DFB-Präsidiums mehrheitlich beeindruckt. Die meisten führenden Verbandsvertreter sind inzwischen nicht nur überredet, sondern überzeugt, dass der Bundestrainer und der Nationalmannschaftsmanager die richtigen Manöver nach dem in Russland erlittenen Schiffbruch einleiten werden. Tags zuvor war es Bierhoff zudem gelungen, in eine mehrstündigen Krisensitzung die meisten Fragen der 21 Landesverbandschefs befriedigend zu beantworten.

Offenbar sind Löw und Bierhoff im stillen Kämmerlein schon weit gediehen in ihrer WM-Analyse. Besonders Löw präsentierte sich dem Präsidium kämpferisch und selbstkritisch. Der Bundestrainer hat erkannt, dass nicht nur die unvermeidlichen Umstände eines schweren Rucksacks als Titelverteidiger hauptverantwortlich für das historisch frühe Scheitern waren. Sondern dass er unter anderem die Affäre Gündogan-Özil-Erdogan nachlässig gemanagt hatte, den Spielern und sich selbst zu viel lange Leine ließ, die Entwicklungen im modernen Umschaltfußball nicht ausreichend berücksichtigte und verdienten Spielern Vertrauen schenkte, die nicht in der Lage waren, es zurückzuzahlen.

Bierhoff seinerseits zeigte sich einsichtig, dass die Außendarstellung insgesamt als unglücklich angesehen werden muss, erklärte aber auch sehr deutlich, dass die Nationalmannschaft als „cash cow“ weiter intensiv gemolken werden muss, um die angespannte Finanzlage des DFB zu stabilisieren und Mittel an die Amateure durchreichen zu können. Eine entsprechend umfassende Vermarktung sei deshalb notwendig.

Der Bundestrainer argumentierte zudem für die Sitzungsteilnehmer nachvollziehbar, weshalb er sich erst in der Woche nach dem Bundesligastart (am 24. August in München) öffentlich umfassend äußern möchte. Es gelte nämlich, zuerst vertrauensvoll mit betroffenen Spielern und Mitarbeitern Absprachen zu erzielen, wie ein etwaiger Abschied hochachtungsvoll kommuniziert werden könne. Es ist Löw ein Anliegen, diejenigen Menschen, mit denen er zum Teil mehr als ein Jahrzehnt zusammengearbeitet hat und sich gemeinsam beim WM-Titel 2014 in den Armen lag, würdevoll zu verabschieden: „Ich werde viele weitere persönliche Gespräche führen, das gehört zu einem respektvollen Umgang miteinander dazu.“ Das spricht für die Sozialkompetenz des Bundestrainers. So konnte der verdiente Teamdoktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt seinen Rücktritt nach „23 fantastischen Jahren“ via dfb.de geordnet bekanntgeben und wurde entsprechend von Löw und Bierhoff für seine große Arbeit gewürdigt.

Nations-League-Auftakt gegen Frankreich

Zudem will Löw den ersten Bundesliga-Spieltag abwarten, um die aktuelle Form der Kandidaten für das erste Spiel der Nations League am 6. September in München gegen Frankreich und das anschließende Testspiel am 9. September in Sinsheim gegen Peru zu überprüfen. Aus dem DFB-Präsidium wurde dem Bundestrainer deutlich vermittelt, dass man auch für den Test gegen Peru Topleistungen erwarte. Es könne künftig nicht mehr angehen, dass eine deutsche Nationalmannschaft wie in der abgelaufenen Testspielsaison ständig mit einem nicht sitzenden zweiten Anzug antrete. Allen Beteiligten ist klar, dass der Vertrauensvorschuss, den Löw als Weltmeistertrainer automatisch geltend machen durfte, vollends aufgebraucht ist. Ergo: Löw muss liefern.

Der 58-Jährige äußerte sich am Wochenende in einem Interview im Onlineauftritt des Verbandes. Er berichtete, er habe sich mit seinen Vertrauten mehrfach zur „umfassenden Aufarbeitung“ getroffen. Und er erklärte den großen Zeitabstand von zwei Monaten zwischen WM-Aus und öffentlicher Erklärung: „Gerade in solchen Situationen muss man kühlen Kopf bewahren, ein wenig Abstand hilft da. Zeitlich, räumlich, emotional.“ Man ist im DFB inzwischen klugerweise übereingekommen, dass der Ligaauftakt in München nicht durch die DFB-Krise überlagert werden soll. Ergo wurde die Präsidiumssitzung vom 24. auf den 28. August verschoben, einen Tag später wird Löw den neuen Kader benennen und die WM-Analyse in einer Pressekonferenz kommunizieren. Er weiß: Jedes Wort muss sitzen.

Im DFB-Interview gab er bereits erste Einblicke: „Es muss uns wieder gelingen, dass man unseren Spielern die Freude, den Spaß, die Leidenschaft, für Deutschland zu spielen, anmerkt – auf und neben dem Platz.“ Es sei seine „Aufgabe als Trainer, dieses Feuer, diese Begeisterung, die Hingabe, die Emotionen, den Stolz wieder zu wecken“.  Offenbar hat Löw verstanden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen