Lade Inhalte...

Timo Werner Zur Kur am Schwarzen Meer

Für RB Leipzig-Kicker Timo Werner wirkt der Confed-Cup wie ein Gesundbrunnen.

Timo Werner
Timo Werner (r.) im Confed-Cup-Spiel gegen Kameruns Ernest Mabouka. Foto: dpa

Sein Lieblingslokal an der Promenade von Sotschi hat Timo Werner schon gefunden. Ein cooler Szeneschuppen direkt neben dem Mannschaftshotel, in dem der Erdbeerkuchen vor den Augen der Gäste aus dem Ofen geholt und frisch belegt wird. Es lässt sich am verdienten freien Tag gut aushalten für den Doppeltorschützen vom Vorabend bei einem Cappuchino in der Erlebnisbäckerei, die ein paar geschäftstüchtige Künstler aus Moskau gerade erst eröffnet haben.

Für Timo Werner ist es ein Segen, 3000 Kilometer weit weg von der Heimat für Deutschland Fußball spielen zu dürfen. Es sind nur vereinzelt deutsche Fans nach Russland geflogen, um das DFB-Team auf dem Weg ins Halbfinale am Donnerstag (20 Uhr/ ARD) gegen Mexiko zu begleiten. Die Pfiffe, die dem 21-Jährigen seit seinem Länderspieldebüt in Dortmund noch nächtelang schrill in den Ohren nachhallten und beim zweiten Einsatz fürs Land in Nürnberg wieder verstärkt wurden, gibt es hier am Schwarzen Meer nicht. Stattdessen jubeln die Menschen, wenn er, wie beim 3:1 gegen Kamerun, sein ersten beiden Tore für die A-Nationalmannschaft macht. Eins per Kopf, eins mit dem rechten Fuß, beide technisch anspruchsvoll. Eine Fifa-Jury hat ihn danach zum „Man of the match“ bestimmt.

Seine Tore im DFB-Dress sind ein später Lohn

Ohne seine Tore hätte Deutschland das Halbfinale als Tabellenzweiter der Vorrundengruppe hinter Chile im fernen Kasan gegen Portugal spielen müssen. Statt eines Zweieinhalb-Stunden-Fluges in den Norden also die Strandpromenade im Süden der russischen Republik – Timo Werner sah sehr zufrieden aus, als er sagte: „Am Meer ist es immer ein bisschen schöner. Am Pool zu liegen oder bei der Hitze mal ins Wasser springen zu können, ist besser, als auf dem Hotelzimmer zu sitzen.“

Es ist in der Winter-Olympiastadt von 2014 fast so etwas wie ein Kuraufenthalt für den jungen Mann, der eine schwierige Zeit hinter sich hat. Seine Schwalbe vor einem halben Jahr tragen viele Menschen im Land ihm nach, gemeinsam mit seinem Arbeitgeber RB Leipzig ist Werner zur Projektionsfläche für Fanwut gegen die Kommerzialisierung im Profifußball geworden. Ein bisschen viel ist das für einen Jungen, der schon mit 17 von der „Stuttgarter Zeitung“ als das „größtes Talent seit Mario Gomez“ betitelt wurde und in der abgelaufenen Saison für den aus Österreich alimentierten Brauseklub stolze 21 Mal traf.

Gegen Kamerun zeigte Werner geraume Zeit die Verhaltensweisen, die sie in Stuttgart irgendwann zweifeln ließen, ob sein Talent zum internationalen Topniveau tatsächlich reichen würde. Er lief zu viel im Abseits umher, er wirkte fahrig und machte überflüssige Wege. Aber dann besann er sich, wie die anderen auch, auf seine Stärken, nutzte sein ungeheures Tempo im Sprint und seine Zielstrebigkeit im Torabschluss. Im deutschen Fußball gibt es keinen schnelleren Stürmer und nicht viele, die im Strafraum cooler bleiben. Die Perspektive Weltmeisterschaft 2018 ist eine realistische. Er hofft, dass bald auch in der Heimat Nachsicht mit ihm geübt wird: „Mein Ziel muss sein, dass die deutschen Fans irgendwann froh sind, mich im Nationaltrikot zu sehen. Dass sie sagen: Zum Glück haben wir den Jungen, der das entscheidende Tor beispielsweise im WM-Halbfinale erzielt hat.“

Im Confed-Cup-Halbfinale kann er am Donnerstag schon mal vorlegen, wenn denn Joachim Löw Werners Leistungssteigerung gegen Kamerun mit einem Einsatz belohnen sollte. „Mit seiner Schnelligkeit bringt Timo eine andere Komponente ins Spiel“, lobte der Bundestrainer, „diese könnte auch bei der WM gefragt sein.“ Mit Werner drängt aber auch der gegen Kamerun geschonte Lars Stindl zurück in die Startelf, noch so ein Mann des Tages beim Confed-Cup, ebenso wie Leon Goretzka, der gegen Kamerun vom Torschützen zum 1:0, Kerem Demirbay, angemessen vertreten wurde. Derart angemessen, dass Löw hinterher „sehr stolz und voll des Lobes“ für seine Mannschaft war.

Denn nach einer schwachen ersten Halbzeit, als nahezu nichts zusammenpasste, hatte die in weiten Teilen dritte deutsche Garnitur sich kurz geschüttelt und danach zu einer erstaunlich gut komponierten Vorstellung gefunden. „Für uns ist es hier auch wichtig zu sehen“, erläuterte Manager Oliver Bierhoff, „wie verhält sich eine in schwierigen Momenten? Findet er einen Weg zurück?“

Der Alltag wird ihn im August wieder einholen

Speedy Werner ist gerade dabei, über einige Hindernisse einen Weg zu finden, ohne zu straucheln. Er hatte es sich zuletzt ein bisschen angewöhnt, sich in die Ecke und Enge gedrängt zu fühlen und reagierte entsprechend unverhohlen mit Trotz. Am Sonntagabend in Sotschi, auf dem Fifa-Podium des besten Spielers, ist davon nichts mehr zu spüren gewesen. Aber die Bundesliga geht im August in ihre nächste Saison. Timo Werner ist dann wieder in Deutschland unterwegs, noch dazu im Hemd des Champions-League-Teilnehmers RB Leipzig. Er ist zwar flink wie niemand sonst, aber er kann vor der Realität nicht einfach weglaufen. Sie ist härter als die in Sotschi, Russland, an der Strandpromenade.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Confederations Cup

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum