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Testspiel gegen Dänemark Löw bittet zum Schnupperkurs

Für die dezimierte deutsche Nationalmannschaft beginnt in Dänemark das Wiegen für die WM 2018. Stürmer Timo Werner fällt aus.

Joachim Löw
Erhofft sich wichtige Erkenntnisse: Bundestrainer Joachim Löw, nachdenklich. Foto: dpa

Wenn Uli Stielike an den Confederations Cup 1999 denkt, graut es den ehemaligen Co-Trainer von Ex-Bundestrainer Erich Ribbeck noch heute: „Wir mussten damals nach Mexiko, wegen der WM-Bewerbung für 2006, die Vereine brauchten nur je zwei Spieler abzustellen. Gegen Brasilien sind wir gleich mit 0:4 vermöbelt worden.“ Nach einem 2:0 gegen Neuseeland kassierte die dezimierte deutsche Nationalmannschaft, unter anderem mit den rechtschaffenen Bundesligaprofis Ronald Maul und Heiko Gerber angereist, noch ein sang- und klangloses 0:2 gegen die USA und reiste krass düpiert wieder ab. Auch Ribbeck hat, wie er jüngst dem „Kicker“ verriet, „ausnahmslos furchtbare Erinnerungen“ an das Turnier, dem ein Jahr später der Tiefpunkt mit dem EM-Vorrundenaus der „Rumpelfüßler“ beim 0:3 gegen Portugal in Rotterdam folgte: „Wir waren die Deppen der Nation.“

18 Jahre später bereitet sich das deutsche Team wieder auf einen Trip zum Confederations Cup vor, der als amtierender Weltmeister einerseits eine lästige Pflichtaufgabe ist. Doch andererseits: Diesmal, in Russland, will Bundestrainer Joachim Löw die Pflicht ein bisschen auch zur Kür werden lassen; zur Kür für ein paar Kerle wie den Berliner Marvin Plattenhardt, die es mit Stolz erfüllt, am heutigen Dienstagabend (20.45 Uhr/ ZDF) in Kopenhagen zum Test gegen Dänemark antreten zu dürfen. Sandro Wagner, Mittelstürmer der TSG Hoffenheim, hat neulich schon mal listig verlauten lassen: „Wenn jemand nach mir sucht – ich bin bei Jogi.“

Nicht unmöglich, dass einer wie Wagner im gediegenen Alter von 29 in diesem Sommer derart positiv auf sich aufmerksam macht, dass Löw den sperrigen Stürmer als Backup für den jetzt pausierenden Mario Gomez sogar nächstes Jahr mit zur WM nimmt. Löw hat keine Zweifel an den Arrivierten – Neuer, Kroos, Hummels, Boateng, Khedira, Müller, Özil, die allesamt den Juni über frei haben und für die WM gesetzt sind – sagt aber auch: „Diese Spieler brauchen den Konkurrenzkampf, um sich neu zu beweisen. Ich will, dass sie hungrig sind.“

Diesen Sommer sind die Weltmeister vor allem satt. Sami Khedira sagt, er „sehne sich nach drei Wochen Urlaub“, denn: „Wir sind am Limit. Es wäre fahrlässig vom Bundestrainer, wenn er das ignorieren würde. Und wir fahren ja auch mit einem Kader zum Confed-Cup, den viele andere Länder gerne hätten. Keine Hobbytruppe. Jeder Spieler hat die Chance, 2018 bei der WM dabei zu sein.“

Diese Chance ist zwar klein, aber Löw will genau hinschauen, welche Spieler er „auf eine anderes Niveau heben“ kann. Zwei Typen sucht er dabei mit besonderer Aufmerksamkeit, weil sie selbst in Deutschland so rar sind wie vierblättriger Klee und bei der EM 2016 schmerzlich vermisst wurden: Männer, die sich im Dribbling behaupten, und Spieler, die in Höchstgeschwindigkeit Wege Richtung Grundlinie wagen. Amin Younes von Ajax Amsterdam gehört zu Spezies, die laut Löw „permanent zwei, drei Spieler ausdribbeln“ und der somit „unserem Spiel eine gewisse Prise Überraschung geben kann“. Timo Werner von RB Leipzig, der allerdings für das Dänemark-Spiel wegen Magen-Darm-Beschwerden passen muss, findet Löw vor allem deshalb gut, „weil er den Gegnern mit seinen Läufen in die Tiefe besonders weh tut“.

Um seinen Auserwählten so viel Zeit wie nur irgend möglich zu geben, nach einer anstrengenden Saison die Beine hochzulegen, hat sich die Mannschaft zur Vorbereitung auf Dänemark erst gestern in Düsseldorf getroffen und düst ohne ein einziges Training nach Kopenhagen. Nach der Partie gegen die Dänen geht es nach Nürnberg, wo am Samstag in der WM-Qualifikation ein Gegner von wahrlich zwergenhaftem Format: San Marino.

Beim Hinspiel im vergangenen Herbst erlebte Serge Gnabry von Werder Bremen sein Debüt und erzielte prompt drei blitzsaubere Tore. Aber weil parallel zum A-Team in Russland auch die deutsche U21 bei der EM in Polen gefordert ist, wird Gnabry von U21-Trainer Stefan Kuntz benötigt, der sich mit seiner Mannschaft derzeit zur Vorbereitung im oberbayerischen Grassau befindet.

Laut Löw ist es „keinesfalls richtungsweisend hinsichtlich der WM“, wer diesen Sommer bei ihm und wer den Sommer bei Kuntz erlebt: „Wir beobachten alle.“ Mit Olympia-Silbermedaillengewinner Gnabry hat der Bundestrainer deshalb eigens ein persönliches Telefonat geführt und ihm gesagt: „Du kannst Führungsaufgaben bei der U21 übernehmen und bist weiter bei uns im Fokus.“ Und er erklärte dem 21-Jährigen, dass es wenig Sinn gemacht hätte, zu viele Offensivspieler ins A-Team zu berufen: „Wir wollen den Spielern ja auch Einsatzzeiten zugestehen.“

Nur diejenigen wenigen, die gewogen und für schwer genug befunden werden, schaffen es im kommenden Sommer nach Russland. Besonders den Schalker Leon Goretzka hat der Bundestrainer leuchtend hell auf dem Schirm, auch Lars Stindl aus Mönchengladbach darf sich mal zeigen. Löw stellt unmissverständlich klar: „Bei einer WM kann man keine Schnupperkurse für junge Spieler organisieren, da müssen sie funktionieren.“ Ganz so, wie Julian Draxler schon ganz gut funktioniert hat bei der letzten EM, als beim Turnier in Frankreich auch die Späher von Paris St. Germain sich endgültig von dem Können des Offensivmannes überzeugten.

Ungeachtet des schofeligen Abganges des 23-Jährigen Draxler beim VfL Wolfsburg sieht Löw in Draxler eine potenzielle Führungskraft: „Ihm tut es auch in der weiteren Entwicklung gut, wenn er gewissen Aufgaben übernimmt.“ Deshalb ist Draxler beim Confed-Cup auch dabei. Erich Ribbeck jedenfalls ist sicher, dass Löw nicht als Depp zurückkehren wird. Ganz im Gegenteil: „Der Confed-Cup ist ein Geschenk für Löw, er hat so viele gute Spieler zur Auswahl.“

Und doch wird es einigen so ergehen wie damals Maul und Gerber, die nach dem Ausflug mit Ribbeck nach Mexiko nie mehr für Deutschland spielen durften.

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