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Spiel gegen Spanien Deutsche Nationalmannschaft lernt dazu

Eine mutige deutsche Nationalmannschaft weiß nach dem Spiel gegen Spanien und vor dem Test gegen Brasilien vor allem, was nicht geht: offensives Pressing gegen eine Passmaschine.

23 03 2018 Fussball Länderspiel Deutschland Spanien in der ESPRIT Arena Düsseldorf v li Marco
Welches Bein gehört zu wem? Marco Asensio (links) im Duell mit Jerome Boateng. Foto: imago

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Selbstverständnis eines Weltmeisters präsentierte in genau diesem Zwischenraum zwischen dem 1:1 am Freitag im diesigen Düsseldorf gegen Spanien und dem nächsten Test am Dienstagabend (20.45, ZDF) im sonnigen Berlin gegen Brasilien einer, der bisher lediglich den Confederations Cup gewonnen hat. Timo Werner sagte im Blick zurück auf die Iberer: „Wir sind auf eine Mannschaft getroffen, die mit uns mithalten kann.“ Das ist wohlfeil formuliert, tatsächlich hatte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft beim beiderseits niveauvollen 1:1 deutlich zu spüren bekommen, dass im Sommer in Russland keineswegs nur Frankreich und der nächste Gegner Brasilien zu sehr ernsthaften Risikofaktoren gegen eine Titelverteidigung werden können, sondern auch: Spanien, Weltmeister 2010, Europameister 2008 und 2012, nach einem Durchhänger 2014 und 2016 zurück im großen Business. Geradezu überversorgt mit wundervollen Fußballspielern, die selbst einem rohen Ei mit ihren Zauberfüßen nichts antun würden.

Was der nicht zu bändigende Isco mit seinen kurzen Beinen in Düsseldorf veranstaltete, war zirkusreif; wie Andres Iniesta, der aussieht wie ein Buchhalter und Fußball spielt wie ein Zauberer, das spanische Spiel in Tempo und Takt bestimmte, nicht minder eindrucksvoll. Jeder noch so kleine Zwischenraum war für diesen Großmeister seines Fachs und dessen fast ebenso fußballintelligente Spielkameraden groß genug, um Nutzen daraus zu ziehen, fast jede Drehung saß, fast jeder Pass war so wohltemperiert und präzise, dass im nächsten Moment eine unvorhersehbare Gefahr drohen konnte.

„Wenn sie rennen können, sind sie gefährlich“

So wie Spanien wollte Joachim Löw immer mit Deutschland Fußball spielen. Aber ganz so wie Spanien wird der Bundestrainer das mit seinen Männern nicht hinbekommen. Die Talente und Mentalitäten sind dafür zu unterschiedlich. Spaniens Chefcoach Julen Lopetegui fasste das Gesehene so zusammen: „Wenn wir die Kontrolle verlieren, ist Deutschland physisch stärker. Wenn sie rennen können, sind sie gefährlich.“ Das sollte sich nicht despektierlich anhören, sondern hochachtungsvoll. Auch die Brasilianer wissen das aus schmerzlicher Erfahrung.

Testspiele sind, wenn sie seriös genutzt werden, immer auch dazu da, Versuchsanordnungen zu veranlassen, die ein Trainer im sogenannten Ernstfall nicht wagen würde. Für Deutschland hieß das gegen Spanien: Frühes Pressing, um in der Passmaschine einen Getriebeschaden anzurichten – und dabei mit hohem Risiko bewusst in Kauf zu nehmen, dass der technische bewanderte Gegner sich raus tikitakert und gegen gelichtete deutsche Reihen unangenehme Situationen herstellt.
 

So ist es dann auch gekommen, die Erfahrung war lehrreich, und als der gewohntermaßen kritische Jerome Boateng gefragt wurde, wo er Verbesserungspotenzial mit Blick auf den kommenden Sommer sieht, sagte der Bayern-Verteidiger gerade heraus: „Überall: Chancenverwertung, Passspiel, Zielstrebigkeit zum Tor, Zusammenarbeiten in der Mannschaft, Umschaltspiel.“ Puuh, das ist eine lange Liste, die indes verschweigt, dass vieles auch auf deutscher Seite sehr passabel aussah. Derlei Selbstkasteiung darf auch als Ausdruck des Selbstvertrauens interpretiert werden, mit dem die deutschen Spieler vollgepumpt bis zum Anschlag sind. So tut man sich leichter, auch im Guten das Schlechte zu sehen und Fehler schonungslos zu diagnostizieren. Ein bisschen büßen zur künftigen Gefahrenabwehr.

„Wir müssen mehr Personal in den Strafraum kriegen“

Timo Werner analysierte, auch mit Blick auf die technisch starken und längst wieder bestens organisierten Brasilianer, entsprechend klar: „Wenn beim Pressing ein Mann von uns einen Tick zu spät kam, dann haben die Spanier sich relativ locker rauskombiniert und sind blank auf unsere Abwehrreihe zugelaufen. In der zweiten Halbzeit haben wir reagiert und sind tiefer angelaufen.“ Prompt taten sich vorne mehr Räume vorn auf und konnte hinten besser abgesichert werden. „Es wäre auch nicht schlimm gewesen, wenn es zur Halbzeit 3:0 für die Spanier gestanden hätte“, dozierte Werner, „dann hätten wir gewusst, dass wir so was nicht mehr machen können.“

Auch ihr Spiel mit dem Ball müssen die Deutschen noch besser abstimmen. Noch scheinen Werners Teamkollegen staunend von hinten zuzuschauen, wenn der kleine Kerl selbst Weltklasseverteidigern davonrennt wie ein Windhund einem Maulwurf. So kommt es, dass nach Werners Sturmläufen deutsche Mitspieler in der Mitte eine Rarität darstellen. Der Irrwisch hat das natürlich erkannt und hat eine Idee, wie das Manko gegen Brasilien abgestellt werden könnte: „Wenn ich außen durchgekommen bin, war es manchmal so, dass nur Thomas Müller in der Mitte war. Das ist gegen solche Topgegner zu wenig. Wir müssen mehr Personal in den Strafraum kriegen. Wenn wir das schaffen, werden wir auch mehr Tore schießen.“

Sieben Streiche, wie weiland in einer unvergessenen Nacht in Belo Horizonte, werden es in Berlin gewiss nicht werden. Ein ähnlicher kompletter Systemausfall wie vor fast vier Jahren ist keinesfalls zu erwarten, dafür wirkt die aktuelle brasilianische Mannschaft auf allen Ebenen zu stabil. Joachim Löw hat moderate Änderungen angekündigt: Marvin Plattenhardt wird im Heimatstadion links verteidigen, auch Ilkay Gündogan und Leroy Sané, gegen Spanien eingewechselt, rücken in die Startelf vor. „Unser Trainer hat uns gesagt: Er will Sachen probieren und gucken, wie sie klappen“, berichtet Werner. Hartes Pressing gegen Spanien klappte schon mal nicht. Leichtes Pressing gegen Brasilien hat vor vier Jahren dort alle Dämme brechen lassen. Damals, in einer längst vergangenen Zeit.

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