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Shkodran Mustafi „Sonst verblödet man“

Deutschlands Abwehrchef Shkodran Mustafi über Selbstständigkeit, Heimatgefühle, Respekt für Polizisten und Disziplin im Ramadan.

Shkodran Mustafi
Shkodran Mustafi (Deutschland). Foto: Imago

Herr Mustafi, das russische Frühstück ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, wie geht es Ihnen hier in Sotschi als praktizierender Moslem im Fastenmonat Ramadan?
Den Ramadan kann ich momentan nicht einhalten. Das ist wegen der Trainingseinheiten und Spiele nicht möglich. In den freien Tagen, ehe ich zur Nationalmannschaft angereist bin, habe ich mich an den Ramadan gehalten. Aber jetzt gilt es aufzupassen, dass man dem Körper angesichts der Belastungen keinen Schaden zufügt. Und was das Essen grundsätzlich angeht: Wir haben ja unseren eigenen Koch dabei. Der weiß, worauf wir Jungs beim Frühstück stehen.

Worauf stehen Sie? Brötchen mit Nutella?
Ich esse morgens gern Omelette. Das reicht mir in der Regel.

Der Ramadan hört dieses Jahr erst am 25. Juni auf. Da werden die Tage ganz schön lang.
Das stimmt, und deshalb ist es auch sehr anstrengend, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang weder etwas zu essen noch zu trinken. Aber dabei geht es auch um den Willen. Für mich ist es eine schöne Sache, weil es mich wieder zurück auf den Boden holt. Es zeigt mir, dass ich ein Mensch bin wie alle anderen auch. Ganz egal, wie viel man hat und wie viel man fürs Essen ausgeben kann – in dem Monat ist man begrenzt. Das ist für mich wichtig, weil es meine Religion von mir verlangt.

Benötigt man dieses zu Boden kommen als Fußballprofi, als der man ja in einer Traumwelt lebt?
Bei mir ist es so: Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Familie. Nicht nur zu meinen Eltern, sondern auch zu meinem Bruder, zu Cousins, Onkels und Tanten. Deshalb habe ich auch nie gedacht, ich sei etwas ganz Besonderes. Ich fühle mich nicht als Star der Familie.

Sie können ordentlich feiern, das hat man nach dem WM-Titel und auch jetzt gerade nach dem gewonnenen FA-Cup-Finale gesehen, als Sie wegen einer Gehirnerschütterung pausieren mussten. Stemmen Sie nie, wie das in England auch unter Fußballprofis üblich ist, mal ein paar Pints im Pub weg?
Ich habe noch nie Alkohol getrunken. Dabei wird es auch bleiben. Das hat mit meinem Glauben zu tun, aber auch mit der Überzeugung, dass es für mich nicht gut ist. Ich habe Alkohol nie gebraucht und kann auch so den Moment leben.

Sie haben mal gesagt: „Egal was, passiert, Du hast immer dein Zimmer zu Hause, und es wird immer dein Zimmer bleiben.“
Das hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben, als ich mit 14 zum Hamburger SV gewechselt bin. Der Satz war wichtig für mich, weil er mir den Druck genommen hat, als ich aus unserer Kleinstadt Bebra ins große Hamburg umgezogen bin. Meine Eltern haben mir immer gesagt: „Du bist nicht verpflichtet, das durchzuziehen. Wenn du nicht mehr magst, kommst du zurück nach Hause.“ Es war schön, das im Hinterkopf zu haben, aber es kam für mich nicht in Frage. Ich wollte meinen Traum, Fußballprofi zu werden, wahr machen.

Sie hatten damals unter anderem auch ein Angebot von Eintracht Frankfurt. Wäre das als Nordhesse nicht die naheliegende Lösung gewesen?
Ich habe mich nicht für die einfachste Möglichkeit entschieden, sondern für die, die die sinnvollste für mich war. Das Internat in Hamburg hat mir am besten gefallen. Ich habe dort drei Jahre verbracht und bin zum Junioren-Nationalspieler geworden.

Und wenn es als Profi nicht gereicht hätte?
Wäre ich vielleicht Polizist geworden.

Warum?
Weil ich sehr viel Respekt vor Polizisten habe. Die haben einen riskanten Job, mit dem sie sehr viel Gutes tun, auch wenn das nicht immer und in jeder Situation von jedem geschätzt wird. Ich finde, in dem Beruf brauchst du einen starken Charakter. Denn selbst dann, wenn du jemandem etwas wirklich Gutes tust, kann es passieren, dass du von dem beleidigt und beschimpft wirst. Da muss ein Polizist cool bleiben.

Cool bleiben zählt bei Ihnen auch zu auffälligen Eigenschaften. Sie mussten bei der WM 2014 und der EM 2016 sehr kurzfristig Ihren Mann stehen. 2016 haben Sie im Auftaktspiel gegen die Ukraine sogar ein wunderschönes Kopfballtor gemacht.
So einfach war es tatsächlich nicht, auf den Punkt da zu sein, als ich gebraucht wurde. Die Situation habe ich jetzt schon mehrfach erlebt. Das Schwierige daran war für mich, dass ich mich auf das Einfache konzentrieren musste: Ordentlich verteidigen, gut mitspielen, organisieren, mir nicht zu viel Druck machen, dass ich etwas Besonderes bewerkstelligen muss. Mittlerweile weiß ich, damit umzugehen.

Sie waren bei der WM 2014 die Nummer 23, nachnominiert für den kurzfristig verletzten Marco Reus, jetzt sind Sie die Nummer zwei, stellvertretender Kapitän. Sie haben im Länderspiel gegen San Marino die Binde bekommen, als Julian Draxler ausgewechselt wurde. Was hat Ihnen das bedeutet?
Das war natürlich ein schönes Gefühl. Aber für mich ging es in dem Moment vor allem darum, mit den Mitspielern zu kommunizieren und die Konzentration hochzuhalten. Das war die Aufgabe, die das Trainerteam von mir verlangt hat. Aber gerade für meine Familie, die komplett im Stadion war, war es natürlich etwas ganz Besonderes.

Haben Sie die Binde behalten?
Die habe ich wieder abgegeben. Ich bin nicht so der Sammlertyp. Ich bin auch nicht unbedingt derjenige, der hier herumläuft und Fotos macht, damit ich die meinen Kindern später mal zeigen kann. Denn ich finde, sonst ist die Gefahr zu groß, den Moment zu verpassen. Ich hole meine Erinnerungen lieber aus dem Kopf zurück.

Oliver Bierhoff hat sich dieser Tage auch erinnert. Der Manager der Nationalmannschaft sagte, Sie seien ihm schon als 17-Jähriger in der Jugend-Nationalmannschaft durch eine besonders reife Ausstrahlung aufgefallen.
Damals sind wir Europameister geworden in Magdeburg. Ich habe es schon öfter zu hören bekommen, dass ich reifer rüberkomme, als man es bei meinem Alter erwartet. Das liegt wohl daran, dass ich mit 14 schon von zu Hause weg bin. Beim HSV musste ich für vieles selber sorgen. Da wurde man nicht direkt, wie manchmal üblich im Profifußball, in Watte gepackt. Ich musste also Wäsche waschen, Bügeln und Putzen. Aufgaben, die ich zu Hause nicht bekommen hätte. Ich bin im Nachhinein dankbar dafür. Und danach war es weiter so: Egal, wo ich hingegangen bin, ich bin alleine gegangen. Meine Familie ist immer in Deutschland geblieben.

Sie waren in Everton, Genua, beim FC Valencia und sind nun beim FC Arsenal. Und Sie haben dabei viel selbst organisiert?
Ich finde es wichtig, nicht alles seinem Berater zu überlassen und nur zu unterschreiben. Auch mit Blick auf die Zeit nach der aktiven Karriere. Sonst ist man dann ein hilfloser Fall und verblödet geradezu.

Sozusagen nebenbei haben Sie fünf Sprachen gelernt. Neben Deutsch und Albanisch noch Spanisch, Italienisch und Englisch. Gehen alle Sprachen flüssig? Könnten Sie jetzt direkt loslegen?
Mit dem Italienischen wäre es gerade etwas schwieriger, das frische ich nur ab und zu beim italienischen Restaurant in London auf. Da müsste ich wieder etwas reinkommen, Spanisch wäre einfacher, in London spiele ich mit einigen Spaniern zusammen, da komme ich nicht aus der Übung.


 
Bei Arsenal gehören auch Per Mertesacker und Mesut Özil zu Ihrer Mannschaft, zwei Spieler, mit denen Sie gemeinsam 2014 Weltmeister geworden sind. Gibt es Freundschaften im Profifußball?
Sicher gehen wir ab und zu mal gemeinsam essen. Ich bin eher der Typ, der nicht sofort sagt: „Das ist mein Freund.“ Für mich sind Mitspieler erst einmal Mannschaftskollegen. Wenn man sich irgendwann über Privates austauscht, dann entwickelt sich eine Freundschaft. Ich finde, das Wort Freundschaft wird mittlerweile mitunter etwas überstrapaziert.

Mario Götze ist Ihnen über die Jahre zu einem Freund geworden?
Ich habe mit Mario schon zusammengespielt, als wir 15 waren. Mit ihm habe ich mich schon oft über anderes unterhalten als über Fußball. So entstehen dann über die Jahre Freundschaften.

Was machen Sie als stellvertretender Kapitän einer relativ unerfahrenen Rasselbande anders als zuvor?
Als Innenverteidiger übernimmt man ohnehin eine Führungsrolle, weil man von hinten in der Kette alles sieht. Zumal in einer Dreierkette, wie wir sie zuletzt praktiziert haben, in der ich zentral der letzte Mann war. Da muss man viel reden, das wird von einem Verteidiger erwartet und das tue ich. Das gehört sozusagen zum Jobprofil.

Und außerhalb des Platzes?
Da brauche ich niemanden an die Hand zu nehmen. Jeder einzelne ist in seinem Verein eine tragende Säule, jeder weiß, was er hier leisten muss.

Was erwarten Sie von sich und der Mannschaft hier in Russland beim Confederations Cup?
Jeder von uns hat Bock auf den Confed-Cup. Das spüre ich und das hat man schon gesehen: Gegen San Marino haben wir top-seriös bis zu Ende gespielt. Das zeigt den Charakter der Mannschaft. Wir ziehen hier das Ding durch bis zur letzten Minute.

Interview: Jan Christian Müller

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Confederations Cup

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