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Reinhard Grindel und die Özil-Debatte Die Verzwergung des Reinhard Grindel

Der Widerstand gegen den DFB-Präsidenten wird seiner Arbeit nicht gerecht - ein Porträt.

Reinhard Grindel
Krisengespräch im Mai in Berlin: Löw, Özil, Grindel, Gündogan und Bierhoff (v. l.). Foto: dpa

Reinhard Grindel ist gerade wieder unterwegs gewesen. Sein Besuch führte den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes zum Sommertrainingslager der Bundesliga-Schiedsrichter nach Grassau. Im beschaulichen Oberbayern konnten sie gemeinsam Wunden lecken, die vielkritisierten deutschen Referees und der 1,92 Meter große Grindel, der gerade so klein gemacht wird wie kein anderer Mann im Land.

Dabei giert der Norddeutsche doch so sehr nach Anerkennung – und steht sich damit manchmal selbst im Weg. Seine Eitelkeit frisst bisweilen seinen Fleiß auf, seine mitunter cholerischen Anfälle konterkarieren seine Sozialkompetenz, sein Trieb nach Anerkennung negiert seine Zuverlässigkeit, und vor allem: Seine Vergangenheit als Rechtsausleger auf einer Hinterbank der Christdemokraten im Bundestag holt den emsigen Kletterer der Karriereleiter in diesen komplizierten Tagen wieder ein und droht, seine Laufbahn als Sportfunktionär mitsamt der schönen Leiter zu kippen.

Rassismus als offener Vorwurf

Mesut Özil und seine Berater haben den Rückzug des 92-fachen Nationalspielers mit List und Tücke in eine konkrete öffentliche Rücktrittsforderung an Grindel gewickelt. Sie unterstellen, der 56-Jährige sei ein Rassist. Das ist, mit Verlaub, eine Anschuldigung, die durch Fakten keineswegs gedeckt ist. Entsprechend nachvollziehbar eindeutig hat der DFB am Montagnachmittag nach einer Telefonkonferenz des 19-köpfigen Präsidiums reagiert: „Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir in aller Deutlichkeit zurück.“ Der Verband nannte in seiner Mitteilung nicht ein einziges Mal den Namen Grindels und räumte ein: „Dass Mesut Özil das Gefühl hatte, als Ziel rassistischer Parolen gegen seine Person nicht ausreichend geschützt worden zu sein, bedauern wir.“

Inwieweit diese Demutsgeste von Herzen kommt, sei einmal dahingestellt. Tatsächlich hat der Jurist Grindel seit seiner Amtsübernahme als Nachfolger des im Zuge der WM-Affäre zurückgetretenen Wolfgang Niersbach einen spürbaren Linksruck vorgenommen. Ob dies aus Leidenschaft oder Kalkül passierte? Wer Grindel regelmäßig begleitet und beobachtet hat, tendiert zur Leidenschaft. Da wirkt und spricht einer nicht mehr wie der konservative Hardliner, der er als Politiker nach seiner Karriere als TV-Journalist beim ZDF noch war. Aber er hat es nicht geschafft, wahrscheinlich nie und nimmer schaffen können, aus der Affäre Özil-Gündogan-Erdogan heraus eine Atmosphäre im Verband und im Land zu entwickeln, die die Gemeinsamkeiten in einer extrem aufgeheizten und von der Özil-Seite nun mit ganz großem Holz befeuerten Debatte groß und das Trennende klein aussehen lässt.

Wenn jetzt Menschen Grindel in Schutt und Asche wünschen, die schon vorher alles ganz genau gewusst haben, vergessen diese Besserwisser die profane Logik des Profifußballs. Eine Logik, die bei großen Turnieren noch potenziert wird: Siege verdecken selbst drängendste Probleme, Niederlagen machen die Probleme zu Riesen und die Verlierer zu Zwergen. Die Verzwergung des Reinhard Grindel kommt dabei mit einer ganz ähnlichen Wucht, wie sie auch sein Vorgänger Niersbach erfuhr, wenn auch aus völlig anderen Gründen.

Grindel selbst erweckt gerade den Eindruck, er befinde sich als Hauptdarsteller im falschen Film. Anders als Niersbach, den seine getreuen Fußballfreunde noch im Amt hielten, als er längst schon gefallen war, fehlt dem Quereinsteiger das enge Netzwerk in die Bundesliga, wo er allenfalls gelitten, aber nicht annähernd so respektiert wird, wie er sich das wünschen würde. Auch im Fifa-Council, dem mächtigsten Entscheidungsgremium des Weltfußballs, ist der auch gesundheitlich angeschlagene Mann keinesfalls von Freunden umgeben. Was auch daran liegt, dass Grindel dem Fifa-Boss Gianni Infantino nicht nach dem Mund redet.

Özils Attacken zielen ins Herz der Republik, des Deutschen Fußball-Bundes und vor allem seines wankenden Vorsitzenden. Der ist mit dem Ansinnen angetreten, den DFB wieder politischer zu machen nach der Ära des pragmatischen Kumpeltyps Niersbach. Dass dabei in Grindels Verantwortung als oberster Fußballvertreter im Land eine bis tief in die Gesellschaft und den Amateurfußball klaffende Wunde gerissen wurde, ist auch eine persönliche Tragik des Quereinsteigers. Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass die Zukunft eines gewieften Strippenziehers nun wohl auch davon abhängt, ob sein Renommierprojekt nicht platzt. Im September entscheidet der Europäische Verband, ob Deutschland die Europameisterschaft 2024 als Ausrichter zugesprochen bekommt. Einziger Mitbewerber: die Türkei.

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