Lade Inhalte...

Reaktionen auf Mesut Özil Gegen Erdogan, aber für Özil

In der türkischen Gemeinde solidarisieren sich viele mit dem ehemaligen Nationalspieler – auch Kritiker des türkischen Präsidenten.

Fans in Berlin
Es war einmal ... Jugendliche Fans bei der Fußball-EM am 25. Juni 2008 in Berlin. Foto: dpa

Die Vorwürfe sind harsch, die Reaktionen sind es nicht minder. In mehreren Statements auf Twitter hatte Mesut Özil am Wochenende seinen Rückzug aus der deutschen Fußballnationalmannschaft verkündet. Er watschte dabei nicht nur die Medien, sondern auch den Deutschen Fußballbund und allen voran den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel kräftig ab, denen er eine latente Fremdenfeindlichkeit vorwarf.

Er fühle sich ungewollt und verspüre „ein Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit“, hatte der Fußballer mit türkischen Wurzeln getwittert und damit nach monatelangem Schweigen seinen umstrittenen Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan kommentiert.

Seitdem ist in Deutschland der Teufel los. Hat der Mann recht? Gibt es hierzulande – und vor allem unter den deutschen Fußballfunktionären – mehr „rassistische Tendenzen“, als man gemeinhin wahrhaben will? Und: Wer ist schuld, wenn ein Mensch mit nichtdeutschen Wurzeln sich in seinem Geburtsland außen vor fühlt? Er selber? Oder das Land, das ihn – so Özils Vorwurf – nicht als Deutschen akzeptiert?

In ihrem Geschäft für Hochzeitsdekoration an der Keupstraße zeichnet Meral Sahin in geschwungenen Buchstaben Namen auf ein Pappherz. „Özil ist hier gerade das Thema Nummer eins“, sagt sie. „Und jeder, auch jeder Erdogan Gegner, stellt sich aktuell hinter ihn. Weil er in dieser Situation mehr für den Migranten steht als alles andere.“

Özils Behandlung würde von vielen als große Ungerechtigkeit angesehen. Dennoch glaubt Sahin nicht, dass sich der Fall auf die Integration der Deutschtürken hierzulande auswirken werde. „Integration funktioniert, gewollt oder ungewollt, meist ganz von alleine.“ Sahin, die aktuell auch Sprecherin der IG Keupstraße ist, deutet auf das Pappherz vor sich. „Das Paar hier ist halb bosnisch und halb persisch. Heute Morgen hatte ich Kunden, die teils italienischer, deutscher und tunesischer Herkunft sind.“ In ihrem Geschäft verkauft sie Hochzeitsaccessoires für verschiedenste Kulturen; Griechen, Türken, Inder. „Ich lerne so viel von meiner Kundschaft.“

Ein paar Meter weiter, im Friseursalon „Ilyas“, sieht Mustafa Cinbas die Situation kritischer. Er pinselt Farbe in die Haare von Neslihan Akcan, die seine Antworten ins Deutsche übersetzt. „Mittlerweile wird alles nur noch politisch betrachtet“, sagt er. „Ich habe es auch nicht befürwortet, dass Erdogan gewählt wurde. Aber es ist passiert und ich muss das akzeptieren.“

„Ein sehr schlechtes Zeichen“

Wenn die Menschen auf der Keupstraße den Umgang mit Mesut Özil kommentieren, dann fällt immer wieder ein Wort: übertrieben.

Timur Özkan, aus dem Juweliergeschäft Marka Istanbul, sieht in der Debatte ein „schlechtes, ein sehr schlechtes Zeichen“. Jetzt, wo doch die AfD ohnehin schon so stark sei. „Das alles sorgt dafür, dass wir uns wieder als Ausländer sehen. Aber ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich arbeite hier und zahle hier meine Steuern.“ Noch immer gebe es in der Gesellschaft viel zu viele Vorurteile, fügt er hinzu. „Leute, die die Keupstraße nicht kennen – sie denken, sie würden hier angemacht. Aber wir sind sehr gastfreundlich. Wir unterscheiden nicht nach Herkunft.“

Auch der Kölner Rapper Eko Fresh, der bürgerlich Ekrem Bora heißt und türkisch-kurdischer Abstammung ist, hat etwas zum Thema Integration zu sagen: „Es stört mich, dass die Fronten so verhärtet sind, weil ich das so nie erlebt habe“, sagt er dem „Express“. Auf seinem neuen Album hat er ein Lied zu dem Thema veröffentlicht: Dort streiten sich ein Nazi und ein Türke, werfen sich ihre Ideologien an den Kopf. Eko Fresh sieht seine Aufgabe aber nicht darin, beides zu bewerten: „Beide Seiten haben ja mit mir zu tun. So geht es auch der Mehrheit, denke ich. Nur sind die nicht so laut.“

Die Religionswissenschaftlerin Paula Schrode verweist auf eine bedenkliche Entwicklung: Junge Muslime hätten zunehmend das Gefühl, es werde immer enger für sie, sagt Schrode. Und bestätigt damit Özils Vorwurf, er als Deutschtürke werde nicht als „vollwertiger Deutscher“ akzeptiert.

Viele Muslime, so Paula Schrode, glaubten, dass die Mehrheitsgesellschaft bei ihnen nach „dem Haar in der Suppe“ suche, eben weil sie Muslime seien. „Hätte sich statt Özil mit Erdogan ein russischstämmiger Fußballnationalspieler mit Putin fotografieren lassen, wäre der Aufschrei wohl nicht so groß gewesen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen