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Pöbel-Fans Starke Worte der Spieler

Es war bemerkenswert, mit welcher Klarheit Mats Hummels und Julian Brandt die Verfehlungen der Meute in der Kurve klar benannten. Ein Kommentar.

Mats Hummels
Mats Hummels: Klar positioniert. Foto: AFP

Den deutschen Fußball-Nationalspielern und ihrem Trainer Joachim Löw wird mitunter nicht zu Unrecht vorgeworfen, sie hielten sich aus politischen Debatten lieber raus, entweder, weil es nur vermeidbaren persönlichen Stress verursachte, der sie von ihrem eigentlichen Job abhielte. Oder, weil sie schlicht kein Interesse und/oder keine Meinung dazu hätten. Bei der EM 2012 in Polen hatten sie es nicht einmal geschafft, sich in demütiger Erinnerung geschlossen aus ihrem nahen Teamhotel in Danzig zur Westerplatte zu begeben, wo Hitler-Deutschland am 1. September 1939 Polen angegriffen und so für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gesorgt hatte. Es war eine verpasste Chance, ein Zeichen zu setzen.

Fünf Jahre danach, vor dem Confederations Cup in Russland, hatten die Profis auf speziell installierten Apps vom Deutschen Fußball-Bund Verhaltensvorschläge zur Wortwahl bei sensiblen Fragen nach der russischen Politik bekommen. Daran hielten sich alle Spieler in ihrer persönlichen Öffentlichkeitsarbeit. Der erfahrungsgemäß in seinen Meinungsäußerungen unangepasste Mats Hummels gehörte allerdings nicht zum Aufgebot.

Löw und Bierhoff zunächst nicht klar positioniert

Es ging beim Confed-Cup für die Spieler darum, nach Rat des DFB Fettnäpfchen zu vermeiden und ein Maß an zurückhaltender Diplomatie zu finden, um die Gastgeber nicht zu verärgern, etwa, indem man sie für die Korruption bei WM-Stadionbauten, den Einsatz nordkoreanischer Billiglohnkräfte, die Verhaftung von Regimekritikern oder das Niederknüppeln von Demonstranten kritisierte.

Die Aufgabenteilung im DFB ist im Sommer 2017 sehr klar gewesen: Präsident Reinhard Grindel war für die komplizierten Themen verantwortlich, mit denen man sich bei den Russen und der Fifa in die Nesseln setzen kann, Bundestrainer Joachim Löw, Manager Oliver Bierhoff und die Spieler kümmerten sich erfolgreich ums Sportliche und eckten ansonsten nirgendwo an.

Am Freitag nach dem Spiel in Prag hatten Trainer und Manager sich auch im Angesicht der hässlichen Fratze eines deutschen Mobs und dessen „Sieg-Heil“-Verbalgewalt zunächst nicht klar positioniert. Man muss Löw und Bierhoff zugestehen, dass sie nicht alle Auswüchse im Stadion tatsächlich vernommen hatten und erkennen konnten, anders als offenkundig deutsche Spieler, die sich danach keineswegs abduckten.

Es war bemerkenswert, in welcher Form und mit welcher Klarheit vor allem der erfahrene Mats Hummels, aber auch der junge Julian Brandt die Verfehlungen der Meute in der Kurve klar benannten und sich noch klarer davon distanzierten. Ohne jedes Wenn und Aber. Das waren starke Worte, die einem starken Zeichen folgten. Das war der noch viel größere Erfolg als jener glückliche auf dem Platz gegen Tschechien. Es war ein souveräner Sieg über eine Horde Neo-Nazis.

Denn gemeinsam mit ihren Teamkollegen hatten die Spieler es zuvor geschlossen abgelehnt, sich auf die rituellen Dankesbekundungen zur deutschen Kurve zu begeben, in der der Pöbel lautstark die Meinungsführerschaft übernommen hatte. Stattdessen waren sie direkt im Kabinentrakt verschwunden, was bei weitem nicht nur von denjenigen, die für die Verbalinjurien verantwortlich waren, mit „Scheiß DFB“-Parolen bedacht wurde.

Der DFB hat am Wochenende durch Präsident Grindel, Generalsekretär Friedrich Curtius und Löw eine angemessene Mischung aus Lob für die Profis und Kritik an dem Gesindel dumpfer Störer gefunden, dem selbst in einer Schweigeminute vor dem Spiel ein Minimum an Respekt vor den Toten und dem gastgebenden tschechischen Verband mangelte. Szenekenner wissen nicht erst seit diesem Wochenende, dass der Hooliganismus sich in Deutschland wieder ausbreitet. Begleitet von nationalistischen Parolen und strategischer Planung, um die Sicherheitskräfte auszutricksen.

Einfache Lösungen, um derartige Auswüchse ohne extrem hohen personellen und koordinativen Aufwand der Behörden zu unterbinden, hat bislang noch niemand gefunden. Zumindest nicht innerhalb der europäischen Grenzen, die in der Regel keine Passkontrollen erfordern. Bei Auswärtsspielen deutscher Nationalteams hat es in der Vergangenheit schon schlimmere Bilder physischer Gewalt gegeben, vor zehn Jahren in Prag, davor in Bratislava, 2014 in Warschau, zuletzt vergangenen Sommer bei der Europameisterschaft im französischen Lille. Im Zeitalter des Internets ist es naiv zu glauben, man könnte in demokratischen Ländern ganze Fußballstadien füllen und jeden einzelnen Besucher mitsamt dessen Gefahrenpotenzial kennen.

In einem autokratisch geführten Land wie Russland ist in Fragen der Überwachung indes mehr möglich als in Deutschland und dem benachbarten EU-Mitgliedsstaat Tschechien. Der Confed-Cup, wo Zuschauer sich unter Vorlage ihres Passes erst eine sogenannte Fan-ID abholen mussten, ehe sie in die Arenen gelangten, soll nach den Plänen der Veranstalter auch für die WM 2018 beispielgebend sein. Man muss das Identifizierungssystem nicht im Grundsatz gut finden, aber es dürfte bei dem Großereignis der notwendigen Sicherheit dienen. Und Leuten wie denjenigen, die sich für ihre Randale auch noch ausgiebig gegenseitig feiern, einen WM-Besuch ungleich schwerer machen als jenen am Freitag in der Prager Edenarena.

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